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Kritik an neuer Ostsee-Pipeline wächst

Anfang des Jahres sollten eigentlich die ersten Rohre der umstrittenen Gaspipeline Nord Stream 2 verlegt werden. Doch bisher sind nur 35 Kilometer vor der deutschen Küste genehmigt. Der geplante Bau ist klimapolitisch falsch und für die deutsche Energieversorgung unnötig, sagen Umweltschützer und Behörden.

Von Susanne Götze

Vor sieben Jahren weihten Angela Merkel und der damalige russische Präsident Dmitri Medwedjew die erste russisch-deutsche Gaspipeline durch die Ostsee ein. "Nord Stream" wurde plangemäß verlegt, ungeachtet der Empörung osteuropäischer Staaten, die sich umgangen fühlen, da das Gas nun über den Seeweg von Russland nach Europa gelangt.

BildIm Ostseehafen Mukran auf Rügen werden die zwölf Meter langen Rohre schon vorbereitet: Damit sie im Meer sicher aufliegen, erhalten sie einen Betonmantel. (Foto: Susanne Götze)

Auch der Bau einer zweiten Gaspipeline sollte ähnlich problemlos über die Bühne gebracht werden. Gutachten waren schon für die erste Pipeline eingeholt worden und die Route von Nord Stream 2 ist so gut wie identisch mit der von Nord Stream 1 – was sollte da noch schiefgehen? 

Doch es kam anders. Nord Stream 2 entwickelt sich für die russischen Projektbetreiber zum Drama. Die Pipeline stößt auf immer mehr Widerstand, es gibt Kritik von allen Seiten. Das derzeit größte energiepolitische Vorhaben in der Europäischen Union hat bisher nur die Genehmigung für 35 Kilometer vor der deutschen Küste erhalten – dabei wollte die Nord Stream AG Anfang des Jahres mit dem Verlegen der 1.200 Kilometer langen Pipeline beginnen. 

Gegen das Projekt stellen sich neben osteuropäischen Staaten und EU-Kommission auch Umwelt- und Klimaschützer. Experten wie Niklas Höhne vom New Climate Institute glauben, dass die Pipeline dem Pariser Klimaabkommen widerspricht. Gas werde als Brückentechnologie zur Energiewende verkauft, die Pipeline schreibe jedoch für Jahrzehnte die Versorgung mit fossilen Energien fest.

Laut dem Pariser Klimavertrag muss die Welt in den nächsten 30 Jahren aus der Verbrennung von Gas, Öl und Kohle aussteigen. Die Nord Stream 2 AG, deren einziger Anteilseigner Gazprom ist, hat die Genehmigung für die Pipeline jedoch für 50 Jahre beantragt.  

Umweltverbände in den Anrainerstaaten Deutschland, Dänemark, Schweden und Finnland machen auch aus ökologischen Gründen gegen die Pipeline mobil. Laut WWF und Naturschutzbund gefährdet das Projekt Fischbestände und auch die Fortpflanzung der Schweinswale vor Gotland, die durch den Bau gestört werden könnten.

"Die Gutachten sind fingiert"

"Durch die Pipeline werden zudem jede Menge Sedimente freigesetzt, in denen auch Ablagerungen von Dünger enthalten sind, die das Wasser verschmutzen könnten", moniert Jochen Lamp vom WWF-Ostseebüro. Er hat in einer Stellungnahme beim Bergamt Stralsund einen Stopp des Pipelinebaus gefordert – ohne Erfolg. Anfang Dezember 2017 erteilte das Bergamt die Genehmigung. 

Für gänzlich abgekartet halten viele Umweltschützer den Genehmigungsprozess in Russland. Dort hat eine kleine Behörde des Verwaltungsbezirks Leningrad im vergangenen Juli den Pipelinebau durch das russische Kurgalski-Schutzgebiet genehmigt. Greenpeace klagt gegen die Entscheidung, die auf fragwürdigen Expertisen beruhe.

"Die Gutachten sind fingiert und die Wissenschaftler von Nord Stream bezahlt", glaubt Michail Durkin, Geschäftsführer der Coalition Clean Baltic, eines Bündnisses von 18 Umweltorganisationen aus Ostseestaaten. Auch Michail Kreindlin von Greenpeace Russland ist überzeugt, dass hier "Leute von ganz oben" ihre Finger im Spiel hatten. Bekanntlich seien die Beziehungen zwischen dem Unternehmen Gazprom und dem Kreml exzellent

Streit gibt es auch darüber, ob die EU das zusätzliche Gas wirklich braucht. Die Nord Stream 2 AG argumentiert, dass die geplanten 55 Milliarden Kubikmeter im Jahr helfen, die "europäische Gaslücke" zu schließen. Die Gasmenge von Nord Stream 2 ist auch schon im "Netzentwicklungsplan Gas" für 2018 bis 2028 einkalkuliert, den die deutsche Bundesnetzagentur aufgestellt hat. Es lägen "konkrete, verbindliche Kapazitätsbuchungen von Transportkunden" für das zusätzliche Gas vor, heißt es bei der Behörde auf Nachfrage von klimaretter.info.

BildDie Rohre für Nord Stream 2 müssen mit speziellen Verlegeschiffen im Meer versenkt werden. Die dafür laut Nord Stream nötigen rund eine Million Euro pro Tag sind bereits für Anfang des Jahres eingestellt. (Foto: Nord Stream)

Zwar schätzt die Bundesnetzagentur "die Realisierung von Nord Stream 2 nach wie vor als unsicher" ein. Allerdings hält sie eine erneute Modellierung ohne Nord Stream 2 für "entbehrlich", da man die zusätzlichen Gasmengen einfach aus dem Plan streichen könne. Schon der letzte Bericht für das Szenario 2016 bis 2026 habe gezeigt, "dass die innerdeutschen Leistungsbedarfe auch ohne Nord Stream 2 und ohne weitere Netzausbauten gedeckt werden können".

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