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"Mein Bauch sagt, der Mieterstrom kommt"

BildAuch wenn der Bundestag das Mieterstrom-Gesetz noch durchwinkt – die Kalkulation der Projekte bleibt fragil, sagt der künftige Naturstrom-Vorstand Tim Meyer. Und das weniger wegen der diversen gesetzlichen "Deckel", sondern eher wegen einer möglichen Absenkung der EEG-Förderung oder der Schwierigkeit, ein Mietshaus vom Netz abzutrennen.

Meyer leitet bei der Naturstrom AG den Geschäftsbereich dezentrale Energieversorgung und wird ab Juni auch dem Vorstand des Öko-Energieversorgers angehören. Der promovierte Elektroingenieur gründete 2012 die Hamburger Grünstromwerk GmbH mit. Mit deren Übernahme kam er 2015 zu Naturstrom.

klimaretter.info: Herr Meyer, kürzlich hat das Bundeskabinett ein Mieterstrom-Gesetz vorgelegt. Für den Beschluss im Bundestag stehen noch vier Sitzungswochen zu Verfügung – nach der Sommerpause wird neu gewählt. Woher nehmen Sie den Optimismus, dass der Mieterstrom jetzt noch Gesetz wird?

Tim Meyer: Zum einen treibt ein erstaunlich breites, übergreifendes und die letzten Jahre nicht gesehenes Bündnis den Mieterstrom voran, zum anderen haben die Regierungsfraktionen einen klaren Fahrplan vereinbart. Der wurde zum Beispiel mit dem Kabinettsbeschluss bisher auch eingehalten. Und solange das so ist, bin ich optimistisch.

Der Wirtschaftsrat der CDU verlangt aber noch "grundlegende" Änderungen. Am Aus für das Gebäudeenergiegesetz war jüngst abzulesen, welche Macht der Wirtschaftsflügel der Union in solchen Fragen hat.

Das ist von außen schwer abzuschätzen. Natürlich kann ein Gesetzesprojekt immer schiefgehen. Mein Bauchgefühl sagt mir aber: Wir werden das Gesetz bekommen.

Ihr Unternehmen setzt bereits Mieterstromprojekte um. Wozu brauchen Sie das Gesetz eigentlich?

Mieterstromprojekte setzen wir vor allem in speziellen Konstellationen um, in denen sie sich jetzt schon rechnen. Das klappt nur in einigen Gebieten, wo hohe Netzentgelte verlangt werden. Schließlich muss sich der Preis für Mieterstrom gegenüber den lokalen Strompreisen behaupten.

Wir haben anfangs auch Vorhaben verwirklicht, bei denen unterm Strich so eben eine schwarze Null stand. Projekte zum Lernen sind auch wichtig. Wir glauben unternehmerisch an Mieterstrom und erwarten natürlich auch, dass wir uns da einen gewissen Marktanteil erarbeiten können. Vor allem aber ist uns die Botschaft wichtig: Man kann direkt vor Ort Strom erzeugen, liefern und insofern die Energiewende für Millionen Menschen greifbar machen.

Was unterscheidet den Besitzer eines Hauses mit einer Solaranlage darauf, der einen Teil des Stroms selbst verbraucht, von einem Mieter, der sich den Strom vom Dach des Mietshauses liefern lässt?

Eigenheimbesitzer erhalten für ihren Solarstrom die EEG-Vergütung, wenn sie den Strom ins Netz einspeisen. Typischerweise wird heute aber nur der Überschuss-Strom ins Netz eingespeist, weil es attraktiver ist, den selbst erzeugten Strom auch selbst zu verbrauchen. Den Eigenverbauch privilegiert der Gesetzgeber dadurch, dass dafür nur eine reduzierte EEG-Umlage fällig wird.

Mieterstrom ist rechtlich eine ganz andere Konstellation, da der Betreiber der Anlage und der Nutzer des Stroms nicht ein und dieselbe juristische Person sind. Hinzu kommt, dass eine Anlage Strom an mehrere Nutzer liefert. Bisher konnte man für diese Konstruktion nicht von einer reduzierten EEG-Umlage profitieren. Verkauft man den Strom an die Mieter, ist die volle EEG-Umlage zu bezahlen.

Im Zuge des EEG 2017 hatte der Gesetzgeber ursprünglich auch die Absicht, Mieterstrom dem Eigenverbrauch gleichzustellen und die Benachteiligung der Mieter aufzuheben. Aus verschiedenen Gründen klappte das nicht. Der Gesetzgeber entschied sich dann, das Problem über eine spezielle EEG-Förderung zu lösen. Nun soll der Betreiber auch für den vor Ort verkauften Solarstrom eine kleine Zusatzvergütung erhalten.

BildDeutschland – noch immer das Land der Mietshäuser, von denen jedes für sich genommen ein kleines Kraftwerk samt Verbrauchern darstellen kann. (Foto: Schulze von Glaßer)

Und das ist nun der Knackpunkt, dass die EEG-Förderung wenigstens zum Teil auch dann fließt, wenn der Strom vom Dach an die Mieter verkauft wird?

Grob kann man das so sagen. Zunächst einmal kommen aber neue Kosten auf den Mieterstrom zu – mit dem sogenannten Smart-Meter-Rollout. Voraussichtlich ab 2018 sind alle Solarstromanlagen verpflichtet, intelligente Messsysteme einzusetzen. Die sind teuer. Die Preisobergrenzen im sogenannten Messstellenbetriebsgesetz liegen für kleine Anlagen bei 100 und für große bei 200 Euro pro Jahr. Das ist eine spürbare Belastung, die die Projekte erst einmal kompensieren müssen.

