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Windstrom kommt nicht durch

Mit einem Rekord von 36 Prozent Ökostrom ging 2017 zu Ende – die Rechnung dafür wird gleich Anfang 2018 präsentiert: Netzbetreiber Tennet erschreckt mit Milliarden-Netzkosten und Brandenburgs Ministerpräsident Woidke startet einen fragwürdigen Generalangriff aufs EEG.

Von Jörg Staude

BildDie Stromtrassen von Tennet, dem größten Netzbetreiber in Deutschland, reichen von Schleswig-Holstein über einen breiten Korridor in der Mitte Deutschlands bis tief in den bayerischen Süden. Gleich zu Jahresbeginn erschreckte Tennet laut Medienberichten die Stromkunden mit einer runden Euromilliarde neuer Kosten, die der Ausbau der erneuerbaren Energien die Stromkunden wieder mal zu stehen komme – und das nicht wegen der EEG-Förderung, sondern weil man wegen fehlender Leitungen in die Erzeugung eingreifen musste.

Die Eingriffe haben Tennet zufolge im Jahr 2017 rund eine Milliarde Euro gekostet. 2015 seien es 710 Millionen Euro sowie im windschwachen Jahr 2016 nur 660 Millionen Euro gewesen. Beglichen werden diese Kosten natürlich nicht von Tennet, sondern am Ende von den Stromkunden: Tennet erhöht allein in diesem Jahr die Netzentgelte im Schnitt um neun Prozent.

Gutes Windjahr

Das Unternehmen hat allerdings – auch auf Nachfrage von klimaretter.info – bisher nicht nachvollziehbar aufgeschlüsselt, wie sich die Milliarde genau errechnet. In einer Studie für das baden-württembergische Umwelt- und Energieministerium hatte aber das Berliner Öko-Institut bereits 2016 darauf hingewiesen, wie sich so eine Milliarde zusammensetzt, die das "Eingreifen" – also das gesamte Engpassmanagement – kostet: aus 600 Millionen Euro für den sogenannten Redispatch vor allem konventioneller Kraftwerke sowie 400 Millionen Euro für das Einspeisemanagement, das Abregeln der erneuerbaren Stromerzeuger.

Wirklich zusätzlich für die Stromkunden sind dabei die Kosten für den Redispatch, während die für das Einspeisemanagement der Erneuerbaren nur "Umverteilungen zwischen EEG- und Netznutzungsentgelt-Kosten" darstellen, wie Felix Matthes vom Öko-Institut gegenüber klimaretter.info betont. Matthes sagt selbst, dass in einem guten Windjahr wie 2017 ein "gewisser Anstieg der Engpassmanagement-Kosten zu erwarten" war, weist aber auch darauf hin, dass selbst eine Milliarde Euro nur 1,5 Prozent der Gesamtkosten des deutschen Stromsystems ausmacht.

Gut war das Windjahr unter anderem, weil 2017 deutlich mehr Offshore-Strom "angelandet" wurde. Tennet hat nach eigenen Angaben im ersten Halbjahr 2017 bereits 7,77 Terawattstunden (Milliarden Kilowattstunden) Nordsee-Windstrom an Land geleitet, genau 50 Prozent mehr als im selben Zeitraum des Vorjahres.

Verstopfte Netze durch Kohlestrom

Das Windstrom-Plus trifft dabei offenbar auf Netze, die ohnehin "verstopft" sind – allerdings mit Kohlestrom. Für die Energieökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin verantworteten im Netzgebiet von Tennet vor allem die Kohlekraftwerke im Nordwesten sowie das Hamburger Kohlekraftwerk Moorburg die Netz-Engpässe.

Die wesentlichen Gründe für die hohen Netzkosten liegen für Kemfert darin, dass konventionelle Kraftwerke nicht in ausreichendem Maße heruntergefahren werden. "Abhilfe schaffen könnte ein schrittweise erfolgender Kohleausstieg – neben einer Stärkung von dezentralen Entlastungsmaßnahmen wie der flexiblen Nachfrage und der Speicher", betont sie.

In ihrem Bericht über die Mindesterzeugung beziffert die Bundesnetzagentur die momentan nötige konventionelle Mindesterzeugung, um das hiesige Stromsystem stabil betreiben zu können, auf 3.200 bis 4.600 Megawatt. Der "Sockel", der tatsächlich mehr oder weniger dauerhaft mitläuft, beträgt derzeit allerdings 18.800 bis 23.100 Megawatt, also ungefähr das Fünffache. Und zum Jahreswechsel ging hier nicht etwa ein Kohlekraftwerk vom Netz, sondern ein Block des AKW Gundremmingen. Dessen 1.300 Megawatt ändern an dem konventionellen Überschuss allerdings wenig.

Windverband kritisiert schleppenden Netzausbau

Eine starre fossile und die Netze blockierende "Restlast" von rund 20.000 Megawatt passt natürlich für den Chef des Bundesverbandes Windenergie (BWE) Hermann Albers nicht zur Energiewende. Ein weiterer Teil des Problems sei die "nur unzureichende Einhaltung des Einspeisevorrangs für erneuerbare Energien", ergänzt Albers. Anders gesagt: Entgegen dem festgelegten Vorrang werden erneuerbare Anlagen abgeregelt und nicht die fossil befeuerten.

