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"Bürgerenergie führt zu Schneeballeffekt"

BildDie Verbraucher wurden lange dazu erzogen, sich nicht um ihren Strom zu kümmern, sagt René Mono, Vorstand beim Bündnis Bürgerenergie. Jetzt geht es darum, sie zu aktivieren. Die Technik für die nächste Stufe der dezentralen Energiewende ist da: Neue Smartphone-Anwendungen machen den "Strom von nebenan" möglich.

Bildklimaretter.info: Herr Mono, heute beginnt der Wettbewerb um das "Bürgerenergieprojekt 2017", bei dem man sich online beweben kann. Was erhoffen Sie sich davon?
René Mono:
Wir glauben, dass es sehr zukunftsweisende Bürgerenergieprojekte gibt, die häufig nicht bekannt genug sind. Vor allem Politik und Gesellschaft sehen nicht, welches große gesellschaftliche, aber auch energiewirtschaftliche Potenzial in den Projekten steckt. Manchmal habe ich sogar den Eindruck, unsere eigene Community erkennt die Innovationskraft vieler Projekte nicht vollkommen. Deshalb wollen wir Projekten eine Bühne bieten, von denen eine Signalwirkung für die Zukunft der Bürgerenergie ausgehen kann.

Wer kann sich um den Preis bewerben?

Jede Bürgerenergie-Gesellschaft, die unsere Kriterien erfüllt. Das müssen nicht unbedingt Genossenschaften sein, obwohl das die typischste Rechtsform ist.

Wichtig ist, dass Bürger über die Geschicke der Gesellschaft entscheiden. Das heißt, sie müssen mindestens 50 Prozent der Stimmrechte haben. Und natürlich müssen erneuerbare Energien oder Energieeffizienz eine Rolle spielen.

Wie hat sich die Bürgerenergie in den letzten Jahren entwickelt?

Es werden immer noch neue Projekte ins Leben gerufen. Aber das starke Wachstum, das wir nach der Atomkatastrophe in Fukushima hatten, ist eingebrochen. Die Politik hat eine Anti-Bürgerenergie-Politik betrieben, beispielsweise durch die Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes.

Was genauso dramatisch ist: Auch existierende Bürgerenergie-Gesellschaften, die finanziell gut dastehen, investieren nicht. Weil sie nicht sicher sein können, dass die Politik Bürgerenergie in Zukunft noch zulässt.

Ist es momentan überhaupt wirtschaftlich, eine solche Genossenschaft zu gründen?

Häufig rechnen sich die Projekte nur knapp. Dass sie realisiert werden, liegt häufig daran, dass Idealismus eine große Rolle spielt. Es würde aber reichen, nur einen Paragrafen in einem Gesetz zu ändern, und die Wirtschaftlichkeit würde in sich zusammenbrechen. Die Projekte würden dann zu Verlustgeschäften. Ganz viele sind in einem Rendite-Bereich, wo ein normaler, nicht ideell geprägter Investor niemals Geld investieren würde.

Das ist auch der Grund, warum die großen Energiekonzerne so wenig für die Energiewende getan haben – denen waren die Renditen nicht hoch genug.

Wie könnten Bürgerenergie-Projekte in Zukunft wirtschaftlicher werden?

Wir glauben, dass besonders der Direktverbrauch und die Eigenerzeugung von Strom, Wärme und Mobilität in Zukunft ein interessantes Geschäftsmodell sind.

Eigenerzeugung verstehen wir aber in einem weiteren Sinne als der Gesetzgeber heute. Er geht davon aus, dass Anlagenbetreiber und Verbraucher die gleiche Person sein müssen. Es wird aber darum gehen, beispielsweise eine Siedlung gemeinschaftlich zu versorgen.

In Ihrer Studie "Bürgerenergie heute und morgen" haben Sie ein Idealbild für solche Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaften entworfen. Was macht die so besonders?

Das Besondere ist, dass sie auch direkt untereinander Strom handeln können. Das wird durch digitale Technologien möglich. Über Smartphone-Apps kann in Echtzeit Strom gehandelt werden, ohne dass die Verbraucher etwas tun müssen. Die IT-Anwendungen sind jetzt so billig, dass sie wirtschaftlich genutzt werden können. Sie werden in den nächsten zehn bis 15 Jahren prägend sein. Der Umweg über die Strombörse ist dann nicht mehr nötig.

Was macht es heute noch schwierig, mit Strom zu handeln?

Die Gesetzgebung, vor allem das Energiewirtschaftsgesetz. Es ist für kleinere Akteure nicht ausdrücklich verboten, Strom zu handeln. Aber die Bundesnetzagentur betreibt eine Art Lizenzierung. Das ist ein sehr aufwendiges Prüfverfahren, das viele Kleine abhält. Wir setzen darauf, dass die Politik diese künstlichen Barrieren in Zukunft absenkt.

BildGemeinsam mit Menschen aus der Nachbarschaft seinen eigenen Strom zu erzeugen wird immer attraktiver, sagt René Mono. (Foto: Jörg Farys/​BBEn, Porträtfoto René Mono: BBEn)

Werden die Bürger denn den Aufwand betreiben wollen, sich auch noch um den eigenen Strom zu kümmern?

Das ist auch ein Kulturwandel. Die Verbraucher wurden über Jahrzehnte dahin erzogen, sich nicht um ihren Strom zu kümmern. Den großen Unternehmen war es lange Zeit ganz recht, dass der Verbraucher passiv war. Jetzt geht es darum, ihn zu aktivieren.

Wir sehen, dass die Nachbarschaft eine große Rolle spielt. Die Menschen, die mitbekommen, wie sich ihre Nachbarn engagieren, entwickeln auch Interesse. Wir glauben, dass eine Art Schneeballeffekt einsetzen kann.

Was sind Ihre Forderungen im Wahljahr?

Wir brauchen ein Recht auf "Prosuming", das heißt, gleichzeitig Erzeuger und Verbraucher sein zu dürfen. Dazu gehört auch, mit Strom handeln zu dürfen. Dieses Recht muss positiv beschrieben werden.

Das ist eine ganz neue Forderung, die wir momentan im Programm keiner Partei finden. Zunächst brauchen wir das politische Bewusstsein dafür, dass es sich hierbei um einen Paradigmenwechsel handelt.

Interview: klimaretter.info

BildDer Beitrag ist Teil der
Kooperation zwischen dem
Bündnis Bürgerenergie (BBEn)
und klimaretter.info zum
"Bürgerenergieprojekt des Jahres"

[Erklärung]  
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