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Strom von nebenan für nebenan

BildIm Jahr 2030 werden Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaften ein elementarer Bestandteil des Energiesytems sein. Das sagt das "Bündnis Bürgerenergie" in einem jetzt veröffentlichten Report. Doch damit es dazu kommt, muss sich noch viel ändern.

Von der klimaretter.info-Redaktion

"Das Bollwerk des Zentralismus bröckelt", sagt René Mono, Vorstand beim Bündnis Bürgerenergie (BBEn). Was er meint: Traditionell werden alle Bürger über ein zentrales Netz mit Strom versorgt. Doch laut einem Report, den das Bündnis am Donnerstag in Berlin vorgestellt hat, wird sich das bald ändern. Im Jahr 2030 wird es demnach ein zentraler Bestandteil des Energiesystems sein, seinen erneuerbaren Strom gemeinsam mit anderen zu erzeugen und zu nutzen.

BildAutoren und Auftraggeber stellen den Bericht vor (von links): René Mono vom Bündnis Bürgerenergie, Marcel Keiffenheim von Greenpeace Energy und Stephan Franz vom Büro F. (Foto: Christoph Rasch/​BBEn)

Das Bündnis ist sich sicher, dass immer mehr Menschen zu sogenannten Prosumern werden – das heißt, dass sie gleichzeitig Strom produzieren und konsumieren. "Im Wärmebereich und bei der Mobilität ist Prosuming schon normal. Beim Strom wird es jetzt möglich", sagt Mono. Beispiele für Prosuming im Wärmebereich sind gemeinschaftliche Nahwärmenetze – beim Verkehr könnten es beispielsweise Mitfahrgelegenheiten sein. "Doch das Szenario muss gemeinschaftlich gedacht werden. Die Prosumer schließen sich in Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaften zusammen", erläutert Mono.

Das Bündnis hat für seinen Bericht "Bürgerenergie heute und morgen" gemeinsam mit Experten aus Wissenschaft, Energiepolitik und Energiewirtschaft eine Trendanalyse durchgeführt. Anders als bei der Szenarioanalyse, die verschiedene Möglichkeiten vergleicht, konzentrierten sie sich auf einen typischen Fall – hier die Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaften.

Sich selbst an der Energiewende beteiligen

In zwei Workshops und mithilfe einer Onlineumfrage unter Bürgerenergie-Aktivisten wurde herausgearbeitet, wie so eine Gemeinschaft genau aussehen könnte und was heute für Änderungen nötig sind, um sie zu ermöglichen.

Das Ergebnis: Menschen aus einer Nachbarschaft – Kiez, Dorf oder Stadtteil – schließen sich zusammen, um miteinander Strom zu produzieren. Außerdem erzeugen sie auch Wärme und nutzen einen Teil des Stroms für die Mobilität – also beispielsweise, um eine Flotte von Elektroautos damit aufzuladen. Bei Engpässen kaufen sie Strom von anderen Gemeinschaften oder von einem Versorgungsunternehmen.

Ein Faktor, der diese Entwicklung begünstigen wird, ist laut dem Report die Partizipation. Denn in einer solchen Gemeinschaft können Bürger sich selbst an der Energiewende beteiligen. Damit das auch funktioniert, sollte durch den selbst erzeugten Strom Geld gespart werden und die Technologien – etwa zur Verteilung des Stroms – sollten leicht handhabbar sein.

Strom verkaufen ist nicht einfach

Teilweise ist diese Zukunftsvision schon Wirklichkeit. Mehr als 1,5 Millionen Bürgerinnen und Bürger nutzen bereits erneuerbare Energien zur autarken Versorgung, sind Erzeuger und Verbraucher zugleich oder engagieren sich in gemeinschaftlichen Energieprojekten. Deutschlandweit gibt es etwa 900 Energiegenossenschaften.

Doch mit dem Strom auch selbst zu handeln ist heute immer noch kompliziert: "Ihren Strom erzeugen Bürger schon lange selber", erklärt Marcel Keiffenheim, Leiter für Energiepolitik beim Ökostromanbieter Greenpeace Energy. "Es ist aber äußerst schwierig, über seine eigenen Grundstücksgrenzen hinweg Strom zu liefern."

Der Grund: Um einem oder mehreren Nachbarn Strom zu verkaufen, muss man laut dem Energiewirtschaftsgesetz ein Energieversorgungs-Unternehmen sein. Die hohen Auflagen, die an solch ein Unternehmen gestellt werden, überprüft die Bundesnetzagentur. "Das Energierecht ist darauf ausgerichtet, dass Menschen Verbraucher sind", erläutert Keiffenheim.

Bündnis fordert "Recht auf Prosuming"

"Nach dem Gesetz ist es heute theoretisch schon möglich, Strom zu verkaufen. Es geht aber nicht darum, dass ich das darf, sondern dass ich es auch kann", betont Keiffenheim. Die einzige Möglichkeit, Strom an Privatkunden zu liefern, ohne sich von der Bundesnetzagentur lizenzieren zu lassen, ist laut dem Bericht der Weg über eine sogenannte "Kundenanlage", die im Energiewirtschaftsgesetz festgeschrieben ist. Diese Regelung biete aber keine Rechtssicherheit. "Das ist nicht zukunftsfähig. Wir brauchen eine klare gesetzliche Behandlung, die Prosuming, also Microgrids für private Prosumer, möglich macht", sagt Mono.

Das Bündnis Bürgerenergie fordert deshalb, dass Menschen das Recht haben müssen, Strom zu erzeugen, zu speichern und zu liefern. "Unser Wunsch ist, dass die Direktvermarktung in die nahe Umgebung möglich ist. Sei es über ein eigenes Smart Grid oder über das öffentliche Netz", so Keiffenheim.

BildStrom von nebenan: Für das Bündnis Bürgerenergie rückt das jetzt in den Mittelpunkt. (Foto: Hans Braxmeier/​Pixabay)

Ein erstes positives Zeichen, dass die Politik das Thema aufnimmt, ist das sogenannte Winterpaket der EU-Kommission. "Im Winterpaket ist das Recht auf Prosuming enthalten. Allerdings muss es noch konkretisiert werden", sagt Mono. Die Bundesregierung habe sich im EU-Ministerrat allerdings dagegen gesträubt. Dennoch ist Mono optimistisch: "In den nächsten Jahren wird der Direktverbrauch rasant steigen."

BildDer Beitrag ist Teil der
Kooperation zwischen dem
Bündnis Bürgerenergie (BBEn)
und klimaretter.info zum
"Bürgerenergieprojekt des Jahres"

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