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Die Thüga soll in Bürgerhand

Eon will seine Stadtwerke-Tochter verkaufen, eine  Genossenschaft bietet jetzt mit. Glaubt man der Financial Times Deutschland, steht der Verkauf unmittelbar bevor. Damit würde ein neuer Energieanbieter entstehen, der den "Vier Großen" EnBW, Vattenfall, RWE und eben Eon die Stirn bieten kann

AUS FREIBURG Bernward Janzing

Die südbadische Initiative "Energie in Bürgerhand" sammelt derzeit auf Treuhandkonten Geld ein, um einen möglichst großen Anteil des Energieversorgers Thüga zu kaufen, den der Eon-Konzern auf Druck des Kartellamtes vermutlich im Sommer oder Herbst abstoßen will. Bis zu 100 Millionen Euro an Eigenkapital will die genossenschaftlich organisierte Initiative dafür akquirieren. "Wir haben seit April bereits 7 Millionen Euro von rund 1.000 Mitgliedern dafür gesammelt", sagte Eckhardt Tröger von der Genossenschaft "Energie in Brügerhand". 

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Kommt der Transfer zustande, dürfte er als eine der spektakulärsten Aktionen der letzten Jahrzehnte in die deutsche Stromgeschichte eingehen. Denn die Thüga ist ein Unternehmen von beachtlicher Größe, ihr Wert wird in der Branche auf 3 bis 4 Milliarden Euro veranschlagt; sie besitzt Anteile an 110 Unternehmen, überwiegend kommunalen Energieversorgern. Wird die Thüga durch einen Verkauf ein unabhängiges Unternehmen, wird sie nach den großen vier Energiekonzernen der fünftgrößte Versorger Deutschlands sein.

v1_de_img_a11185_4_large.jpgAufsichtsratsvorsitzender von "Energie in Bürgerhand" ist Michael Sladek aus Schönau im Schwarzwald. Zusammen mit anderen "Stromrebellen" sammelte er Mitte der Neunzigerjahre einen Millionenbetrag von Bürgern zum Kauf des örtlichen Stromnetzes ein. Heute sind die daraus erwachsenen Elektrizitätswerke Schönau ein Ökostromversorger mit bundesweit mehr als 80.000 Kunden.

Sladek nennt drei Argumente für das neue Projekt. Zum einen erhielten die Bürger Einfluss auf die Geschäftspolitik der Thüga. Energiepolitik werde damit nicht mehr von oben verordnet, sondern man habe "die einmalige Chance, von unten her einen ökologischen Energiekonzern aufzubauen". Zudem halte man künftig Geld in der Region, das bisher abfließt. Und schließlich biete das Konzept den Bürgern eine sichere Geldanlage. Im letzten Jahr habe die Thüga einen Gewinn von über 11 Prozent erzielt. Auch wenn solche Erträge nicht ständig zu erwarten seien, sei das Investment "eine solide Anlage mit Vorsorgecharakter".

thuega_2009.jpgBei mehreren Banken wurden inzwischen anwaltliche Treuhandkonten eingerichtet. Mit einer Mindestsumme von 500 Euro kann seither jeder Bürger in das Projekt einsteigen. Sollte die Genossenschaft beim Verkauf der Thüga-Anteile nicht zum Zuge kommen, fließen die Einlagen mit eventuellen Zinsen an die Geldgeber zurück.

Allerdings gibt es mittlerweile weitere Interessenten:  Die Versorger Mainova in Frankfurt, Stadtwerke Hannover und N-ergie Nürnberg bewerben sich zusammen um 45 Prozent der Anteile. Eine Reihe kleinerer Versorger will weitere 15 bis 25 Prozent erwerben. Es sind in der Regel Thüga-Töchter, die die einmalige Chance nutzen wollen, durch Einkauf in ihre Mutterfirma unabhängiger von den Oligopolisten zu werden.

Wer am Ende den Zuschlag erhält, entscheidet jedoch Eon - der Ausgang der Geschichte ist daher noch völlig unklar. Die "Financial Times Deutschland" berichtete jedenfalls, Eon stehe kurz vor dem Verkauf seiner Stadtwerketochter.  "Wir stehen momentan fast täglich in Verhandlungen", zitiert die "FTD" eine mit den Vorgängen vertraute Person. Die Verhandlungen liefen "glatt", ein verbindliches Kaufangebot solle bald abgegeben werden. 

Ob die Bürgergenossenschaft dabei zu Zuge kommt ist unklar. Entscheidend für einen möglichen Zuschlag sie dürften zwei Faktoren sein. Zum einen die Frage, wie viel Geld sich in den kommenden Wochen auf den Konten ansammelt: Wird ein zweistelliger Millionenbetrag erreicht, was bei Ausdehnung der bislang regionalen Kampagne auf ganz Deutschland durchaus realistisch ist, hätte das eine erhebliche Signalwirkung. Der zweite Faktor ist die Unterstützung durch Politik und Kartellamt. Denn das Thema ist hochpolitisch, weil eine unabhängige Thüga als ernstzunehmender Wettbewerber den bislang vom Quartett der Oligopolisten geprägten Markt erheblich beflügeln würde.

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Entsprechend positiv sind durchweg die ersten Reaktionen aus den Fraktionen in Berlin - von der Union bis zur Linkspartei zeigen sich Energieexperten sehr angetan. Joachim Pfeiffer, Koordinator für Energiepolitik der CDU/CSU-Bundestagfraktion, sagt, er begrüße die Initiative und wünsche ihr viel Erfolg. Hans-Kurt Hill von den Linken freut sich über die "Möglichkeit, den Verbraucherinnen und Verbrauchern mehr Mitsprache bei Energiefragen zu geben", und auch Gudrun Kopp von der FDP sagt, sie habe für die Aktion "viel Sympathie". Doch genauso oft wie das Wort "sympathisch" hört man in diesen Tagen aus den Berliner Abgeordnetenbüros noch ein anderes Wort: "ambitioniert". Aber das schreckt die Schönauer nicht - ambitioniert waren ihre Ideen schließlich immer.

[Erklärung]  
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