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Greenpeace warnt vor AKW-Terrorgefahr

  VON FELIX WERDERMANN

„Atomkraft schadet Deutschland" steht auf dem Transparent, das die Aktivisten der Umweltorganisation Greenpeace von der Kuppel des Atomkraftwerks Unterweser herunterlassen. Sie fordern die sofortige Stilllegung des Reaktors - und sechs weiterer Reaktoren, die allesamt nicht ausreichend gegen Terror-Attacken aus der Luft geschützt seien.

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Greenpeace protestiert auf der Kuppel des Atomkraftwerks Unterweser

Die sieben ältesten Reaktoren - Biblis A und B, Brunsbüttel, Isar 1, Phillipsburg 1, Neckarwestheim 1 und Unterweser - müssen laut Ausstiegsvertrag in der nächsten Legislaturperiode ohnehin vom Netz genommen werden. Doch eine unionsgeführte Bundesregierung könnte den Ausstieg rückgängig machen und damit dem Klimaschutz schaden. Denn der Atomstrom verstopft die Netze, drückt den Strompreis und gefährdet damit auch den Ausbau der erneuerbaren Energien.

Greenpeace will klagen

Damit das nicht passiert, möchte Greenpeace auch rechtlich gegen fünf der sieben ältesten Atommeiler vorgehen. Die Umweltorganisation unterstützt Privatpersonen, die in der Nähe der Reaktoren leben, bei einem Terror-Angriff einer tödlichen Strahlendosis ausgesetzt wären und bereit sind, gegen die Kraftwerke zu klagen. Laut Greenpeace haben Betroffene bereits in der letzten Woche den Widerruf der Betriebsgenehmigung von Isar 1 und Phillipsburg 1 beantragt. Sollte der Antrag - erwartungsgemäß - abgelehnt werden, soll gegen die Atomaufsichtsbehörden geklagt werden. Bei diesen beiden Anlagen sind das die Umweltministerien Bayern und Baden-Württemberg.

Das Privatpersonen klagen können, wurde ermöglicht durch ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts aus dem letzten Jahr. Dieses hatte einer Anwohnerin das Recht auf Schutz vor Strahlung vom Atomkraftwerk Brunsbüttel zugesprochen. Im Januar wurde das Urteil durch das Bundesverfassungsgericht bestätigt.

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Das Atomkraftwerk Brunsbüttel gehört auch zu den sieben ältesten Anlagen

Einer, der sich das jetzt zu Nutze machen möchte, ist Thomas Maxhofer. Der ehemalige Pilot lebt 15 Kilometer vom AKW Isar 1 entfernt und wäre bei einem Unfall nach Greenpeace-Berechnungen innerhalb einer Woche einer Strahlendosis von über 12.000 Millisievert ausgesetzt. Zum Vergleich: Ab 7.000 Millisievert tendiert die Überlebenschance gegen Null. Wenn die radioaktive Wolke nach drei Stunden bei Maxhofer ankommt, bekäme er alleine durch das Einatmen bereits eine Dosis von knapp 3.000 Millisievert ab.

Maxhofer erzählt, ihm sei das Atomkraftwerk zwar „immer schon ein Dorn im Auge" gewesen, doch nachdem er sich intensiver mit der Terror-Gefahr beschäftigt habe, sei ihm immer mulmiger geworden. „Je mehr ich weiß, umso bedrohlicher empfinde ich das."

Evakuierung bei Flugzeugabsturz quasi unmöglich

Die Physikerin Oda Becker, die für Greenpeace die Folgen eines Flugzeugabsturzes untersucht hat, kommt zu dem Ergebnis: „Eine Evakuierung macht nur Sinn in der Vor-Freisetzungsphase" - also zu einem Zeitpunkt, an dem ein Unfall absehbar ist, Radioaktivität aber noch nicht freigesetzt wurde. Bei einem Flugzeugabsturz sei dies jedoch nicht möglich.

Dass diese Gefahr durchaus real ist, belegen interne Dokumente, die Greenpeace vorliegen. Ein Bericht des Bundeskriminalamts (BKA) über die „Gefährdungslage inländischer kerntechnischer Einrichtungen" aus dem Jahr 2007 komme zu dem Fazit, dass „die Wahrscheinlichkeit terroristischer Anschläge auf kerntechnische Einrichtungen ... zwar als gering anzusehen" seien, die Wahrscheinlichkeit „muss aber letztendlich in Betracht gezogen werden".

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Stößt viele Treibhausgase aus und könnte von Terroristen entführt werden um ein Atomkraftwerk zu zerstören: Der Airbus A380

Eine Untersuchung der Internationalen Länderkommission Kerntechnik aus dem Jahr 2002 kommt zu dem Ergebnis, dass die deutschen Atomkraftwerke nicht ausreichend gegen Flugzeug-Angriffe gesichert seien. Nur drei der damals 19 Atomkraftwerke würden einer Attacke standhalten. „Bei allen anderen Kernkraftwerken ist bei einem Aufprall auf das Reaktorgebäude mit schweren bis katastrophalen Freisetzungen radioaktiver Stoffe zu rechnen." Laut Gutachten ist eine Nachrüstung der Atommeiler unwirtschaftlich und technisch nicht machbar.

Das Gutachten müsste den Ländern bekannt sein, schließlich heißt es in dem Leitbild der Internationalen Länderkommission Kerntechnik, dass sie die Länder Hessen, Baden-Württemberg und Bayern „auf höchstem wissenschaftlichen Niveau in Fragen der Sicherheit kerntechnischer Anlagen" berate.

Greenpeace: Atomaufsicht unterschätzt Gefahr

Beim baden-württembergischen Umweltministerium heißt es, die von Greenpeace präsentierten Aussagen stammten aus einem internen Dokument des Landes Hessen. Greenpeace-Atomexperte Heinz Smital sieht sich bestätigt: „Die Aufsichtsbehörden kennen die Gefahr, aber sie handeln nicht."

Dem widerspricht jedoch das Umweltministerium. „Insgesamt ist die Gefahrenabwehr in den letzten Jahren massiv verstärkt worden", sagt Sprecher Karl Franz. Bald solle auch das AKW Phillipsburg mit einer Vernebelungsmaschine ausgestattet werden, die vor Flugzeugattacken schützen soll.

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Das AKW Philippsburg soll demnächst auch eine Vernebelungsmaschine bekommen.

Ob diese Methode hilft, ist jedoch umstritten. Selbst das Bundesumweltministerium (BMU) hatte im Jahr 2004 kritisiert, dass die Vernebelung „in seiner derzeitigen Form nicht geeignet [sei], den Schutz der Anlagen deutlich zu verbessern". In einem Protokollentwurf für ein Bund-Länder Fachgespräch, der Greenpeace vorliegt, sieht das BMU ebenfalls „keine wesentliche Verbesserung der Sicherheit der Kernkraftwerke".

Dennoch unternimmt das Ministerium keine Schritte, um die Atomanlagen abzuschalten. Ob die Bedrohung durch Terrorangriffe ein Abschalten erforderlich mache, müssten die Aufsichtsbehörden der Länder und gegebenenfalls die Gerichte entscheiden. Dabei könnte das BMU die Länder durchaus anweisen, den AKW-Betreibern ihre Betriebsgenehmigungen zu entziehen.

Stattdessen empfiehlt man beim Ministerium den Energiekonzernen, ihre alten Atomkraftwerke vorzeitig vom Netz zu nehmen und die Reststrommenge auf neuere Anlagen zu übertragen. In der Vergangenheit wurden solche Übertragungen jedoch in die andere Richtung beantragt: Die Atomkonzerne wollten ihre älteren AKWs länger laufen lassen - in der Hoffnung, dass sie nach der Bundestagswahl alle Kraftwerke länger am Netz behalten dürfen.

FOTOS: GREENPEACE, INDYMEDIA

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