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"Türkei kann Energiewende schaffen"

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Die Türkei möchte den Pariser Klimavertrag nicht ratifizieren, um den Zugang zur internationalen Klimafinanzierung nicht zu verlieren. Für Mustafa Özgür Berke kommt das wenig überraschend. Für unvorhersehbare Entwicklungen könnten dagegen die Erneuerbaren in der Türkei sorgen.

Mustafa Berke hat über zehn Jahre für den WWF Türkei gearbeitet und ist jetzt unabhängiger Berater für Energie- und Klimapolitik, unter anderem für den WWF und für die türkische Solarenergiegesellschaft Günder.

klimaretter.info: Herr Berke, in der Abschlusserklärung der G20 hat sich die Türkei zum Pariser Klimavertrag bekannt. Doch am Ende des Treffens ließ Präsident Erdoğan ausdrücklich offen, ob die Türkei den Vertrag ratifizieren wird. Wie ist der plötzliche Wandel zu erklären?

Mustafa Özgür Berke: Erdoğans Aussage war keine Neuigkeit, sie war erwartbar. Schon lange vor Trumps Entscheidung, sich aus dem Pariser Klimavertrag zurückzuziehen, haben politische Entscheidungsträger und Regierungsbeamte der Türkei bei verschiedenen Anlässen ihre Vorbehalte gegenüber dem Abkommen formuliert, beispielsweise auf der Klimakonferenz COP 22 letztes Jahr in Marrakesch.

Zwar hat sich die Türkei gemeinsam mit anderen Staaten zu dem Abkommen bekannt, aber sie fordert, gleichberechtigt zu anderen Schwellenländern behandelt zu werden. Im Wesentlichen geht es darum, dass der Zugang zum Klimafonds erhalten bleibt und es keine Pflicht für ein absolutes Emissionsminderungsziel unabhängig von der Wirtschaftsentwicklung gibt.

Wie so häufig in der internationalen Klimadiplomatie geht’s also ums Geld?

Nein. Nach den derzeitigen Regeln der Klimarahmenkonvention UNFCCC hat die Türkei Zugang zur Klimafinanzierung. Das geht auf einen Beschluss der COP 7 im Jahr 2001 zurück, mit dem eine Unterscheidung zwischen der Türkei und anderen Annex-I-Staaten wegen ihrer spezifischen Bedingungen eingeführt wurde.

Heute belegt die Türkei Platz sieben in der Liste der Länder, die von der Klimafinanzierung profitieren. Unter den Entwicklungsländern mit mittlerem Einkommen liegt sie auf Platz vier nach Brasilien, Mexiko und Südafrika. Die Türkei ist besorgt, dass mit der Umsetzung des Paris-Abkommens ab 2020 der Zugang zur Klimafinanzierung wegfällt. 

Hat das auch Auswirkungen auf das selbst gesetzte Klimaziel, das NDC?

Die Türkei ist in ihren Entwicklungs- und Klima-Indikatoren – Bruttoinlandsprodukt, Energieverbrauch, Treibhausgas-Emissionen pro Kopf, Emissionssteigerung – mit anderen Schwellenländern oder Ländern mit mittlerem Einkommen wie Mexiko oder Südafrika vergleichbar. Das ist der Ausgangspunkt für die Forderung nach einem Zugang zur Klimafinanzierung.

Im Vergleich zu diesen Ländern ist der Ehrgeiz des türkischen Klimaziels deutlich geringer. Während sich die meisten dieser Länder verpflichtet haben, das Wachstum der Treibhausgas-Emissionen oder sogar die Emissionen selbst vor 2030 zu verringern oder zu stoppen, sollen die Emissionen der Türkei laut dem NDC zwischen 2010 und 2030 um 40 Prozent steigen im Vergleich zu 1990 bis 2010.

Deshalb bewerten die Analysten vom Climate Action Tracker das NDC der Türkei als "unzureichend". Vor diesem Hintergrund könnte die Ratifizierung des Abkommens – dank des Verschärfungsmechanismus – ein Anreiz und ein Instrument für die Türkei sein, um das NDC-Niveau deutlich zu erhöhen. 

Sind die schwachen Selbstverpflichtungen der Türkei trotz der Pläne für weitere Kohlekraftwerke erreichbar?

