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Bausstopp am Prestigeobjekt

Es tobt ein Glaubenskrieg in der Energiebranche: Passen erneuerbar erzeugter Strom im Netz mit Atomstrom zusammen? Ein wichtiges Argument für die Renaissance der Atomkraft sollte der neue Reaktor werden, der mit neuer Technologie im finnischen Olkiluoto gebaut wird. Doch das Projekt wird immer mehr zum Gegenargument: Jetzt verhängte die Strahlenschutz-Behörde einen Baustopp

aus Stockholm REINHARD WOLFF 

Beim umstrittenen Neubau des Atomkraftwerks im finnischen Olkiluoto hat die Strahlenschutzbehörde STUK einen teilweisen Baustopp angeordnet. An Rohren des primären Kühlkreislaufsystems waren millimetertiefe Risse entdeckt worden. Da es sich laut Petteri Tiippana von der STUK hierbei "um das wichtigste Rohrsystem im gesamten AKW" handelt, müsse jetzt untersucht werden, ob es sich bei diesen bis zu zwei Millimeter tiefen Rissen nur um eine oberflächliche Rissbildung an den acht Zentimeter dicken Rohren handelt oder ob sich diese auch tiefer im Material finden. Auch müsse erst geklärt werden, wie es zu diesen Rissen gekommen sei und warum diese erst jetzt festgestellt worden seien. Bis dahin werde die Behörde einen Weiterbau an diesem Komplex des Reaktors untersagen. 

Immer wieder gibt es beim Neubau von Finnlands fünftem Atomreaktor neue Probleme. So hatte die STUK bereits in der letzten Woche mit einem Baustopp gedroht, weil ihr vom Baukonsortium Areva -Siemens immer noch keine detaillierten Pläne über die Ausgestaltung des elektronischen Sicherheitssystems vorgelegt worden sind. In einem jetzt bekannt gewordenen Brief an die Areva-Präsidentin Anne Lauvergeon vom Dezember 2008  bemängelt STUK-Chef Jukka Laaksonen, dass seiner Behörde nach wie vor keine Lösung für die Ausgestaltung des Sicherheits- und Kontrollsystems des Reaktors präsentiert worden sei. Er warnt, dass dieses Versäumnis über kurz oder lang zu einem Baustopp führen müsse. Und beklagt sich darüber, dass es führenden Repräsentanten des Konsortiums offenbar an der „notwendigen Professionalität“ fehle. 

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Die schöne Zukunft in Olkiluoto: Hinten links steht in dieser Firmenanimation der Reaktor schon

Das Bekanntwerden des Briefes löste umgehend heftige Kritik aus. Zum ersten Mal entschlossen sich acht finnische Umweltschutzorganisationen zu einem gemeinsamen Aufruf, in dem sie einen sofortigen Abbruch der Bauarbeiten fordern. Sie verlangen, dass der Reaktor „Olkiluoto 3“ nie in Betrieb genommen wird: Was im Laufe der Jahre bei diesem Neubau an Qualitäts-, Überwachungs-  und Sicherheitsmängeln allein schon öffentlich bekannt geworden sei – und das sei vermutlich nur die Spitze des Eisbergs – erlaube nur den Schlusssatz, dass das AKW nicht sicher betrieben werden könne.

Greenpeace bezeichnet es in einer zusätzlichen Erklärung als skandalös, dass nun schon vier Jahre lang gebaut worden sei, obwohl der Aufsichtsbehörde das Design der zentralen Sicherheitssysteme noch nicht einmal zur Genehmigung vorgelegt worden ist. Dies hätte logischerweise eigentlich schon mit dem Bauantrag geschehen müssen. 

Aber offenbar existierten diese technischen Lösungen bislang noch gar nicht in der Realität, sondern nur in Arevas Hochglanzbroschüren: Areva habe die „Naivität“ der finnischen Aufsichtsbehörden „konsequent ausgenutzt“. Zu allem Überfluss versäume man keine Gelegenheit, den unfertigen Reaktor weltweit auch noch als sicher zu präsentieren: „Das sollte andere Länder wach rütteln, die mit Areva Geschäfte machen wollen.“

Osmo Kaipainen, Chef von Areva-Finnland erklärte, man nehme die Kritik der Aufsichtsbehörde ernst. Tatsächlich habe es bei den Plänen – wie beim gesamten Bau – Verspätungen gegeben. Man rechne damit, STUK bis zum Juni mit allen erforderlichen Unterlagen versorgen zu können. Nach den ursprünglichen Planungen sollte Olkiluoto 3 bereits 2009 Strom liefern. Er galt als Prestigeprojekt der Atomindustrie, die sich mit diesem ersten Reaktorneubau, den eine europäische Regierung  seit der Tschernobyl-Katastrophe genehmigt hatte, ein Comeback versprach: Mit der neuen European Pressurized Water Reactor, kurz EPR-Technologie. 

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Für welchen Strom ist hier noch Platz?

Für den Klimaschutz ist der Ausbau der Atomkraft ein Hemmniss: So lange nämlich das Stromnetz voller Atomstrom ist, so lange ist der Ausbau der erneuerbaren Energieproduktion behindert: Es ist schlicht kein Platz für ihn da. Deshalb ist der deutsche Atomausstieg auch eine zwingende Vorraussetzung für den Ausbau der Erneuerbaren.  

Zudem behindern Großkraftwerke - der finnische hat eine Leistung von 1.600 Negawatt - die Umstellung der Stromwirtschaft von zentralen auf dezentrale Strukturen. Auch dies ist für den Klimaschutz und den Ausbau der Erneuerbaren zwingend erforderlich. Weil die fossilen Konzerne aber vor allem mit Großkraftwerken Geld verdienen können, versuchen sie die Mär von der Renaissance der Atomkraft zu verbreiten.  

Britische Medien berichteten nun am Wochenende von wachsenden Zweifeln im Zusammenhang mit den Plänen der französischen EDF, in Großbritannien vier EPR-Reaktoren von Areva errichten zu wollen. Von einem "unerwarteten und potenziell verheerenden Schlag" schrieb der Independent: "War doch eines der wichtigsten Verkaufsargumente der neuen europäischen Druckwasserreaktoren, dass ihre Sicherheitssysteme wesentlich besser sein würden als die in den aktuellen Reaktoren."

Tatsächlich kam der finnische Neubau vor allem durch Baumängel und Verspätungen in die Schlagzeilen. Die Kosten und die projektierte Bauzeit verdoppelten sich auf mittlerweile fast 6 Milliarden Euro. Der Reaktor soll jetzt frühestens 2012 fertig werden. Falls Helsinki nicht doch noch vorher die Notbremse zieht und er als Bauruine endet.

FOTO: TVO, REIMER

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