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RWE "devastiert" Immerather Dom

Ein Prachtbau rheinischer Neuromanik muss der Braunkohle weichen. Der Energiekonzern RWE wollte eigentlich am heutigen Montag den Dom von Immerath abreißen – Aktivisten von Greenpeace haben das Gotteshaus jedoch besetzt.

Von Manfred Kriener

Es ist angerichtet. Martialische Longfront-Bagger, Bauzäune in Doppelreihen, Hundestaffeln und viel Polizei. Eines der großen Symbole im Kampf um die Braunkohle sollte eigentlich ab heute morgen neun Uhr "zurückgebaut" werden, wie es im eleganten Braunkohlesprech heißt. Dann aber besetzten Aktivisten von Greenpeace die Kirche und hängten ein Banner auf: "Wer Kultur zerstört, zerstört auch Menschen".

BildAufnahme vom Sommer 2017: Von dem Ort ist fast nichts mehr da. Ab heute wird auch der Dom "devastiert". (Foto: Pappnaas666/Wikimedia Commons)

Zwei Aktivisten sollen sich nach Medienangaben an den Abrissbagger gekettet haben, während andere vom Dach der Kirche aus Feuerwerkskörper gezündet haben sollen. Nun hat sich eine Hundertschaft der Polizei vor der Kirche versammelt.

Der bei Erkelenz gelegene Dom von Immerath, ein liebevoll restauriertes Schmuckstück neuromanischer Baukunst, soll wegen "Flächeninanspruchnahme" durch den Braunkohletagebau abgerissen werden. Oder wie ein Hamburger Journalist diese Woche schrieb: "Die Braunkohle-Taliban haben es endlich geschafft!"

Auf die ursprünglich geplante Sprengung der 125 Jahre alten Kirche soll indes verzichtet werden. Vielleicht, so vermuten die Bürgerinitiativen, wären die weltweit verbreiteten Bilder eines für die Braunkohle in die Luft gejagten Hauses des Herrn zu aufwühlend und empörend gewesen. Dann doch lieber die kleine Lösung: häppchenweise, mit Bagger und Abrissbirne.

Der Energiekonzern RWE spricht von "rein technischen und kostenmäßigen Erwägungen", die dem Abriss den Vorzug gegeben hätten. Jetzt soll die Dom-Beseitigung einschließlich Schutträumung zwar bis zu zwei Wochen dauern, aber die Bilder sind dafür weniger spektakulär.

RWE will die schon lange erwartete Zerstörung der hinreißend schönen Tuffstein-Basilika nicht hinterrücks vollziehen. Mit einer umfassenden Vorwärtskommunikation wurde die Presse vorab über viele Details informiert. "Der besonders lange Greifarm des Baggers wird seine Arbeit am Chor des Kirchenschiffs beginnen." Die "Schaulustigen" sind explizit eingeladen, die Zerbröselung des Gotteshauses vom früheren Immerather Markt aus zu beobachten. Bester Zufahrtsweg laut RWE-Mitteilung: "über die Lützerather Straße".

Die Schleifung eines Kulturdenkmals als Event. Für die Zuschauer soll eigens ein Unterstand aufgebaut werden, damit sie vor dem kalten Januar-Regen –"der kommt zur Zeit fast waagrecht" (RWE) – geschützt sind. Mehr Transparenz und Fürsorge geht nicht.

Der Staat soll den Ausstieg vergolden

Für die Braunkohlegegner ist das ein sicheres Indiz für die Defensivposition, in der sich RWE befinde. Ein Jahr lang haben sich Bürgerinitiativen und Vertreter des Energiekonzerns getroffen und "über den Braunkohle-Wahnsinn" diskutiert. Ergebnis: "Die sind schon viel weiter, als sie nach außen zugeben", fasst Michael Zobel, Waldpädagoge und Anti-Kohle-Aktivist, die Lage zusammen.

"Alle wissen, dass es mit der Braunkohle zu Ende geht, auch RWE weiß es", sagt Zobel. Der Energiekonzern wolle sich den Ausstieg aber vergolden lassen, Millionen an staatlichen Abschaltprämien und Entschädigungen für das Ende des Klimakillers kassieren.

Zobel erinnert an die Jamaika-Sondierungen, als plötzlich die Abschaltung von 7.000 Megawatt Konsens war. Das entspricht zwölf bis 15 alten Kohlekraftwerksblöcken. Die Umsetzung hätte einen dramatischen Einbruch für den rheinischen Braunkohle-Tagebau bedeutet. Zobels Eindruck: "Der Kohleausstieg wird viel schneller kommen als wir glauben."

Selbst SPD-Vorsteher Martin Schulz habe erstmals das böse Wort "Kohleausstieg" in den Mund genommen, erinnerte Zobel. Die Groko, glaubt er, könne nicht verleugnen, was bei Jamaika schon auf dem Verhandlungstisch lag.

