Neuer alter Braunkohletagebau

Renaissance der deutschen Braunkohle: Heute geht der Tagebau Reichwalde in Sachsen in Probebetrieb. 1997 war er wegen Unwirtschaftlichkeit eigentlich aufgegeben worden. Und obwohl seine Wiedererschließung Vattenfall 350 Millionen Euro kostete - das Verbrennen von "kohlenstoffhaltigem mitteldeutschem Mutterboden" lohnt sich immer noch

Aus Dresden Markus König

Im Tagebau Reichwalde (Landkreis Görlitz) werden sich am heutigen Mittwoch erstmals seit 11 Jahren die Ketten des Abraumbaggers bewegen: Vattenfall beginnt mit der erneuten Abraumförderung im Tagebau Reichwalde. Eine Sprecherin der Vattenfall Europe Mining & Generation erklärte, es handelt sich zunächst um einen Probebetrieb. Aber noch in diesem Jahr soll die eigentliche Förderung von Braunkohle beginnen. 1999 war die Förderung in Reichwalde eingestellt worden, weil sich der Kohleabbau nicht mehr lohnte. 11 Jahre später sieht das trotz Klimaschutz und Emissionshandel anders aus.

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Stillleben: Tagebau vor Kraftwerk Boxberg, hier allerdings das Braunkohleflöz in Nochten, also nördlich gelegen. Der Tagebau Reichwalde liegt von hier aus gesehen "hinter" dem Kraftwerk. (Fotos: Reimer)

1980 wurde mit der Erschließung von Reichwalde - des östlichsten Tagebaus im Lausitzer Revier - begonnen. Südlich des bereits seit 1973 fördernden Tagebaus Nochten wurde in einem dichter besiedelten Gebiet mit der Feldentwässerung begonnen. 1987 erfolgte die erste Braunkohleförderung in Reichwalde. Die Förderung wurde 1999 zunächst aus Rentabilitätsgründen gestundet; 2007 begannen jedoch die Arbeiten für die Wiederinbetriebnahme. Vattenfall hat nach eigenen Angaben rund 350 Millionen Euro in die Modernisierung der Fördertechnik investiert - darunter in eine Abraumförderbrücke vom Typ F60.

Die Renaissance der deutschen Braunkohle: Allen Klimaschutzzielen zum Trotz feiert der schädlichste Energieträger ein Comeback. Die Braunkohleverstromung verringerte sich 2009 zwar um 3 Prozent auf 1 508 Petajoule (51,5 Millionen Tonnen Steinkohleeinheiten). Dennoch deckt der klimafeindlichste aller Energierohstoffe nach wie vor knapp 25 Prozent der deutschen Stromerzeugung.

Braunkohle hat wesentlich weniger Energie gespeichert als beispielsweise Steinkohle. Selbst das modernste Braunkohlekraftwerk stößt im Vergleich zu Gaskraftwerken doppelt so viel Kohlendioxid aus - statt 370 Gramm CO2 pro Kilowattstunde mehr als 1000 Gramm CO2 pro Kilowattstunde. Braunkohlekraftwerke erreichen auch mit modernster Technik nur einen Wirkungsgrad von 43 Prozent, das heißt 57 Prozent der Energie gehen ungenutzt durch den Schornstein verloren. Demgegenüber weisen Gaskraftwerke mit Kraft-Wärme-Kopplung einen Wirkungsgrad von bis zu 80 Prozent auf. Greenpeace urteilt denn auch: "Braunkohle ist Gift für das Klima."

Doch das hält die Energiekonzerne nicht von einem weiteren Abbau ab, denn die Reserven sind noch beträchtlich. "Nach unserer Kalkulation rechnet sich die Verstromung der Braunkohle auch unter voller Einpreisung der Zertifikate", sagte Vattenfall-Sprecher Markus Füller. Braunkohletagebaue zu erschließen sei ein sehr langfristiger Prozess. So habe allein die technische Wiedereinrichtung des Tagebaus Reichwalde drei Jahre in Anspruch genommen. Füller: "Ziel ist, 10 Millionen Tonnen Kohle jährlich in Reichwalde zu gewinnen."

Daneben will Vattenfall - der zweitgrößte heimische Braunkohleverstromer - den Tagebau Jänschwalde-Nord weiter ausbauen. "Wir beginnen jetzt mit den Planungen, damit wir etwa 2015 eine Genehmigung erzielen können", so Füller.

lausitz-boxberg-kraftwerkZiel der Kohle aus Reichwalde: Das Vattenfall-Kraftwerk Boxberg.

Vattenfall hat nach eigenen Angaben das Recht, 366 Millionen Tonnen Kohle aus dem Tagebau Reichwalde zu fördern. Der Betrieb soll bis 2045 dauern. Umsiedlungen sind nach Angaben einer Unternehmenssprecherin zwar nicht nötig. Dafür muss aber eine viereinhalb Kilometer lange Dichtwand gebaut werden – stellenweise bis zu 24 Meter tief - um die nahen Orte vor einem Absinken des Grundwassers zu schützen.

Das Kraftwerk Boxberg - eben modernisiert - ist Ziel der Kohle; und um die auf möglichst direktem Wege zu transportieren, ist ein 13,5 Kilometer langes Förderband im Bau, das künftig – kameraüberwacht – die gesamte Strecke von der Grube bis ins Kraftwerk überbrücken wird. Bis zum Jahr 2015 muss der Weiße Schöps auf insgesamt 13 Kilometern in ein neues Flussbett weiter südlich verlegt werden. Bis zum Jahr 2014 wird die Bahnlinie Görlitz – Cottbus ein ganzes Stück nördlicher verlaufen.

Mitarbeit: NICK REIMER

 

Investition in die Zukunft ist die Darstellung von Vattenfall zum Projekt überschrieben.
Eine Darstellung der Problematik durch die Grüne Liga finden sie hier.

 

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