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Chinas Wahl zwischen Smog und Kälte

Nach dem Verbot der Kohlebeheizung haben viele Städte um Peking herum noch nicht auf Gas umgestellt – sodass zahlreiche Menschen mitten im Winter ohne Heizung dastehen. Die Behörden zogen jetzt die Notbremse und lockerten den Kohle-Bann – ein Rückschlag für den Klimaschutz.

Von Benjamin von Brackel 

In der Region rund um Peking herrschen seit Tagen frostige Minustemperaturen. Doch Schüler einer Grundschule in der nordöstlichen Provinz Hebei haben vor Kurzem ihre Tische und Stühle nach draußen verfrachtet, um die Stunden im Freien abzuhalten. Dahinter steckt nicht etwa eine Disziplinarstrafe wegen schlechtem Betragen. Schüler und Lehrer flohen vielmehr aus den unterkühlten Schulräumen, um sich mit den Sonnenstrahlen draußen ein bisschen zu wärmen.

BildFrieren oder schlechte Luft einatmen? Die Bewohner rund um Peking haben gerade diese Wahl. (Foto: Nicolò Lazzati/​Flickr)

Der Vater eines der Schüler hat der britischen BBCerzählt, dass die Schüler sogar angewiesen worden seien, Maiskolben in die Schule mitzubringen, um damit die Klassenzimmer zu beheizen. Das mag geradezu absurd erscheinen, hat jedoch einen triftigen Grund: Maiskolben fallen nicht unter das Verbot der Kohlebeheizung, das die chinesischen Behörden für Teile der Peking umgebenden Provinz Hebei verfügt haben.

Die Luft ist dort so stark belastet wie sonst fast nirgendwo in China, vor allem wegen der gewaltigen Eisen- und Stahlproduktion. Seit einigen Jahren versuchen die Behörden dem mit allerlei Maßnahmen entgegenzuwirken. So ordneten sie die Schließung zahlreicher Stahlwerke an. Die Provinz, in der sieben der zehn schadstoffbelastetsten Städte China liegen, hat zudem den Bau einer großen Staubschutzmauer geplant. Die mehr als drei Kilometer lange Mauer soll den Kohlehafen von Qinhuangdao abschirmen.

Damit nicht genug, drängten Chinas Umweltbehörden im März Peking und 27 nahe gelegene Städte, künftig auf Kohleheizungen zu verzichten und auf Erdgas oder Strom umzustellen. Hintergrund ist das Ende einer fünfjährigen Übergangsfrist, in der neue Luftreinhalte-Standards erreicht werden müssen. Die Umrüstungen hätten bis Oktober geschehen müssen. Zahlreiche Städte im Norden des Landes schlossen sich dieser Kampagne an.

Kohle-Verbot gelockert

Nun allerdings stellte sich heraus, dass der Zeitplan für einige Städte zu straff war. In einigen Regionen ist erst ein Drittel der Wohnungen auf Erdgas umgerüstet worden. Manche Einwohner erklären, ihre Kohleheizungen seien außer Betrieb genommen, aber noch nicht durch Gasheizungen ersetzt worden. Zudem schlug die Hebeis Provinzregierung am 28. November Alarm und erklärte, die Versorgung mit Erdgas sei nicht garantiert und es gebe eine Lücke zwischen Angebot und Nachfrage in der Größenordnung von zehn bis 20 Prozent.

Nun reagierten die chinesischen Behörden und lockerten den Kohle-Bann, der für 28 Städte im Norden des Landes gilt. Dort, wo die Heizungen noch nicht umgestellt oder die Gasleitungen noch nicht fertig seien, dürfe weiterhin Kohle verfeuert werden, erklärte das Umweltministerium.

Damit könnten die Bewohner um Peking herum zwar von einer Sorge erlöst werden, allerdings dafür gleich die nächste aufgebürdet bekommen. Denn gerade in den Wintermonaten ist die Smogbelastung in der Region besonders stark. Das liegt zum einen am erhöhten Heizbedarf, zum anderen hat es meteorologische Gründe.

Neben der Smogbelastung ist China in starkem Zugzwang, sich aus seiner Abhängigkeit von der klimaschädlichen Kohle zu lösen. Denn China ist der weltweit mit Abstand größte CO2-Emittent. Nach drei Jahren der Stagnation werden die CO2-Emissionen dieses Jahr weltweit gesehen wieder steigen – und verantwortlich dafür ist vor allem China.

Weil die Industrie infolge des Wiedererstarkens der Wirtschaft mehr produzierte und die Wasserkraftwerke des Landes in einem regenschwachen Jahr weniger Strom lieferten, legte der Kohleverbrauch in China um drei Prozent zu. Und das ließ die Emissionen des Landes nach zwei Jahren Stagnation wieder ansteigen – und zwar um 3,5 Prozent.

Die frierenden Schüler in der Provinz Hebei dürften jedenfalls erstmal eine funktionierende Heizung herbeisehnen. Insgesamt elf Schulen sollen im Kreis Quyang derzeit ohne Heizung sein. Und für die nächsten Tage sind weiter Minustemperaturen angesagt.

[Erklärung]  
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