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"Keine Deckel für Wind und Sonne"

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In den energiepolitischen Debatten ging es zuletzt vor allem um den Kohleausstieg – wer aber eine erneuerbare Energiewende haben will, muss das EEG erhalten, die Ausbauschranken besonders für Wind und Photovoltaik abschaffen und dafür streiten, dass zwei Prozent der Landesfläche für Windkraft bereitgehalten werden, fordert der Präsident des Bundesverbandes Windenergie (BWE) Hermann Albers.

Albers ist nicht nur langjähriger BWE-Präsident, sondern auch Landwirt sowie Geschäftsführer des nordfriesischen Bürgerwindparks Simonsberg und anderer Bürgerwindgesellschaften.

klimaretter.info: Herr Albers, die Windkraft konnte sich zuletzt vor Lob kaum retten, vor allem wegen der zum Teil bis auf null sinkenden Förderung bei neuen Offshore-Projekten in der Nordsee. Das sei der endgültige Durchbruch für die Erneuerbaren, hieß es. Braucht die Branche also kein EEG mehr?

Hermann Albers: Klar ist inzwischen: Wind an Land, Photovoltaik, aber auch Offshore-Wind sind eindeutig am kostengünstigsten, wenn es um den Zubau von Erneuerbaren geht. Diesen Erfolg hat das Erneuerbare-Energien-Gesetz ermöglicht. Das wird auch in den Ausschreibungen sichtbar. Die Zeit der Kostendebatten ist vorbei.

Trotzdem – das EEG ist weiter erforderlich. Es regelt auch Kernfragen der erneuerbaren Energiewelt wie den Netzanschluss, den Einspeisevorrang und die Vermarktung. Wer heute leichtfertig das Ende des EEG fordert, meint damit meist die EEG-Umlage. Deren Höhe relativiert sich allerdings, wenn man sie zusammen mit dem Börsenstrompreis betrachtet. Berücksichtigt man dessen Entwicklung, ist der Kostenblock für die Beschaffung erneuerbarer Energie seit Jahren stabil.

Bei den jetzt gescheiterten "Jamaika"-Gesprächen ging es jeden Tag neu um den Kohleausstieg. Was für die Erneuerbaren zu tun ist, davon war kaum noch die Rede. Fallen Ihre Anliegen unter den Tisch?

Der Ausstieg aus der Braunkohleverstromung ist auch eines unserer Anliegen – er muss kommen. Ohne die schnelle Herausnahme längst nicht mehr notwendiger alter Kraftwerke mit enormen CO2-Emissionen werden wir weder das Klimaziel für 2020 noch das für 2030 erreichen.

Der Ausstieg aus der schmutzigen Kohle muss von einem kräftigen Zubau der Erneuerbaren begleitet werden. Wenn wir die Dekarbonisierung bei Mobilität, Wärme und Industrie starten wollen, braucht es jede Menge grünen Strom.

In den letzten beiden Jahren legte die Windkraft – offshore wie onshore – beachtliche Zuwächse hin. Viele sagen jedoch, dass dieser Boom täuscht und nun eher ein Absturz droht. Was sagen Ihre Prognosen?

Es stimmt, seit 2014 erleben wir einen hohen Zubau gerade bei Wind an Land. Die 4.000 bis 5.000 Megawatt in jedem Jahr sind aber auch erforderlich, um die Klimaziele zu erreichen.

Mit dem EEG 2017 hat die damals regierende große Koalition den Zubau ab 2019 auf 2.800 Megawatt jährlich beschränkt. Dieser politische Eingriff in den Markt ist für mich hoch problematisch. Zudem werden die Fehler im System der Ausschreibungen diesen Zubau bis 2019 und möglicherweise noch darüber hinaus noch heruntergehen lassen. Diese politisch gewollte Reduktion bringt die deutsche Windindustrie in große Bedrängnis, daran ändern ihre Erfolge im Export gar nichts.

Fast alle Parteien haben sich zum Pariser Klimaabkommen bekannt. Dazu passen die Einschnitte beim Zubau nicht. Hier muss eine schnelle Korrektur her.

Was ist das drängendste Problem bei der Windkraft, das bei künftigen Koalitionsverhandlungen eine Rolle spielen muss?

In einem künftigen Koalitionsvertrag braucht es ein Signal, dass die Genehmigung nach dem Bundes-Immissionsschutzgesetz die alleinige Voraussetzung zur Teilnahme an Ausschreibungen ist. Nur dann werden Planungen wirklich ernsthaft fortgeführt und dienen nicht nur als Platzhalter für Anlagen, die dann doch nicht gebaut werden.

Weiter brauchen wir – neben dem Bekenntnis zum Paris-Abkommen – ein deutliches Signal, dass die Ausbauschranken für die Erneuerbaren aufgehoben werden. Das gilt nicht nur für Wind, sondern auch und gerade für die Photovoltaik.

Ein besonderes Problem sind die Windkraft-Anlagen, für die ab 2020 die EEG-Förderung ausläuft. Branchenexperten sagen, dass sie nur bei einem Börsenstrompreis von dauerhaft über vier Cent pro Kilowattstunde weiterbetrieben werden können. Was passiert, wenn das nicht eintrifft?

Erstmal ist festzuhalten, dass sich diese Anlagen technisch gut weiterbetreiben lassen. Daran haben übrigens auch die Netzbetreiber ein Interesse, die ihre Infrastruktur am vorhandenen Anlagenpark ausgerichtet haben.

Im Verband diskutieren wir gegenwärtig, wie sich neue Vermarktungsoptionen gesetzlich ermöglichen lassen, um diesen "Alt"-Anlagen wirtschaftliche Perspektiven zu eröffnen. Und wir appellieren an die Bundesländer, alle Möglichkeiten zu nutzen, um die bislang gut akzeptierten Flächen, auf denen diese Anlagen stehen, weiter für die Windenergie offenzuhalten. Dafür haben wir Hinweise für die Planer zusammengestellt, die deutlich machen, dass viele Flächen rechtssicher gehalten werden können.

BildZuletzt wurde die Windkraft vor allem wegen der sinkenden Kosten gelobt – ob die immer die Wahrheit widerspiegeln, muss sich noch herausstellen. (Foto: Vesta)

Immer mehr Bundesländer scheinen die in Bayern geltende 10-H-Regelung zu übernehmen. Eine ihrer Folgen ist aber, dass neue Windkraftanlagen stärker in Wäldern oder Forsten gebaut werden. Das trägt auch nicht gerade zu steigender Akzeptanz bei. Kommt die Branche gegen derartige Entwicklungen überhaupt noch an?

Tatsache ist: Die 10-H-Regelung ist ein bayerischer Sonderweg geblieben. Nur der kreative Umgang der bayerischen Verwaltung hat den Zubau dort bisher noch am Leben erhalten. Wir sehen aber, dass es de facto keine neuen Anträge mehr auf die Genehmigung von Windkraftanlagen gibt.

Windkraft im Forst ist eigentlich eine gute Sache. Hier gibt es erstens weniger Probleme beispielsweise mit Abständen und Schall, zweitens führen die Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen zu einer deutlichen biologischen Aufwertung forstlicher Monokulturen.

Dennoch scheint die Akzeptanz zu erodieren. Schafft es Ihre Branche noch, die Bürger mitzunehmen?

Dazu brauchen wir eine positive Begleitung der Energiewende. Die Bundesregierung hat beim G7-Gipfel 2015 im bayrischen Elmau einen Beschluss zum Zwei-Grad-Ziel und zur Dekarbonisierung der Weltwirtschaft erreicht. Der Bundestag hat 2016 einstimmig das Pariser Klimaabkommen ratifiziert.

All dies bleibt unehrlich, wenn parallel im eigenen Land die im Kern ja erfolgreiche Energiewende an zu vielen Stellen schlechtgeredet und infrage gestellt wird. Die Politik muss gemeinsam mit der Energiewirtschaft deutlich machen, in welchen Schritten sich die Dekarbonisierung bei Strom, Wärme, Mobilität und Industrie erreichen lässt und was dazu erforderlich ist.

Wir werden nicht an jedem Kilometer ein Windrad sehen, aber zwei Prozent der Fläche Deutschlands werden schon erforderlich sein, damit die Windkraft ihren Beitrag zur Energiewende leisten kann. Und für diese zwei Prozent muss die Politik den Rücken gerade machen.

Interview: Jörg Staude

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