Und was bleibt nun beim Mieterstrom zusätzlich an Erlös hängen, wenn das Gesetz in Kraft ist?

Mit der Förderung wird man den Mieterstrom – über den Daumen gepeilt – um rund einen Cent pro Kilowattstunde günstiger liefern können als bisher. Der Wert errechnet sich aus einer EEG-Förderung von etwa drei Cent pro Kilowattstunde sowie einem Anteil des Solarstroms an dem an die Mieter gelieferten Strom von circa 30 Prozent. Der Spielraum von einem Cent dürfte genügen, damit viele Projekte Realität werden können.

Beim Eigenheim wird häufig mitkalkuliert, Überschuss-Strom ins Netz einzuspeisen. Wie ist das beim Mieterstrom?

Das kommt stark auf die jeweiligen Gebäude an. Wie verhält sich die nutzbare Dachfläche zur Zahl der Wohnungen? Leben im Gebäude überwiegend Menschen mit einem Ganztagsjob, die tagsüber nicht da sind? Oder sind es Ältere oder Familien, bei denen mittags gekocht wird? In den allermeisten Mieterstrom-Projekten wird es aber einen nennenswerten Stromüberschuss geben, der ins Netz eingespeist wird.

Sind die Mieterstrom-Projekte mit Stromspeichern ausgestattet?

In der Regel sind sie noch ohne Speicher, weil diese sich auch in solchen Anwendungen noch nicht rechnen. Gerade im Geschosswohnungsbau mit vielen Mietern wird ein Speicher aber perspektivisch Sinn machen, zumal er sich effektiver auslasten ließe als in einem Eigenheim.

Der Gesetzentwurf deckelt den Ausbau des Mieterstroms doppelt: Pro Projekt dürfen die Solaranlagen nicht mehr als 100 Kilowatt Leistung haben. Und bundesweit dürfen pro Jahr nicht mehr als 500 Megawatt Solarstromkapazität für Mieterstrom geschaffen werden.

Bei den Erneuerbaren ist jeder Deckel, der den Zubau beschränkt, extrem ärgerlich. Es wird sich allerdings erst in der Praxis zeigen müssen, wie schnell die 500 Megawatt tatsächlich erreicht werden. Mieterstromprojekte sind komplex, nicht standardisiert und in jedem Netzgebiet anders. Der Markt muss erst ins Rollen kommen. Kurzfristig sehe ich in dem Deckel daher kein großes Hemmnis. Wobei ich mich beim Zubau freuen würde, wenn er schneller käme.

Und was ist mit der EEG-Vergütung, die wird ja auch ständig von der Bundesnetzagentur neu festgelegt?

Sollte sich der Zubau bei Solarstrom doch wieder beleben, könnte die in der letzten Zeit recht stabile Vergütung wieder stärker sinken, was dann auch eine geringere Förderung des Mieterstroms nach sich zöge.

BildEines der wenigen bisherigen Vorzeigeprojekte für Mieterstrom ist das Gelbe Viertel im Berliner Osten. (Foto: Stadt und Land Wohnbauten GmbH)

Wie Sie sagen, gibt es bei der Wirtschaftlichkeit nur einen Cent Spielraum, der ja zudem auf der EEG-Förderung beruht.

Deswegen könnte es sehr knapp werden, wenn die EEG-Vergütung sinkt. Das muss man beobachten. Der 100-Kilowatt-Deckel ist dagegen überhaupt nicht schädlich. Bei Projekten jenseits dieser Grenze würden andere Vorgaben aus dem EEG greifen. Die Anlagen kämen dann in die verpflichtende Direktvermarktung. Das wiederum passt kaufmännisch gar nicht zum Mieterstrom.

Viel schädlicher ist die Vorschrift, dass der Strom laut dem Gesetzentwurf ausschließlich innerhalb eines Gebäudes verkauft werden darf. Es gibt genügend Konstellationen, wo sich mehrere Dächer anbieten und eine Quartierslösung bilden könnten. Oft kann man einzelne Gebäude elektrisch auch gar nicht voneinander trennen. Das wird noch ein Ringen werden mit der Bundesnetzagentur.

Die Stromkabel zwischen den Gebäuden müssten zwangsweise durchschnitten werden ...

... das wäre natürlich Irrsinn. Da hoffe ich auf den parlamentarischen Prozess.

Gegen den Mieterstrom-Ausbau wird auch eingewandt, dass sich nach den stromautarken Eigenheimen dann auch immer mehr Mieter aus der Zahlung der Netzentgelte verabschieden werden – demnach müssten die steigenden Netzentgelte auf immer weniger Zahler umgelegt werden. Das kann nicht ganz gerecht sein, sagen Kritiker – was sagen Sie?

Die Sorge um durch den Mieterstrom steigende Netzentgelte ist zunächst ein durchsichtiges Spiel, um gegen diese Lösung Stimmung zu machen. Wenn wir heute über Solidarität bei den Netzentgelten reden, müsste man eher die Privilegien für Industrie und Groß-KWK thematisieren. Das wird aber nicht getan.

Im Moment brauchen wir vor allem Anreize, damit die Erneuerbaren ausgebaut werden. Daher halte ich es gegenwärtig für gerechtfertigt, wenn für den Ökostrom, der wie der Mieterstrom nicht durchs öffentliche Netz fließt, auch keine Netzentgelte fällig werden.

Klar ist aber auch: Mittelfristig, wenn die Erneuerbaren weiterhin so zügig ausgebaut werden, müssen die Netze anders finanziert werden. Dann müssen die Erneuerbaren auch in der Lage sein, sich an den Netzkosten zu beteiligen. Das sollte schrittweise vor sich gehen, um den Zubau nicht abzuwürgen.

Interview: Jörg Staude

[Erklärung]  
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