Wenn es mit der längst anachronistisch gewordenen Braunkohle bald zu Ende geht, warum werden dann immer noch Kirchen abgerissen, Friedhöfe umgebettet, Wälder gerodet, Autobahnen wie die A 61 weggebaggert und ganze Dörfer umgesiedelt?

Als nächstes sind die Orte Keyenberg, Kuckum, Berverath, Unterwestrich und Oberwestrich dran, um für das Braunkohlerevier Garzweiler II Platz zu machen. Sie werden leergewohnt, umgesiedelt, "devastiert" (plattgemacht). Geht es darum, im letzten Gefecht gegen die grünen Latzhosenbrigaden noch mal Muskeln zu zeigen?

Die Gutachten zum schnellen Braunkohle-Ausstieg liegen bereits auf dem Tisch. Das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg hat den Switch vorgerechnet. Deutschlands Gaskraftwerke – die sehr viel flexibler und vor allem klimafreundlicher sind als die extrem klimaschädlichen Braunkohlemeiler – waren 2016 nur zu 19 Prozent ausgelastet. 2017 erzeugten sie noch weniger Strom. Bei einer Auslastung zu 80 Prozent könnten alle Braunkohlekraftwerke sofort abgeschaltet und stillgelegt werden. Ende Gelände.

Kein Mensch braucht Braunkohlestrom

Der Strom aus dem berühmten "einzigen heimischen Energieträger" ist komplett überflüssig. Eigentlich.

Und er wird jeden Tag lästiger, weil immer neue Solarzellen und Windturbinen ans Netz gehen. Riesige Überkapazitäten sind die Folge. Zum Jahreswechsel musste die Bundesrepublik erneut beachtliche Mengen überschüssigen Strom zu Negativpreisen verkaufen.

Auf Deutsch: Man zahlt den Nachbarländern viel Geld dafür, dass sie die Deutschen vom Strom-Erstickungstod befreien. Dieser Irrsinn dürfe nicht mehr länger so weitergehen, klagte Bernd Westphal, wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion.

Er geht aber so weiter, zumal sich der neue NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) fest hinter der Braunkohle verbarrikadiert hat. Sein neuester Plan: Er will Belgien mit gutem deutschem Braunkohlestrom versorgen, damit das Nachbarland seine maroden Atommeiler abschalten könne.

Die deutschen Klimaziele hält Laschet für "überambitioniert". In seiner Neujahrsansprache würdigte er "die Tugenden der Bergleute". 8.000 sind es noch, die für die Braunkohle in NRW arbeiten. Dass allein die beiden dreckigsten deutschen Braunkohlemeiler so viel CO2 rausblasen wie ganz Slowenien, hat Laschet nicht gewürdigt.

Stinkt, bringt aber Geld

Eigentlich war das Urteil über die Braunkohle längst gesprochen. Schon im Mittelalter wollte niemand den Stoff verheizen, weil er zu feucht war, stank und qualmte, dass die Vögel tot vom Himmel fielen. Und vor 200 Jahren empörte sich das preußische Bergamt in Sachen Braunkohle über "den schlechtesten Zustand dieser Wühlerei" und "den ganz versauten Betrieb", der Leib und Leben gefährde.

Nach Eröffnung des Braunkohlestandorts Ramsdorf bei Leipzig 1899 war das Wasser "so schlecht, dass es selbst das Vieh nicht mehr annimmt", zitiert die Historikerin Kerstin Kretschmer aus einer Klageschrift. Doch die Braunkohle war auch "Teutschlands neue Goldgrube", wie der niederländische Arzt Johann Hartmann Degner 1731 schrieb.

BildDie Bagger warten schon. Der Immerater Dom ist ein Wahrzeichen der Region. (Foto: Christof Siemes)

Fast 300 Jahre später versinkt der Dom von Immerath in der Goldgrube. Nach einer "Eigenbedarfskündigung des Kohleteufels", so ein Internet-Kommentar, erhielt der liebe Gott drei Flaschen Messwein und wurde in die neue Kirche, eine Betonkiste in Neu-Immerath, umgesiedelt.

Die Bürgerinitiativen wollen mit Mahnwachen, politischen Gebeten und Demonstrationen den Abriss des Gotteshauses begleiten.

Ergänzung um 15:55 Uhr: Die Polizei hat alle Greenpeace-Aktivisten aus der Kirche geholt und vom Bagger losgeschnitten. Laut Zeitungsberichten wurden elf Besetzer festgenommen. Mit fünf Stunden Verspätung begann die Zerstörung des Kirchengebäudes.

Ergänzung am 10. Januar: Wegen der Protestaktion in dem Kirchengebäude und auf dem umgebenden Gelände in RWE-Besitz wurden ingesamt 14 Strafanzeigen gestellt. Ermittelt wird "wegen Hausfriedensbruchs, Landfriedensbruchs und gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr", wie die Nachrichtenagentur EPD meldet.

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