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VDMA: Europa wird halb erneuerbar bis 2030

In 20 Jahren wird knapp die Hälfte des europäischen Stroms erneuerbar sein, schätzt der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau. Bis dahin soll fast der komplette Kraftwerkspark ausgetauscht werden, auch neue Kohle- und Atomkraftwerke erwartet der Verband. Doch zu CCS äußert er sich überraschend nüchtern

Aus Berlin FELIX WERDERMANN

"50, 30, 20 – das sind nicht die Maße von Germany's Next Topmodel." Nein, das sind die Prognosen für 2030, sagt Thorsten Herdan, energiepolitischer Sprecher des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA). Gemeint ist damit der europäische Strommix: Der Verband schätzt, dass in 20 Jahren fast die Hälfte der Elektrizität aus regenerativen Quellen gewonnen wird. Fossile Kraftwerke liefern ein Drittel des Stroms, die verbleibenden 19 Prozent kommen aus Atomkraftwerken.

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Rund 50 Prozent des Stroms sollen bis 2030 aus Wind, Wasser und Co. kommen. (Foto: Michael Schulze von Glaßer)

Am Mittwoch stellte der Verband in Berlin seinen "Expertenausblick" vor – eine Prognose für die Entwicklung auf dem europäischen Strommarkt. Dafür wurde zunächst das Wirtschaftsforschungsunternehmen Prognos beauftragt, den zukünftigen Strombedarf zu ermitteln. Ergebnis: In 20 Jahren wird 13 Prozent mehr verbraucht als heute. Im zweiten Schritt wurden Expertenmeinungen von Anlagenbauern eingeholt, und zwar aus allen Bereichen – vom Atomkraftwerk bis zur Solaranlage. Wohlgemerkt: Die Untersuchung erkundet nicht, was bei konsequenter Förderung der Erneuerbaren Energien möglich wäre - sondern ermittelt anhand von Erwartungen der Branche einen voraussichtlichen Zustand.

Die Anlagenhersteller kommen jedenfalls zu dem Schluss, dass der europäische Kraftwerkspark bis 2030 quasi rundum erneuert werden müsse: Anlagen mit einer Gesamtkapazität von 800 Gigawatt müssten neu errichtet werden – das entspricht etwa der momentanen Kapazität. Das läge nicht nur daran, dass viele Kohlekraftwerke beinahe am Ende ihrer Lebensdauer angekommen sind, auch die neuen Energieformen kommen langsam in die Jahre: Allein in der nächsten Dekade müssten zwei von drei Windrädern ersetzt werden. Durch das sogenannte Repowering mit leistungsstärkeren Anlagen kann an etablierten Standorten künftig mehr Strom produziert werden.

Beim Branchenverband VDMA lösen solche Geschäftsaussichten verständlicherweise Glücksgefühle aus. Die Industrie rechnet sich "hervorragende Wachstumschancen" aus, die Gesamtinvestitionen in den nächsten 20 Jahren werden auf mehr als 1.000 Milliarden Euro geschätzt. Besonders viel Geld wird wohl in die Kassen der Erneuerbaren-Hersteller fließen. Zwei von drei neu gebauten Anlagen sollen den Strom aus Wind, Wasser, Sonne oder Biomasse erzeugen.

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Laut VDMA sollen auch neue Kohlekraftwerke gebaut werden -auf der Lausward in Düsseldorf ist zum Beispiel ein neuer Block geplant. (Foto: Stadtwerke Düsseldorf)

30 Prozent der neuen Anlagen jedoch werden nach VDMA-Einschätzung auf Kohle oder Gas basieren, hinzu kämen neue Atomkraftwerke in Frankreich und Finnland. Dabei zeichnet sich das finnische Prestigeprojekt Olkiluoto 3 bislang vor allem durch Bauverzögerungen und Kostenexplosionen aus. Aus Sicht des Industrieverbands ist ein vollständiger Umstieg auf Erneuerbare weder möglich noch wünschenswert: "Wer glaubt, auf einzelne Energieträger verzichten zu können, irrt gewaltig und setzt die Stromversorgungssicherheit in Europa aufs Spiel", meint Verbandssprecher Herdan.

Bemerkenswert ist die Studie trotzdem: Denn diese Prognose des eher konservativen Industrieverbandes zu Erneuerbaren Energien geht sogar über das hinaus, was die EU selbst bei "verstärkter Förderung" für 2030 erwartet: Vielleicht seien seien 50 Prozent erreichbar, so eine Studie im Auftrag der EU-Kommission im vergangenen Jahr. Nach Ansicht von Greenpeace wäre es bis 2030 sogar möglich, deutlich mehr als die Hälfte des europäischen Stroms aus Erneuerbaren Energien zu beziehen - wenn Politik und Wirtschaft es wirklich wollten - das geht aus dem Szenario "Energy [R]Evolution" von 2007 hervor. Die Anlagenbauer halten also inzwischen mehr für möglich, als die EU-Kommission.

Selbst die Industrie erwartet, dass die CCS-Technik allenfalls bei einem Teil der Kohlekraftwerke zum Einsatz kommt

Trotzdem fordert der VDMA von der Politik "Unterstützung im Werben um Akzeptanz für die notwendigen Neu- und Ersatzkraftwerke" - zum Beispiel für neue Kohlekraftwerke. Und kleine Atomlobbyisten sind die VDMA-Leute auch: Mittelfristig werde es "keine Ablösung einzelner Energieträger" geben, erklärte Herdan. "Wenn etwas abgelöst wird, dann eine ideologische Betrachtung von einer realistischen Betrachtung." Dies soll ein Seitenhieb gegen Atomkraftgegner sein, denen gern vorgeworfen wird, diese Risikotechnologie aus rein ideologischen Gründen abzulehnen.

Ein "intelligenter Mix aller zur Verfügung stehenden Energieträger" schwebt dagegen Verbandssprecher Herdan vor. Der VDMA-Ausblick geht davon aus, dass bis zum Jahr 2020 die europäischen Kohlendioxid-Emissionen um 15 Prozent im Vergleich zu 2005 sinken werden. Bis 2030 könne der CO2-Ausstoß allerdings auf 45 Prozent unter das Niveau von 2005 fallen. Der VDMA erklärt das mit dem Boom der Erneuerbaren - aber auch mit dem Einsatz der umstrittenen CCS-Technologie zur Abscheidung und unterirdischen Ablagerung von Kohlendioxid.

Ab 2020, glaubt der Verband, sei die Technologie kommerziell einsetzbar. Doch in einem Punkt dürfte die Branchenprognose Wasser auf die Mühlen der Kohlegegner sein: Nur bei jedem dritten neuen Kohlekraftwerk, so der VDMA, werde CCS zum Einsatz kommen - und die alten würden ohnehin nicht nachgerüstet.

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