Dena will technologieoffene Energiewende

Wenn alle heute verfügbaren Technologien optimal genutzt werden, kann Deutschland seine CO2-Emissionen bis zum Jahr 2050 um 90 Prozent verringern, sagt die Deutsche Energie-Agentur. Möglich werden soll das unter anderem durch einen stärkeren Ausbau der Erneuerbaren und CO2-Preise.

Aus Berlin Friederike Meier

Die Koalitionsverhandlungen könnten auch ohne die Themen Energie und Klimaschutz kompliziert genug werden. Die drei Verhandlungspartner CDU/CSU, FDP und Grüne haben aber auch in diesem Bereich sehr unterschiedliche Vorstellungen. Die Deutsche Energie-Agentur (Dena) hat heute in Berlin Empfehlungen für die Koalitionsverhandlungen gegeben. 

BildDas Thyssen-Krupp-Stahlwerk in Duisburg-Marxloh ist eines der größten in Deutschland. Bei der Stahlproduktion werden große Mengen CO2 freigesetzt. (Foto: Rainer Halama/​Wikimedia Commons)

"Wenn bei den Koalitionsverhandlungen der Eindruck entsteht, man muss sich bloß beim Verbrennungsmotor und beim Kohleausstieg auf ein 'Wie weiter?' einigen, dann ist dieser Eindruck falsch. Es gibt wesentlich mehr zu regeln", sagte Dena-Chef Andreas Kuhlmann heute in Berlin. Die Dena präsentierte einen ersten Zwischenstand ihrer  "Leitstudie Integrierte Energiewende", die sie zusammen mit wissenschaftlichen Gutachtern und über 50 Unternehmen und Wirtschaftsverbänden aus Energiewende-relevanten Branchen erarbeitet.

Mit "integrierter Energiewende" meint die Dena das, was gemeinhin als Sektorkopplung bekannt ist  – also die Verbindung mehrerer Sektoren – hier Energie, Verkehr, Gebäude und Industrie. Die abschließenden Ergebnisse der Studie will die halbstaatliche Agentur Mitte 2018 vorlegen.

"Technologieoffenes" Szenario schneidet am besten ab

In der Studie hat die Dena drei Szenarien durchgespielt und jeweils untersucht, wie viel Treibhausgas bis 2030, 2040 beziehungsweise 2050 eingespart werden können.

Im sogenannten "Referenzszenario", in dem alle bereits getroffenen politischen Entscheidungen berücksichtigt werden, werden die Klimaschutzziele – wenig überraschend – nicht erreicht: Die CO2-Emissionen können bis zum Jahr 2050 bestenfalls um 60 Prozent reduziert werden. Der Klimaschutzplan 2050 der Bundesregierung sieht allerdings vor, dass die Emissionen bis 2030 um 50 Prozent und bis 2050 um 80 bis 95 reduziert werden. "Das zeigt, dass erhebliche Anstrengungen über das heutige Maß hinaus wichtig sind", sagt Kuhlmann.

Im zweiten Szenario der Studie geht die Dena davon aus, dass die meisten Prozesse in Industrie-, Gebäude und Verkehrssektor künftig auf Basis von Strom stattfinden. Das Ergebnis: Die CO2-Emissionen können in diesem Szenario um bis zu 90 Prozent reduziert werden.

Deutschland abhängig von Importen

Das von der Dena favorisierte Szenario ist allerdings das dritte: Dort geht die Dena von einem breiteren Mix an Technologien aus. Namentlich Power-to-Gas und Power-to-Liquid, bei denen überschüssiger Strom für die Herstellung von Methan oder Flüssigbrennstoffen verwendet wird, spielen hier eine wichtige Rolle. "Das Technologiemix-Szenario ist kostengünstiger und robuster", erläutert Kuhlmann. "Der Grund ist, dass für die Elektrifizierung viele Wärmepumpen notwendig wären."

Aber auch in diesem Szenario kann die angestrebte maximale Reduktion der Treibhausgase um 95 Prozent gegenüber 1990 nicht eingehalten werden: "Wir kommen zum Ergebnis, dass wir nicht mehr als 91 Prozent Reduktion erreichen werden", so Kuhlmann. "Grund sind die Emissionen der Landwirtschaft, aber auch Industrieprozesse, die lange Innovationszyklen haben."

So wird in der Stahlindustrie Kohle verwendet, um aus Eisenerz Stahl herzustellen – dabei wird CO2 freigesetzt. Die Innovationszyklen in dieser Branche betragen laut Studie um die 30 Jahre.

Der hohe Bedarf an synthetischen Brennstoffen, der besonders für dieses, aber auch für das Elektrifizierungs-Szenario nötig sein wird, soll laut der Dena auch durch Importe gedeckt werden: "Deutschland wird nicht autark sein, sondern zum Beispiel von PtX-Importen abhängig", so Kuhlmann. PtX steht als Abkürzung für "Power-to-X" – die Umwandlung von Strom in andere Energieformen, vor allem Power-to-Gas oder Power-to-Liquid. Insgesamt würden die Energie-Importe aber abnehmen.

"Ausbau-Korridor zu niedrig"

Doch mit welchen politischen Maßnahmen sollen diese Ziele erreicht werden? Hier übt die Energie-Agentur Kritik am bestehenden Ausbaukorridor für erneuerbare Energien: "Der gesetzlich vorgesehene Ausbaukorridor von 6,5 Gigawatt brutto wird definitiv nicht ausreichen. Wir brauchen acht Gigawatt netto" – also ohne Repowering. Um das Klimaschutzziel für 2020 noch zu erreichen, sei ein beschleunigter Kohleausstieg außerdem unverzichtbar. "Die wichtigere Orientierung bieten aber die 2030er Ziele", so Kuhlmann.

Außerdem kritisiert Kuhlmann das Erneuerbare-Energien-Gesetz: "Der Dschungel an Abgaben und Umlagen ist innovationsfeindlich und gehört überarbeitet." Was zu einem Vorschlag führt, den die Dena zusammen mit anderen  renommierten Klimaökonomen und Energieexperten bereits vergangene Woche unterbreitet hatte: Die Experten fordern von der Bundesregierung einen CO2-Mindestpreis für alle Wirtschaftssektoren. Damit sollen Anreize zur CO2-Reduktion gesetzt und verlässliche Rahmenbedingungen für Investoren geschaffen werden.

BildKohlekraftwerk in Aktion: Solche Bilder sollen in Deutschland bald Seltenheitswert haben. (Foto: Señor Codo/​Flickr)

Zumindest die Grünen sehen sich durch die Ergebnisse der Dena bestätigt. "Die Dena-Studie sendet eine klare Botschaft: Um die Klimaschutzziele zu erreichen und unabhängig von fossilen Brennstoffimporten zu werden, muss deutlich mehr passieren als bisher", sagt Julia Verlinden, Energieexpertin der Partei. Der Ausbau der Erneuerbaren dürfe nicht länger gedeckelt werden und die Energieeffizienz müsse steigen. "Diese Prämissen für eine erfolgreiche Energiewende gelten unabhängig davon, wie der konkrete Pfad bis 2050 am Ende technologisch aussieht." Die Studie unterstreiche damit den grünen Standpunkt.

Der FDP müssten die Schlagwörter "technologieoffen" und "marktbasiert" eigentlich gefallen. Doch in ihrem Wahlprogramm sprechen sich die Liberalen zwar für den Emissionshandel in Europa, aber gegen einen Mindestpreis für CO2 aus.

[Erklärung]  
Anzeige
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen