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Mehr Macht den (unteren) Netzen

Das bisherige Axiom, dass die Macht über die Stromnetze auch die Kontrolle über das Stromgeschäft garantiert, kommt mit der dezentralen Erzeugung durch Wind und Sonne, durch neue flexible Angebote und die Sektorkopplung mit E-Mobilität ins Wanken. Die Betreiber der deutschen Verteilnetze wollen dem nicht tatenlos zusehen.

Aus Berlin Jörg Staude

Rund 1,8 Millionen Kilometer misst das deutsche Stromnetz. Über 100.000 Kilometer davon wird öffentlich am meisten gestritten, da geht es meist um die berühmten neuen Stromautobahnen von Nord nach Süd oder Südost, die sogenannte Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) durchs Land ziehen wollen. Die "restlichen" 1,7 Millionen Kilometer sind Leitungen ab 110.000 Volt Spannung abwärts, über die die Verteilnetzbetreiber (VNB) bestimmen und die bisher eher ein Schattendasein fristeten.

BildMit dem Erneuerbaren-Ausbau werden nicht nur die großen Stromautobahnen wichtiger, sondern auch die Verteilnetze. (Foto: Schulze von Glaßer)

Das beginnt sich aber mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien zu ändern. Die Wind- und Solaranlagen hängen ja nicht an den "Strom-Autobahnen" der ÜNB, sondern dezentral an den Verteilnetzen und fangen an, den Gang des Stroms auf den "unteren" Ebenen zu bestimmen.

Wie andere Netzmanager vor ihm berichtete am Dienstag dieser Woche Stefan Richter von der RWE-Tochter Innogy, dass einer seiner Netzbetriebe selbst nur 3.300 Megawatt Leistung benötige, um den Bedarf im Versorgungsgebiet zu decken, dort aber schon 8.000 Megawatt erneuerbare Erzeugung ans Netz angeschlossen sind. Erneuerbarer Strom habe in der Region im Schnitt schon einen Anteil von 80 Prozent am Verbrauch. Was werde passieren, fragte der Innogy-Mann rhetorisch, wenn – wie für 2030 prognostiziert – die 8.000 auf 24.000 Megwatt Erneuerbare steigen, wenn ganze Flotten von E-Autos grünen Strom tanken wollen und bundesweit noch Millionen neue Wärmepumpen dazukommen.

Die entscheidenden Elemente der Energiewende finden alle auf der dezentralen, also "unteren" Ebene statt. Welche Schlüsse und Forderungen sich daraus aus Sicht der knapp 800 Verteilnetzbetreiber ergeben, dazu verkündeten die Netzmanager am Dienstag auf einer vom Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) organisierten Pressekonferenz in Berlin jede Menge wohlfeile Worte.

Verteilnetzbetreiber möchten gern mit Preisanreizen steuern

Es gehe nicht darum, so Egon Westphal von der Bayernwerk AG aus Regensburg, die Netze weiter auf maximale Kapazität auszubauen, sondern durch "intelligente" Nutzung und mehr Effizienz "lokale Flexibilität" zu ermöglichen und den verfügbaren Ökostrom auch wirklich klimafreundlich einzusetzen. Deswegen, regte Westphal an, sollte man den Verteilnetzbetreibern künftig gesetzlich gestatten, ihren Kunden solche Flexibilitäten tariflich anzubieten, wie sie zum Beispiel durch Stromspeicher möglich werden, oder es den Netzbetreibern gar erlauben, in eigene Speicher zu investieren.

Was ist damit gemeint? Also, angenommen, wird den Medien erläutert, ein Unternehmen stellt seinen Fuhrpark auf Elektromobilität um und schließt jeden Abend vielleicht 20 Fahrzeuge an, um sie über Nacht mit grünem Strom aufzuladen. Die Frage ist nun, wann diese Fahrzeuge wie viel Strom aufnehmen. Hier möchte der Verteilnetzbetreiber gern "Anreize" wie einen geringeren Strompreis oder ein niedrigeres Netzentgelt setzen, um das stromintensive Aufladen so regulieren zu können, dass die vorhandenen Netze, die für so viel E-Mobilität eigentlich nicht ausgelegt sind, ausreichen.

Das Unternehmen ist selbstverständlich auch so frei zu entscheiden, dass der gebotene Anreiz zu gering ist und es lieber ein möglichst schnelles und gleichzeitiges Aufladen haben will. Dann müsste der Netzbetreiber das Netz ausbauen – und die Kosten würden über die Netzentgelte auf die Stromkunden umgelegt.

Kritik am "zentralistischen" Datenfluss

So läuft es derzeit aber nicht. So ein e-mobiles Unternehmen würde sich für den Ökostrom gegenwärtig vertraglich gar nicht an den Netzbetreiber wenden, sondern an einen Ökostromlieferanten. Darüber, wie dieser Liefervertrag dann im Detail aussehe, klagten die Netzmanager am Dienstag unisono, wüssten sie bisher so gut wie nichts – sie würden aber gern mehr wissen, um ihr Stromnetz effizienter steuern zu können.

Ein wichtiger Wunsch der Verteilnetzbetreiber an die Politik (nach der Bundestagswahl) ist deswegen ein neu organisierter Datenfluss. Das in der jetzigen Legislatur beschlossene "Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende" ist den Netzbetreibern noch "viel zu zentralistisch".

Welchen Zugang zu welchen Daten sie, die VNB, nun aber genau fordern, dazu war über schöne Schlagworte wie "Datenrarität" und "aggregierte Daten" hinaus nicht viel zu lesen oder zu hören. Zumal den Verteilnetzbetreibern ab Anfang 2018 durchaus jede Menge nützlicher Daten zufließen. Denn dann sind ein Großteil der Solaranlagenbetreiber sowie Stromkunden mit einem Jahresverbrauch jenseits von 6.000 Kilowattstunden verpflichtet, per Messstelle in Echtzeit über ihren Strom erzeugenden oder verbrauchenden Zustand Auskunft zu geben.

Im Versorgerdeutsch liest sich das übrigens so: "Als Messstellenbetreiber ist einem VNB per se die Funktion des Smart Meter Gateway Administrators zugeordnet."

Übertragungsnetzbetreiber sollen sich heraushalten

Um diese Funktion werden die VNB von anderen Beteiligten im Stromsystem schon beneidet. In einer künftig digitalisierten Energiewelt, so darf man vermuten, werden diese und viele andere Daten ziemlich wertvoll sein, lassen sie doch auch Rückschlüsse auf Geschäftsmodelle und Geschäftspraktiken zu – auch wenn die versammelte Verteilnetzbranche die Vermutung weit von sich weist, es gehe bei der Verfügbarkeit und dem Zugang zu Daten auch um Marktmacht.

Allerdings ist den Verteilnetzbetreibern auch der Umstand ein Dorn im Auge, dass die übergeordnete Ebene der ÜNB bislang bei ihnen eingreifen kann. Jeder Betreiber habe seine Verantwortung, niemand dürfe unabgestimmt hineinregieren und es dürfe keine widerprechenden Steuerungsanweisungen für Erzeuger, Verbraucher und Speicher geben, verlangte Bayernwerk-Manager Westphal.

BildWer kontrolliert in den Netzen, wer sich mit wem verbindet und Strom liefert oder speichert? (Foto: Martin Zeuner/​Flickr)

Der Einsatz flexibler Kapazitäten im Stromsysten dürfe nicht durch "Dritte" entschieden werden, forderte auch Erik Landeck von der Stromnetz Berlin GmbH. Dabei ist schon klar, wo die Entscheidungsgewalt letztlich liegen soll.

Um die Macht im Netz geht es irgendwie doch.

[Erklärung]  
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