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Nabucco soll Russland den Marsch blasen

In Ankara haben am Montag die Regierungschefs von Bulgarien, Österreich, Ungarn, Rumänien und der Türkei im Beisein von EU- Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso ein Regierungs- Abkommen zur Nabucco-Gaspipeline unterschrieben. Die 3.300 Kilometer lange Leitung soll Erdgas von der Region am Kaspischen Meer nach Österreich pumpen. Skeptiker bezweifeln, dass beim Start der Pipeline 2014 ausreichend Gas für die Leitung zur Verfügung steht

Von NICK REIMER 

"Ich habe überhaupt keinen Zweifel, dass wir genügend Gas für die Nabucco-Pipeline bekommen", sagte der Chef der Handelstochter Rwe Supply & Trading, Stefan Judisch, der Nachrichtenhagentur Reuters. Die Pipeline könne mit Gas aus dem Irak beliefert werden. "Als weitere Lieferländer kommen Aserbaidschan, Turkmenistan, Ägypten und langfristig auch Kasachstan infrage." Aber mal ehrlich: Geht es darum überhaupt?

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"Zur Durchsetzung von nationalen Interessen in der Außenpolitik haben Öl und Gas dieselbe Bedeutung wie Atomwaffen", hat einmal  Sergei Iwanow formuliert, der damals russischer Außenminister war. Russland ist mit nachgewiesenen 48.000 Milliarden Kubikmeter Vorräten mit Abstand der potenteste Einzelexporteur von Erdgas. Allerdings bringen es Iran, Katar, Saudi-Arabien, der Irak und die Vereinigten Arabischen Emirate zusammen auf 70.000 Milliarden Kubikmeter Vorrat. Beide Regionen zusammen - die so genannte strategische Ellipse - besitzen etwa 70 Prozent der Welt-Gas- und -Ölvorräte. Europa, die USA, China und Indien hingegen - die Hauptverbraucher fossiler Brennstoffe - sind quasi erdgasfrei.

Und Deutschland? Wie abhängig ist die Bundesrepublik von der "strategischen Ellipse"? Immerhin 24 Prozent des deutschen Erdgases stammen aus Norwegen - Europas Erdgas-Krösus. 19 Prozent kommen aus den Niederlanden. Allerdings ist dieses Gas - so genanntes niederkalorisches - von minderer Qualität. Genauso wie das einheimische: Deutschland förderte 20,6 Milliarden Kubikmeter im Jahr 2005 - was immerhin noch 16 Prozent des Eigenverbrauches ausmacht.

Erdgas wird hierzulande nordwestlich von Hannover, in Sachsen-Anhalt, im Oberrheinischen Tiefland, im Bayerischen Alpenvorland und auf Usedom gefördert. Allerdings sanken in den letzten fünfzehn Jahren die deutschen Reserven rapide: von 366 Milliarden Kubikmetern auf 279 im letzten Jahr. Experten gehen davon aus, dass spätestens 2025 Schluss sein wird mit der einheimischen Förderung.

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Alternativen müssen also her - und die technologisch am leichtesten machbaren liegen nach wie vor in Russland. Zwar ist es heute bereits technisch möglich, Gas "Pipeline-frei" zu transportieren. Doch das so genannte "Liquefied Natural Gas"-Verfahren ist mit 200 Dollar pro Tonne noch sehr teuer: In gigantischen Kühlanlagen wird das Gas auf unter minus 161 Grad Celsius gekühlt, wo es verflüssigt auf ein 600stel seines Volumens schrumpft. Derart kann es dann per Schiff transportiert werden, etwa von algerischen, nigerischen oder venezolanischen Erdgasfeldern.

Eon Ruhrgas prüfte lange Zeit, ob ein entsprechender Spezial-Frachthafen in Wilhelmshaven wirtschaftlich zu betreiben sei. Das Projekt war weit gediehen, bis der Konzern im letzten jahr seine Pläne absagte: Das Terminal in Rotterdam sei attraktiver, weshalb Eon sich dort beteiligte.

Die Trasse bleibt also Deutschlands wichtigste Gas-Schlagader. Den Vorteil der deutsch-russischen Ostseepipeline von Westrussland nach Vorpommern sehen geopolitische Strategen darin darin, dass sie auf dem Meeresgrund verläuft - also unabhängig von Transitstaaten ist. Niemand kann reinreden, keiner den Gashahn zudrehen.

btc_bp_hoch.jpgUnd keiner kann Transitgebühren kassieren, die bei Landleitungen üblich sind. Was natürlich Polen, Ukrainer oder Weißrussen erbost: Ihnen entgehen nicht nur die Transportgebühren, sondern auch geopolitischer Einfluss.

Russlands Staatskonzern Gazprom deckt den deutschen Erdgas-Jahresverbrauch in Höhe von 1.170 Milliarden Kilowattstunden immerhin zu 35 Prozent. 80 Prozent davon nahmen bislang den Weg über die Ukraine - und der war ja allwinterlich in den letzten Jahren gefährdet.

Dass soll nun die neue Pipeline ändern. Unter dem Projektnamen Nabucco soll  vom Kaspischen Meer über die Türkei und den Balkan gebaut werden - um die reichen Vorkommen Irans, Turkmeniens oder Kasachstans "russlandunabhängig" zu erschließen. Der Start des Projektes war mehrfach verschoben worden.

Die sechs Betreiber-Konzerne, darunter OMV aus Österreich und MOL aus Ungarn, werden spätestens 2010 eine Investitionsentscheidung treffen. Für den Bau der Röhre wurden zuletzt 7,9 Milliarden Euro veranschlagten.  Teilhaber sind außerdem die Unternehmen Botas (Türkei), Bulgargaz (Bulgarien), Transgaz (Rumänien) und natürlich der deutsche Primus RWE. Der frühere deutsche Außenminister Joschka Fischer lies sich als politischer Berater einkaufen.

Geld, das riskant angelegt ist: Erstens hat Russland längst reagiert, und eine Parallel-Pipeline angefangen. Die so genannte South-Stream-Trasse sollte die Europäer daran hindern, ihr eigenes Trassenprojekt voran zu bringen. Und dann gibt es noch einen wichtigen Unterschied zwischen South-Stream und Nabucco: Die Russen verfügen über Gas, dass sie durch ihre Leitung schicken können, das Nabucco-Konsortium noch nicht.  Bis zuletzt hatte Russland versucht, die Türken auf seine Seite zu ziehen.

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Bislang nämlich haben lediglich Aserbaidschan und der Irak erklärt, die Leitung befüllen zu wollen - wenn der Preis stimmt. Der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan will deshalb den Iran für Nabucco  gewinnen. "Wir wollen, dass iranisches Gas ein Teil von Nabucco wird, sobald dies möglich ist", sagte er. Die USA lehnen dies ab, solange sich das nicht zuletzt wegen des iranischen Atomprogramms schwer belastete Verhältnis zur Islamischen Republik nicht verbessert.

Benannt ist die Nabucco-Pipeline übrigends nach der gleichnamigen Oper von Guiseppe Verdi. Sie handelt vom Streben des jüdischen Volkes nach Freiheit aus der babylonischen Gefangenschaft. Nabucco ist die italienische Bezeichnung für den babylonischen König Nebukadnezar, die "Nabucco-Väter" waren bei ihrem Wiener Gründungstreffen in die Wiener Oper gegangen - um das Stück zu sehen.

Ob die Namenswahl glücklich war, wird sich zeigen: Nabucco ist eher ein Antiheld, der sich nach seinem Sieg über die Israeliten größenwahnsinnig selbst zum Gott erklärt.

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