"Außerdem haben langwierige politische Debatten den Ausbau der Übertragungsnetze verzögert", so der BWE-Chef. Tatsächlich ist eine Entlastung durch neue Leitungen – wie die im Herbst in Betrieb gegangene Thüringer Strombrücke – gerade im Tennet-Gebiet nicht absehbar. Die beiden Leitungen, die dem "Abtransport" des norddeutschen Wind- oder – wenn man so will – Kohlestroms dienen sollen, sind der Suedlink und der Suedostlink. Für beide Trassen beginnen die exakten Planfeststellungsverfahren erst in diesem beziehungsweise im nächsten Jahr.

Brandenburgs Landeschef greift EEG an

Verglichen mit dem Nadelstich, den Tennet jetzt den Erneuerbaren versetzt, hat Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) zu Jahresbeginn allerdings einen mehr als fragwürdigen Generalangriff aufs EEG gestartet. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz führe, behauptete der Chef der rot-roten Landesregierung im Interview mit der Agentur DPA, gerade zur "größten Umverteilung von unten nach oben in der Geschichte der Bundesrepublik".

Angesichts des sozialen Wortgeklingels ist es schon bezeichnend, dass die brandenburgische Landesregierung regionale Regelungen zur "Umverteilung" von EEG-Erlösen wie das Bürger- und Gemeindenbeteiligungsgesetz in Mecklenburg-Vorpommern und die Faire-Windenergie-Initiative in Thüringen als "kontraproduktiv" und "intransparent" ablehnt, wie der Regierungssprecher klimaretter.info auf Nachfrage mitteilt. Brandenburg strebe stattdessen "grundsätzlich" eine bundeseinheitliche Regelung an, um Kommunen an Windenergieanlagen zu beteiligen.

Auf Initiative Brandenburgs, so der Sprecher weiter, habe deshalb die Wirtschaftsministerkonferenz vor einem Monat beschlossen, das Bundeswirtschaftsministerium um Prüfung zu bitten, "unter welchen Voraussetzungen eine bundeseinheitliche Regelung möglich ist, nach der Kommunen im Umfeld künftiger Windenergieprojekte finanzielle Vorteile aus diesen Windenergieanlagen erhalten können". Das Ergebnis dieser Prüfung bleibe abzuwarten, lässt der Sprecher noch wissen.

Woher hat Woidke seine Zahlen zu den EEG-Kosten?

Auch klimaretter.info wartet bislang noch – auf die Auskunft der Landesregierung über die Quelle einer ominösen Milliarden-Zahl, die der Ministerpräsident in dem Interview in den Ring warf.

Woidke beziffert nämlich die gesamten Kosten durch die Verpflichtungen aus dem EEG und bereits getätigte Zahlungen auf 800 Milliarden Euro. Damit übertrifft der SPD-Mann nochmals um Längen die – bekanntermaßen unseriöse – Schätzung der Energiewende-Kosten durch die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) von 520 Milliarden Euro.

Nach dem, was bisher bekannt ist, tauchen die 800 Milliarden EEG-Kosten zum Beispiel in einem Blogtext des ehemaligen FAZ-Journalisten Klaus Peter Krause auf. Auf Krauses Blog dürfen auch bekannte Klimaleugner wie Michael Limburg publizieren.

Krause, obgleich promovierter Volkswirt, rechnete die 800 Milliarden allerdings nicht selbst aus, sondern zitiert seinerseits aus einer Statistik von Günter Unseld vom Stromverbraucherschutzverein NAEB, einem selbsterklärten Gegner der Energiewende. In seiner Statistik "rechnet" Unseld die – so wörtlich – "Zwangsabgaben der Stromverbraucher an Betreiber von Ökostrom-Anlagen (Auszahlungen plus Zahlungsverpflichtungen)" bis 2025 auf ebendiese 800 Milliarden Euro hoch.

BildDer Ausblick für die Stromkunden bei den Netzentgelten scheint immer gleich: Höher und teurer. (Foto: Schulze von Glaßer; Grafik oben: Tennet TSO)

Auf seinen Webseiten beklagt der NAEB-Verein übrigens, dass die AfD mit ihrer Forderung im Wahlprogramm, die Energiewende zu stoppen, zwar ein "Alleinstellungsmerkmal" gehabt habe, es um diese Forderung im Bundestagswahlkampf aber recht ruhig geblieben sei.

Nun könnte sich das, dem SPD-Politiker und Ministerpräsidenten Woidke sei Dank, möglicherweise ändern.

Redaktioneller Hinweis: DIW-Expertin Claudia Kemfert ist Mitherausgeberin von klimaretter.info.

Der Beitrag wurde am 4. Januar um 22.45 Uhr ergänzt (Regierungssprecher Brandenburg)

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