Im Grunde ist Klimapolitik in der Türkei ein Teil der Energiepolitik. Übergreifendes Ziel der türkischen Energiepolitik ist es, die Versorgungssicherheit zu erhöhen, indem die Abhängigkeit von Energieimporten verringert wird.

Um dieses Ziel zu erreichen, setzt die Türkei auf eine rasche Ausweitung der heimischen Kohle- und Atomkraftkapazitäten, begleitet von einem moderaten Ausbau der erneuerbaren Energien, vor allem Wasserkraft, Wind, Sonne und Geothermie.

Die türkische Energiestrategie – vor allem die Pläne für weitere Kohlekraftwerke – ist für die erwartete Zunahme der Treibhausgas-Emissionen verantwortlich. Nach offiziellen Angaben sind Kohlekraftwerke mit einer Kapazität von rund 40.000 Megawatt in der Pipeline.

Etwa 15.000 Megawatt der geplanten Kapazitäten basieren auf heimischer Kohle, während der Rest von Kohleimporten abhängen wird. Doch für die importierte Kohle erscheint die Zukunft düster. Eine zunehmende Förderung durch Anreize und Subventionen soll zum Aufschluss neuer heimischer Braunkohletagebaue und den Bau neuer Kraftwerke in der Türkei sorgen.

Wie steht es um den Ausbau der Erneuerbaren?

Die Türkei erzeugt bereits mehr als 30 Prozent ihres Stroms aus erneuerbaren Quellen, wenn man Wasserkraft hinzunimmt. Die Erneuerbaren werden auch weiter ausgebaut, aber ihr relativer Anteil am gesamten Energiemix wird kaum zunehmen.

Das hängt mit der steigenden Energienachfrage in der Türkei zusammen. Zudem sind die Ausbauziele nicht progressiv. Das offizielle Erneuerbaren-Ziel für den Stromsektor für 2023 beträgt 30 Prozent.

In der Türkei ist die Kapazität der Solarenergie mit 1.500 Megawatt im Vergleich zu den 40.000 Megawatt in Deutschland noch schwach. Wir erwarten einen beträchlichen Anstieg in den kommenden Jahren. 

Allerdings sind die Zubauziele für Kohle- und Atomkraftwerke deutlich höher als die für Solarenergie und andere Erneuerbare. Bisher gibt es keine Atomkraftwerke in der Türkei, aber bis 2030 sollen drei Atomkraftwerke mit einer Gesamtleistung von rund 15.000 Megawatt gebaut werden.

Dann muss die türkische Bevölkerung noch eine ganze Weile auf die Energiewende warten?

Nicht unbedingt. Die Energiewende liegt nicht innerhalb des offiziellen Horizonts. Allerdings sind Widersprüche und Lücken zu den offiziellen Zielen und ihrer Verwirklichung in der Türkei nicht überraschend.

Seit 2009 – damals wurde Kohle als vorrangige Quelle für Versorgungssicherheit benannt – waren die neu installierten Kapazitäten zur Hälfte erneuerbar. Der Anteil der heimischen Kohle beim Zubau machte nur etwa drei Prozent aus. Auch der Anteil der Braunkohle an der Stromerzeugung sank von 20 auf 14 Prozent. 

BildFür die Windenergie gehts in der Türkei gerade zügig bergauf. (Foto: Zeynel Cebeci/​Wikimedia Commons)

In Europa hat nur Spanien ein vergleichbares Potenzial für Solarenergie wie die Türkei. Und der türkische Windenergiemarkt gehört zu den am schnellsten wachsenden in Europa und weltweit. 

Der dramatische Preisverfall für erneuerbare Technologien wie Wind und Photovoltaik und die Einführung lukrativer Einspeisevergütungen im Jahr 2011 haben die Wind- und Geothermiekapazitäten in der Türkei deutlich erhöht, auch bei der Solarkapazität haben wir in den vergangenen Jahren eine rasche Entwicklung erlebt.

Die Mittel des Klimafonds und der multilateralen Entwicklungsbanken wie der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung haben das Wachstum noch vorangetrieben. Der erwartete Rückgang bei den Kosten der erneuerbaren Energien und die künftigen Verbesserungen bei den Speichertechnologien könnten dazu führen, dass die "offiziellen Ziele" leicht übertroffen werden und die Transformation zu einer klimafreundlichen Entwicklung in der Türkei Fahrt aufnimmt.

Interview: Sandra Kirchner

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