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Der Feind des Bergmanns kehrt zurück

Der Braunkohleabbau in Deutschland ist mittlerweile rückläufig. Der Ausstieg aus der Kohlewirtschaft scheint absehbar. Übrig bleiben Ewigkeitslasten, die noch Generationen lang spürbar sein werden. Wer sie tragen soll, ist nach wie vor unklar.

Von Susanne Hartwein

Oliver Totsches Augen leuchten, wenn er von "Klara" spricht. "Sie ist weltweit einmalig in dieser Dimension", schwärmt der Mitarbeiter der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbauverwaltungsgesellschaft, kurz LMBV. "Klara" ist eigens für eine besondere Mission gebaut worden – ganz aus Aluminium und mit einer speziellen Beschichtung versehen, die sie gegen Säure schützt.

BildDer Partwitzer See sieht idyllisch aus – zum Schwimmen lädt er wegen des sauren Wassers allerdings nicht ein. (Foto: Friederike Meier)

Denn der See, auf dem das Schiff seit Herbst 2016 eingesetzt wird, ist so sauer wie Essig. Als Fracht hat "Klara" Kalk geladen. Bis zu elfmal am Tag fährt sie damit raus auf den Partwitzer See im Lausitzer Bergbaurevier. Der Kalk soll dort den Säuregehalt senken. Bei jeder Fahrt werden 25 Tonnen verteilt, mit elf Quadratkilometern handelt es sich um eines der größten künstlichen Gewässer in Sachsen.

2004 klaffte an der Stelle noch eines der vielen Restlöcher, wie sie so oft nach dem Braunkohletagebau zurückbleiben. Mit dem Ende der Kohle wurde auch die erforderliche künstliche Absenkung des Grundwassers eingestellt. In den tiefen Erdschichten wird das entstandene Grundwasserdefizit dadurch langfristig wieder ausgeglichen.

Für die großen Wassermassen, die zur Flutung der ehemaligen Tagebaugruben benötigt werden, wird das abgepumpte Grundwasser aus noch aktiven Tagebauanlagen verwendet, zudem werden die umliegenden Flüsse angezapft. Für diese bergbauliche Sanierung ist in der Lausitz und im mitteldeutschen Revier bei Leipzig die LMBV zuständig, eine bundeseigene Einrichtung.

Wenn das Wasser, der ehemalige Feind des Bergmanns, wieder in sein ursprüngliches Gebiet zurückkehrt, löst es die verwitterten Begleitminerale Pyrit – auch als Katzengold bekannt – und Markasit und setzt das enthaltene Eisen und Sulfat sowie Säure frei. Die Stoffe sammeln sich dann in Bergbaufolgeseen wie dem Partwitzer See, gelangen aber auch über das Grundwasser in Flüsse wie die Spree.

Sulfat lässt sich mit naturnahen Verfahren nicht entfernen

In Berlin wird fast die Hälfte der Einwohner mit Trinkwasser versorgt, dessen Qualität maßgeblich von der Beschaffenheit des Spreewassers abhängt. Über den Prozess der Uferfiltration gelangt das Sulfat aus der Spree in das zur Trinkwasserproduktion geförderte Grundwasser.

"Die Sulfatkonzentrationen in der Spree sind in den letzten Jahren fast stetig gestiegen und haben im Oberflächenwasser des Müggelsees Konzentrationen von über 250 Milligramm pro Liter erreicht. Das ist der Grenzwert für Trinkwasser laut Trinkwasserverordnung", erklärt Elke Wittstock, Leiterin des Wasserwerks Friedrichshagen.

Das Werk der Berliner Wasserbetriebe (BWB) ist eines der größten Berlins und gewinnt den größten Teil seines Rohwassers aus Grundwasser in ufernahen Bereichen des Müggelsees. "Das im Wasser gelöste Sulfat lässt sich mit unseren naturnahen Aufbereitungsverfahren nicht entfernen", so Wittstock.

