Baubeginn für die Ostsee-Pipeline
Mit einem Festakt gibt der russische Präsident Dmitri Medwedew am heutigen Freitag den offiziellen Startschuss zum Bau der Gaspipeline Nord Stream. Die rund 1220 Kilometer lange Leitung soll ab Ende 2011 Erdgas vom russischen Wyborg bis nach Lubmin an der deutschen Ostseeküste befördern. Damit kann Russland seine Vormachtstellung als Energielieferant Nr. 1 der Europäischen Union weiter ausbauen
Aus Stockholm Reinhard Wolff
Joschka Fischer liegt jetzt 0:1 zurück: Wenn im russischen Wyborg Präsidenten Dmitri Medwedew heute 11 Uhr den Baustart der Gaspipeline Nord Stream gibt, hat Gerhard Schröder nun auch ganz offiziell sein erstes Tor geschossen. Anders als sein ehemaliger Außenminister hat der Exkanzler nun auch noch Pipeline-Geschichte geschrieben. Schröder ist für das Betreiberkonsortium als Lobbyist unterwegs gewesen, genau wie Joschka Fischer. Nur dass der Ex-Außenminister das Nabucco-Konsortium berät - und für die Trasse aus der Türkei ist der Baustart noch lange nicht in Sicht.
Nun also wird gebaut an der Ostsee-Pipeline: Am Mittwoch wurden auf der vor der schwedischen Ostseeinsel Gotland liegenden Verlegeplattform "Castoro Sei" die ersten der je 12 Meter langen Rohre zusammengeschweißt. Mehr als 100.000 werden für die 1.224 Kilometer lange Strecke benötigt. Für eine geplante parallele Trasse, die ab dem kommenden Jahr gebaut werden soll, werden es noch einmal so viele sein. Die "Castoro Sei" soll sich in den nächsten Monaten in nordöstlicher Richtung auf das russische Wyborg voranarbeiten. Die Arbeiten von Lubmin aus - dem deutschen Endpunkt der Pipeline - sollen im Mai beginnen.
Gegenüber den ursprünglichen Planungen hat sich der Baubeginn der 2005 beschlossenen Nord Stream, die mehrheitlich der russischen Gazprom und in Teilen auch Eon und BASF/Wintershall gehört, um zwei Jahre verzögert. Er kommt nun zu einem Zeitpunkt, an dem sich der Gasmarkt in starkem Wandel befindet. Vor zwei Jahren hatte Gazprom noch eine Verdreifachung des Gaspreises auf 1.500 US-Dollar für 1.000 Kubikmeter prognostiziert. Heute ist dieser auf 350 Dollar gesunken.
Verantwortlich dafür sind auch neue Erschließungsmethoden, mit deren Hilfe die USA Russland als größten Erdgasproduzenten mittlerweile überholt haben. Statt wie bislang üblich aus gashaltigen Sedimentschichten wird in den USA mehr und mehr sogenanntes Schiefergas gewonnen. Hierfür werden tief liegende Schieferschichten horizontal angebohrt, wobei das im Gestein enthaltene Gas unter hohem Wasserdruck und Chemikalieneinsatz freigesetzt wird. Das Verfahren ist wegen seiner Umwelteinwirkungen umstritten. Aber die Internationale Energieagentur IEA schätzt, dass die USA bald Eigenversorger werden und keine Importe mehr benötigen.
Flüssiggas aus den beispielsweise in Nordafrika, Dubai und Norwegen aufgebauten riesigen Anlagen, die primär auf den US-Markt zielten, würde dann nach Europa drängen. Und langfristig könnte auch europäisches Schiefergas interessant werden. In Polen, Schweden, Bulgarien und Rumänien wird bereits gesucht. IEA rechnet damit, dass die europäischen Vorkommen den westeuropäischen Gasbedarf für 50 Jahre decken könnten.

Das Verlegeschiff "Castoro Sei" arbeitet schon an der schwedischen Insel Gotland. (Fotos: bfn, STATOIL)
Ob die von Nord Stream auf insgesamt 8,8 Milliarden Euro geschätzten Baukosten - für die Kredite bürgt teilweise der deutsche Staat - sich jemals rechnen werden, scheint daher zweifelhaft. Zudem ist unklar, woher die jährlich 55 Milliarden Kubikmeter Erdgas kommen sollen, um die Leitungen zu füllen. Die Erschließung des dafür vorgesehenen Erdgasfelds "Shtokman" in der Barentssee hat Gazprom aus Kostengründen vertagt.
Am Donnerstag gab das Betreiberkonsortium eine Änderung der geplante Trassenführung vor der deutschen Küste bekannt. Ein Sprecher erklärte, sein Unternehmen habe beim Bergamt beantragt, den Anteil der Rohrleitungen, die innerhalb der Zwölf-Meilen-Zone in den Meeresboden eingegraben werden sollen, um 20 auf 47 Kilometer zu verlängern. Hintergrund der Änderungen sei zum einen die Sorge der Bundeswehr, dass die bisherige Trassenführung ein Munitionsübungsgebiet kreuzt. Zum anderen hat ein polnischer Unternehmer beklagt, dass die Trasse für Schiffe mit einem Tiefgang von 15 Metern die Zufahrt zum Swinemünder Hafen behindern werde, so der Unternehmenssprecher.
Sowohl in Deutschland als auch in Finnland sind von Umweltschutzorganisationen eingereichte Klagen gegen die Baugenehmigung noch nicht entschieden. Sie haben aber keine aufschiebende Wirkung auf die Arbeiten.
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