Wer zuletzt kommt, den bestraft die Börse

Windkraft und Solarenergie setzen sich weltweit immer mehr durch. Das hat gravierende Folgen für die herkömmlichen Energiekonzerne. Eine Untersuchung des US-Thinktanks IEEFA zeigt: Wer sich spät oder gar nicht auf den Umbruch einstellt, muss massive Verluste hinnehmen.

Aus Frankfurt am Main Joachim Wille

Das rasante Wachstum von Windkraft und Solarenergie verändert die Energiemärkte weltweit. Der Zubau von erneuerbaren Energien wird laut der aktuellen Prognose der Internationalen Energie-Agentur IEA bis 2022 rund eine Million Megawatt betragen. Das entspricht rund der Hälfte der derzeit weltweit installierten Kohlekraftwerks-Leistung – die allerdings in 80 Jahren aufgebaut wurde.

BildAuf einen Blick: Übersicht über die Unternehmen, die IEEFA untersucht hat. (Abbildung: IEEFA)

Nicht nur in Deutschland, dem "Erfinderland" der Energiewende, hat diese Entwicklung Folgen für die Struktur und die Profitabilität der Energiekonzerne. Das zeigt eine Untersuchung des US-Thinktanks "Institute for Energy Economics and Financial Analysis" (IEEFA) zu der Frage, wie die großen Energieunternehmen mit dem Umbruch zurechtkommen.

In der Studie werden die Auswirkungen der globalen Energiewende auf Energiekonzerne in acht großen Industrie- und Schwellenländern untersucht. Neben Deutschland sind das Italien, Frankreich, die USA, Südafrika, Japan, Indien und Australien.

Einige der elf untersuchten Energieunternehmen – wie Enel in Italien und Next Era Energy in den USA – sind demnach bereits gut für die Energiewende gerüstet. Sie sind frühzeitig in Solar-Kraftwerke und Windparks eingestiegen.

Eine zweite Gruppe – darunter die deutschen Stromkonzerne Eon und RWE – versuchten verspätet, doch noch mit der Energiewende zurechtzukommen. Sie mussten aber starke Wertverluste hinnehmen und sogar komplette Umstrukturierungen vornehmen: eine Aufspaltung in jeweils zwei Firmen und, wie jetzt bei Eon, auch Teilverkäufe.

Andere Unternehmen hingegen – darunter der Fukushima-Konzern Tepco in Japan, NRG in den USA und Südafrikas Eskom – haben praktisch noch keine Schritte eingeleitet, um sich auf die neue Energiewelt einzustellen.

"Endgültiger fossiler Niedergang wahrscheinlich"

Die schlechter bewerteten Energieunternehmen haben laut der Studie zwischen 2007 und 2016 insgesamt 185 Milliarden US-Dollar (157 Milliarden Euro) an Wert verloren. Allein in Europa wird die Höhe der Abschreibungen von Stromversorgungsunternehmen im Zeitraum von 2010 bis 2016 auf bis zu 150 Milliarden Dollar (128 Milliarden Euro) geschätzt. Eon hat in diesem Zeitraum laut der Studie rund 24 Milliarden Euro an Wert verloren, RWE 16 Milliarden Euro.

Der Aktienwert der in der Energiewende frühzeitig aktiven Konzerne hingegen entwickelte sich positiv. Laut den IEEFA-Experten ist dabei das Timing der Umstellung entscheidend: Je später der Schwerpunkt auf die erneuerbare Energien verlagert wurde, desto größer waren die Wertverluste des Energieunternehmens.

Tim Buckley, Hauptautor der IEEFA-Studie, kritisiert den IEA-Marktreport, weil darin der Ausbau und die Kostensenkung der erneuerbaren Energien wieder einmal unterschätzt werde. "Wahrscheinlich ist nicht nur ein geringeres Wachstum der fossilen Energieerzeugung, wahrscheinlich ist vielmehr ihr endgültiger Niedergang", sagte er.

BildWindpark von Eon: Das Unternehmen musste herbe Verluste hinnehmen, weil es sich beim Einstieg ins Erneuerbaren-Geschäft zu viel Zeit gelassen hat. (Foto: Eon)

Immer mehr Kohle- und Erdgas-Kraftwerksprojekte würden auf Eis gelegt, so Buckley. Denn die erneuerbaren Energien drücken die Börsen-Strompreise und verringern die Auslastung fossiler Kraftwerke, sodass sich neue Investitionen in fossile Anlagen nicht mehr lohnen.

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