LMBV will sich nicht an Grundwasser-Finanzierung beteiligen

Auch Frankfurt an der Oder ist von dem Problem betroffen: Seit 2007 werden in der Spree am Wasserwerk Briesen der Frankfurter Wasser- und Abwassergesellschaft (FWA) Sulfatkonzentrationen von 200 Milligramm pro Liter gemessen, inzwischen erreichen die Werte bis zu 345 Milligramm.

"Durch die lang anhaltende trockene Witterung sowie die heißen Temperaturen in diesem Sommer erwarten wir einen weiteren Anstieg des Sulfatgehalts", sagt Anne Silchmüller von der FWA. Denn dadurch bleibt der Verdünnungseffekt aus.

Das Spreewasser wird in Frankfurt zur Anreicherung des vorhandenen, aber nicht ausreichenden Grundwassers benötigt. Jetzt setzt die FWA auf Grundwasser, das durch eine gesteigerte Förderleistung des Wasserwerks Müllrose sowie den Bau einer neuen Trinkwasserleitung bis zur bestehenden Fernleitung nach Frankfurt gewonnen werden könnte. Während das brandenburgische Umweltministerium seine finanzielle Unterstützung bereits zugesagt hat, lehnt die LMBV eine finanzielle Beteiligung ab.

Das Ministerium hat 2016 ein Gutachten in Auftrag gegeben, das die künftige Entwicklung der Sulfatkonzentration in der Spree auch unter Berücksichtigung zunehmender Trockenheit durch den Klimawandel prognostiziert. Die Ergebnisse werden derzeit ausgewertet und sollen noch in diesem Herbst bekannt gegeben werden.

Eisenschlamm führt bei Fischen zum Tod

Schon aussagekräftiger ist man hierzu im mitteldeutschen Revier: Die vom GFI Grundwasser-Consulting-Institut in Dresden prognostizierten Grundwasser-Sulfat-Frachteinträge in die Weiße Elster und in die Pleiße werden bis ins Jahr 2100 je nach Gebiet auf bis zu 14.400 Kilogramm pro Tag ansteigen.

Das Eisen in den Flüssen der Bergbauregionen färbt das Wasser nicht nur braun, sondern schädigt auch die dort lebenden Pflanzen und Tiere. Es setzt sich am Boden oder in den Uferbereichen ab. Schlamm entsteht, in dem nicht nur der Fischlaich erstickt, sondern auch Muscheln und Larven.

Bei Fischen kann eine hohe Belastung mit Eisenhydroxid durch Verkleben der Kiemen zum Tod führen. Damit schwindet auch die Lebensgrundlage für fischfressende Vögel und Säugetiere.

Die LMBV hat verschiedene Maßnahmen ergriffen, um die Eisenbelastung der Spree zu reduzieren. So hat die Grubenwasseraufbereitungsanlage Vetschau im vergangenen Jahr 51 Tonnen Eisen dem Zufluss in die Spree entzogen. Der Spreewald wurde durch den Ausbau der Barrierefunktion der Talsperre Spremberg geschützt. Eine Pilotanlage zur Eisen- und Sulfatreduktion im Grundwasseranstrom zur Spree zeigt erste Erfolge.

Bürgerinitiativen wie das Aktionsbündnis "Klare Spree" haben genaue Vorstellungen, wie die ökologische Situation zu verbessern ist, und mischen sich in die öffentliche und politische Diskussion ein.

Wer soll für Ewigkeitslasten aufkommen?

Spürbares Aufatmen ging durch die mittel- und ostdeutschen Bergbauregionen, als sich der Bund und die betroffenen Länder Anfang Juni zum sechsten Mal in Folge auf ein Verwaltungsabkommen für die Braunkohlesanierung einigten. Von 2018 bis 2022 stehen hierfür nun 1,23 Milliarden Euro zur Verfügung.

Seit 1991 sind so fast elf Milliarden Euro nicht nur in die Flutung der Restlöcher, sondern auch in die Sicherung der vom Abrutschen gefährdeten Restlochböschungen, die Rekultivierung der Kippenböden oder die Beseitigung der Boden- und Grundwasserkontaminationen durch Kokereien und Schwelereien geflossen.

Im Streit sind der Bund und die Länder aber weiterhin darüber, wer künftig für die Ewigkeitslasten aufkommt – wie etwa die Grubenwasserreinigung oder das dauerhafte Abpumpen des nachströmenden Grundwassers, damit Städte wie Senftenberg oder Hoyerswerda nicht untergehen.

Denn dort wurden – ähnlich wie in anderen ehemaligen Bergbauregionen – zwischenzeitlich Gebäude errichtet, ohne dabei zu berücksichtigen, dass nach Ende des Tagebaus auch das Grundwasser wieder ansteigen würde. Das aber führt dazu, dass Wohngebäude Schäden durch Feuchtigkeit erleiden.

Braunkohleabbau ist rückläufig

Laut Klimaschutzplan der Bundesregierung soll bis 2050 die Energieversorgung komplett auf erneuerbare Energien umgestellt werden. Heute stammen bereits 29 Prozent des Stroms aus Erneuerbaren, 23 Prozent werden noch aus Braunkohle erzeugt. Wenngleich Peter Jantsch, Referatsleiter für Bergbau und Umwelt im sächsischen Wirtschaftsministerium, auf einer Fachveranstaltung Sachsens Vergangenheit und Zukunft als Bergbauland beschwört und dafür den Applaus der Teilnehmer erntet, ist der Braunkohleabbau in Mitteldeutschland und der Lausitz rückläufig. 

Das Bergbauunternehmen Leag hat Tagebauerweiterungen und Neuaufschlüsse im Raum Cottbus bereits komplett gestrichen, abgespeckt oder vertagt. So werden "nur" 200 Einwohner im Trebendorfer Ortsteil Mühlrose umgesiedelt. Mehr als 800 Menschen in Welzow und Proschim müssen abwarten, ob ihre Häuser abgebaggert werden.

Das Kalk-Schiff "Klara" wird zunächst bis Ende 2018 gegen die Säure im Partwitzer See eingesetzt. Durch die Kalkung wurde der pH-Wert dort innerhalb von vier Monaten von 2,8 auf 3,1 angehoben. Ziel ist ein Wert von 8,5. Erst dann kann sich wieder ein mit natürlichen Seen vergleichbares Leben entwickeln und auch die vorgesehene touristische Nutzung beginnen.

Zusammen mit weiteren 19 gefluteten Restlöchern soll in den beiden Bundesländern Brandenburg und Sachsen bis zum Jahr 2018 eine zusammenhängende Wasserfläche von 14.000 Hektar entstehen. Das "Lausitzer Seenland" wird damit das größte künstliche Seengebiet Europas sein.

Nach dem Tagebau soll der Wassertourismus zur Wirtschaftskraft der Region beitragen – sämtliche Aktivitäten wie Segeln, Surfen, Paddeln, Baden, Tauchen, Wasserski oder Motorbootfahren sollen möglich sein. Auf sanierten ehemaligen Tagebauflächen entstehen zudem Industrie- und Gewerbeparks.

BildDer Eisenhydroxid-Schlamm setzt sich in den Gewässern ab und erstickt Fischlaich und Larven. (Foto: Friederike Meier)

Damit ist "Klaras" Mission aber längst nicht zu Ende. "Entsprechend den entstandenen Vorräten an Säure durch die Pyritverwitterung und dem Transport der Säure über den Grundwasserpfad wird damit gerechnet, dass dieses Rückversauerungspotenzial noch die nächsten 100 bis 200 Jahre Auswirkungen auf die Seewasserqualität haben wird", sagt Martin Socher, Referatsleiter für Oberflächengewässer im Sächsischen Umweltministerium.

Im Klartext: Die Neutralisierung – je nach Situation mit Kalk oder Wasser aus den umliegenden Flüssen – muss dauerhaft fortgesetzt werden.

[Erklärung]  
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