Appelle zu globalem Klimaschutz

Als die Bundesregierung für ihre G20-Präsidentschaft den heute beginnenden "Energy Transition Dialogue" organisierte, konnte sie nicht ahnen, dass Energiewende und Klimaschutz bei den Industriestaaten weit nach hinten rutschen würden. So fehlte es beim Treffen in Berlin nicht an dringenden Appellen zu internationaler Zusammenarbeit – von der Regierung wie den Umweltorganisationen.

Von Sandra Kirchner und Jörg Staude

Längst sei sie kein nationales Projekt mehr, sondern eine globale Aufgabe, ein Auftrag an "uns alle und eine Chance für eine Zukunft in Wohlstand und Stabilität". Den Klimawandel bekämpfe man nicht mit "Zäunen und Abschottung, sondern mit internationaler Zusammenarbeit". Viel braucht es nicht, um zu verstehen, worauf der frühere Wirtschafts- und nunmehrige Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) bei der Eröffnung des "Berlin Energy Transition Dialogue 2017" heute im Außenministerium anspielte. Erst am Wochenende war das Treffen der G20-Finanzminister in Baden-Baden zu Ende gegangen und hatte das Wort "Klimaschutz" mal einfach aus der Schlusserklärung getilgt.

BildVertreter aus rund 90 Ländern besuchen derzeit die internationale Energiewende-Konferenz in Berlin, die von der Bundesregierung und mehreren Verbänden organisiert wurde. (Foto: IRENA)

Höhepunkt des ersten Tages in Berlin war die Präsentation einer Studie der Internationalen Energieagentur IEA und der Organisation für erneuerbare Energien Irena. Die war von der Bundesregierung quasi als wissenschaftliches Begleitmaterial für ihre G20-Präsidentschaft in Auftrag gegeben worden.

Ganz überraschend ist das Ergebnis der Studie sowieso nicht: Soll das Klimaziel des Paris-Vertrags, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen, noch erreicht werden, dann müssen die Ökoenergien spätestens 2050 zwei Drittel des globalen Energiebedarfs decken. Gegenwärtig liefern die Erneuerbaren weltweit rund 16 Prozent der Primärenergie.

Rund zwei Drittel der weltweiten Treibhausgasemissionen entfallen derzeit noch immer auf den Energiesektor, deshalb setzen die beiden Energieagenturen, die eigentlich miteinander konkurrieren, bei der Erzeugung der Energie an. Lange galt die IEA als enger Verbündeter der Öl-, Kohle- und Atom-Industrie, während die Irena die Erneuerbaren voranbringen will. So findet sich denn im IEA-Szenario neben dem Ausbau der Erneuerbaren auch die Atomkraft wieder – und ebenso die umstrittene CCS-Technologie zur Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid aus Kraftwerken.

2020 sollen, so das IEA-Szenario weiter, die Emissionen aus Kraftwerken ihren Höhepunkt überschritten haben, um bis 2050 um mindestens 70 Prozent zu sinken. Neben einem Preis für Kohlendioxid, der bis auf 190 US-Dollar pro Tonne steigen soll, wären dazu laut IEA massive Investitionen in den Ausbau von Wind- und Solarenergie erforderlich.

Energiesanierung aller Gebäude bis 2050

Zwar berücksichtigt auch die Irena in ihrem Szenario die CCS-Technologie, allerdings weitaus zurückhaltender. Stattdessen sollen die Erneuerbaren zusammen mit Effizienzsteigerungen die energiebedingten Emissionen bis 2050 um 90 Prozent senken. Doch dafür müsste der Anteil der Erneuerbaren am globalen Energiemix jährlich um 1,2 Prozent steigen. Das käme einer Versiebenfachung der bisherigen Steigerungsrate gleich.

"Wir sind in einer guten Position, um das globale Energiesystem zu transformieren", betonte Irena-Direktor Adnan Amin in Berlin. Aber der Erfolg werde von zügigem Handeln bestimmt, Verzögerungen würden die Kosten der Dekarbonisierung erhöhen. Zugleich müssten bis 2050 alle Gebäude energetisch saniert werden.

Allerdings werde der Umbau des Energiesystems – so die Prognosen der Irena – 19 Billionen US-Dollar wirtschaftlicher Aktivität anreizen und bis 2050 sechs Millionen Arbeitsplätze schaffen. Die erforderlichen Investitionen von 29 Billionen US-Dollar würden sich durch niedrigere Gesundheitskosten und durch eingesparte Klimawandel-Folgekosten mehrfach auszahlen.

"Unsinns-Subventionen endlich stoppen"

Für den Greenpeace-Klimaexperten Karsten Smid stellt die IEA-Irena-Studie allerdings auch klar, dass in den 20 größten Industrieländern der Ausstoß jeder Tonne CO2 noch immer mit 150 Dollar subventioniert werde. "Wer es mit der Energiewende ernst meint, muss die Unsinns-Subventionen stoppen und aktiv die erneuerbaren Energien fördern", fordert Smid. Die Jahre bis 2030 seien dabei entscheidend, um einen klimafreundlichen Entwicklungspfad einzuschlagen.

Aus der Sicht der Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch geht die Studie allerdings nicht weit genug. Die Staatengemeinschaft habe sich in Paris verpflichtet, die globale Erwärmung auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen und 1,5 Grad anzustreben. "Eine Begrenzung auf zwei Grad mit einer Wahrscheinlichkeit von nur 66 Prozent ist nicht genug", warnt Lutz Weischer von Germanwatch. Wirklicher Klimschutz erfordere den Übergang ins Solarzeitalter bis Mitte des Jahrhunderts. "Bis dann muss der Ausstieg nicht nur aus Kohle, sondern auch aus Öl und Gas gelungen sein."

Bild Die Vision mit den erneuerbaren Energien gibt es nicht erst seit gestern. (Foto: Martin Abegglen/​Flickr)

Vom kommenden G20-Gipfel in Hamburg verlangt Weischer konkrete Schritte: die Vorlage anspruchsvoller Klimaschutzpläne für die Zeit bis 2050 bereits im nächsten Jahr, ein festes Enddatum für den Ausstieg aus den Subventionen für fossile Brennstoffe und einen Prozess zur schrittweisen Einführung von Mindestpreisen auf CO2-Emissionen durch Steuern, Abgaben oder Emissionshandel.

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