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Diätplan für Fabriken

BildEnergiesparen ist attraktiv, weil damit Kosten gesenkt werden können. Doch wer Effizienzpotenziale heben will, muss sie erst einmal erkennen. Eine Software zum Energiemanagement hilft Betrieben, sich ein genaueres Bild zu machen und Einsparmöglichkeiten zu identifizieren. Teil 4 unserer Serie "Effizienz. Clever!"

Von Verena Kern

Der mit Abstand größte globale Energieverbraucher ist die produzierende Industrie. 51 Prozent des Gesamtverbrauchs landen in ihren Fabriken, hat die US-amerikanische Energy Information Administration (EIA) in einer Studie errechnet. Damit steht die Fertigungsindustrie für gut die Hälfte des weltweiten Hungers nach Kraftstoffen, Gas, Fernwärme und Strom.

BildAlles im Blick und unter Kontrolle: So wirbt Siemens für sein Energiemanagementsystem. (Foto: Siemens)

Auch die Wachstumsraten des industriellen Energiehungers sind überdurchschnittlich. Was den Strom betrifft, entfallen nach Schätzungen 42 Prozent des weltweiten Verbrauchs auf die produzierende Industrie. Und ihr Verbrauch ist in den vergangenen 40 Jahren dreimal so schnell gewachsen wie der Energieverbrauch insgesamt.

Bei solchen Größenordnungen ist jede Idee, wie Energie eingespart werden könnte, von Bedeutung. Die Siemens-Sparte Financial Services beziffert das Einsparpotenzial in Deutschland auf knapp 15 Prozent, in Großbritannien auf 14 Prozent und in Russland auf 19 Prozent. Nach Berechnungen der Internationalen Energieagentur IEA könnte die Industrie weltweit bis 2035 gut drei Billionen US-Dollar an Energiekosten einsparen, wenn sie gleichzeitig gut eine Billion investiert.

Doch um Effizienzpotenziale heben zu können, muss man erst einmal in der Lage sein, sie zu finden. Sprich: Wenn ein Unternehmen nicht erkennen kann, wo und wie in seinem Betrieb Einsparmöglichkeiten vorhanden sind, kann und wird es kaum etwas tun.

Genau hier setzt Siemens mit einer Software an, die für die energiehungrige Industrie, so der Konzern, einen "sinnvollen Diätplan" liefern soll. "Energie ist eine besonders wertvolle Ressource", wirbt das Technologieunternehmen. "Wer effizient mit ihr umgehen, Energiekosten senken und seine Wettbewerbsfähigkeit steigern möchte, weiß, wie unverzichtbar ein systematisches Energiemanagement für die Produktion ist." Siemens war für sein Energiemanagementsystem für den diesjährigen Effizienzpreis der Deneff nominiert.

Die Konzept ist denkbar einfach: Sämtliche Energiedaten aller Anlagen und Geräte können mit der Software erfasst, geordnet, anschaulich dargestellt und ausgewertet werden. Auf diese Weise lassen sich die Energieverbräuche im Betrieb überwachen, man kann schnell und leicht erkennen, wo genau Optimierungsbedarf besteht und wann sich welche Maßnahme wie stark auswirkt. Die Siemens-Software liefert also die Voraussetzungen, um überhaupt handeln zu können.

Neben der Erfassung der Daten speichert das System auch sämtliche Werte fortlaufend. Das Unternehmen baut damit eine Art Archiv auf und weiß immer, wo es in Sachen Energieeffizienz steht und wie sich der interne Energieverbrauch entwickelt. Treten Abweichungen im Energieverbrauch auf, schickt die Software per E-Mail eine Meldung an die zuständigen Mitarbeiter, die dann eingreifen können.

Energieeffizienz als Lernprozess

Neu ist die Software nicht. Siemens bietet sie schon seit einigen Jahren an. Etliche Unternehmen setzen sie längst ein. Ein Hersteller von technischen Textilien beispielsweise, der das System seit Längerem verwendet, berichtet von einer Energieeinsparung von fünf Prozent. Das klingt vielleicht nach wenig, ist aber für eine Firma, die mehrere Millionen Kilowattstunden pro Jahr an Strom verbraucht, eine ordentliche Hausnummer.

Die werkseigenen Zähler für Strom, Wärme, Dampf, Wasser, Druckluft und Gas wurden zuvor größtenteils manuell abgelesen, und das zumeist auch nur einmal monatlich. Das kostete einiges an Zeit, in denen die Mitarbeiter überdies nicht für die Arbeit in der Produktion zur Verfügung standen. Aus Sicht des Unternehmens war das ein klarer Nachteil.

Die Daten auszuwerten war ebenfalls mühsam. Durch das neue Energiemanagementsystem lassen sich nun Feinstleckagen und undichte Pneumatikventile in der Weberei sehr schnell ermitteln, das Unternehmen kann sofort für Abhilfe sorgen und Energieverluste unterbinden. Und damit natürlich auch Geld sparen – was stets das wichtigste Argument für Energieeffizienz-Maßnahmen ist.

Weiteres Beispiel: Ein Hersteller von Behälterglas arbeitet mit Prozesstemperaturen bis 1.600 Grad Celsius. Die Glasschmelzwannen aus Feuerfestmaterial verschleißen schnell. Dann steigt der Energieverbrauch. Durch die systematische Erfassung der Energieverbräuche ist es nun möglich, den Verschleiß sofort zu erkennen und auszurechnen, wann es sich lohnen würde, die entsprechende Wanne zu ersetzen.

BildUm Einsparmöglichkeiten zu erkennen, braucht man erstmal die entsprechenden Daten. (Foto: Siemens)

"Wenn ich das Problem erkenne, ist das schon die halbe Lösung", sagt einer der Mitarbeiter. Das Unternehmen hat außerdem die Erfahrung gemacht, dass es nach Einführung eines durchgängigen Energiemanagements weitere Verbesserungen im Betrieb gab. "Lichter werden jetzt bewusster gelöscht und Türen häufiger geschlossen."

Energieeffizienz wichtig zu nehmen ist offenbar ein Lernprozess.

Die Serie: Effizienz. Clever!Bild

Teil 1: Energieeffizienz als "first fuel"
Teil 2: Wie man Licht mieten kann
Teil 3: Was für Warmduscher
Teil 4: Diätplan für Fabriken

[Erklärung]  
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