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Deutschlands Steckdose zur Hälfte grün

Gut 80 Prozent des deutschen Stromexports kommen aus dem Gebiet des nordostdeutschen Netzbetreibers 50Hertz. Die – laut Eigenwerbung – "Steckdose" Deutschlands und Europas deckt den Bedarf ihrerseits fast zur Hälfte mit Ökostrom. Zwar sind die Kosten dafür zuletzt deutlich gesunken, auf sinkende Netzentgelte sollten die Kunden dennoch nicht hoffen.

Aus Berlin Jörg Staude

Kommt grüner Strom, vor allem der stark schwankende aus Sonne und Wind, dereinst auf einen Anteil von 70 bis 80 Prozent am Strommarkt, wird die hiesige Stromversorgung möglicherweise Probleme bekommen, sagen Experten voraus. Dass alles aber recht reibungslos funktioniert, wenn schon rund die Hälfte des Stroms grün ist, konnte am Montag 50Hertz, einer der vier großen deutschen Netzbetreiber, berichten.
BildDer Netzbetreiber 50Hertz erzielt – wie die gesamte Bundesrepublik – einen Stromexport-Rekord nach dem anderen (Grafik vergrößern). Bei den Zahlen ist zu berücksichtigen, dass Exporte etwa nach Frankreich auch über andere Länder laufen können und die genaue Länderbilanz beim Ex- und Import anders aussehen kann. (Grafik: 50Hertz)

Das nordostdeutsche Versorgungsgebiet von 50Hertz habe, sagte Vorstandschef Boris Schucht in Berlin, den höchsten Anteil volatiler Energien in der Welt und zugleich einen "sehr hohen Grad" an Versorgungssicherheit. Beides stehe "nicht im Widerspruch", betonte Schucht.

Konkret sind 2015 im 50Hertz-Gebiet, wie die Jahresbilanz ausweist, rund 96 Terawattstunden verbraucht worden. Zu denen steuerten erneuerbare Energien 46 Terawattstunden bei, rechnerisch also einen Anteil von 48 Prozent. Die andere Hälfte besteht vor allem aus Braunkohlestrom, der aus den Kraftwerken in der Lausitz und im Revier Halle/Leipzig stammt.

"Der Netzausbau wirkt"

Der Überschuss-Strom, ob nun erneuerbar oder fossil, hatte zuletzt oftmals die Netze verstopft. Die mussten dann durch das sogenannte "Engpassmanagement" wieder flottgemacht werden. Dabei werden Kraftwerke abgeregelt – sprich: der Strom wird weggeworfen –, wofür den Betreibern Entschädigungen zustehen. Diese realen wie vermuteten Milliardenkosten galten zuletzt als große Verteuerer der Energiewende.

Für das 50Hertz-Gebiet jedenfalls konnte Schucht am Montag vorerst Entwarnung geben. Lagen die Kosten für das Engpassmanagement im Jahr 2015 noch bei 354 Millionen Euro, sanken diese 2016 um fast die Hälfte auf 180 Millionen Euro. Von denen entfiel wiederum der größere Teil – 107 Millionen Euro – auf sogenannte Redispatch-Maßnahmen, die konventionelle Kraftwerke betreffen, und der kleinere Teil – 73 Millionen Euro – auf regenerative Stromerzeuger.

Als wesentliche Ursache für den starken Rückgang machte der 50Hertz-Chef die Inbetriebnahme der sogenannten Südwest-Kuppelleitung im Dezember 2015 aus. Die umstrittene "Thüringer Strombrücke" bringt Überschussstrom aus dem Norden in den Süden. Sehr deutlich sehe man daran, dass der Netzausbau wirke, freute sich Schucht.

Zur Entspannung bei der Netzregelung trugen Schucht zufolge weitere Faktoren bei, so das etwas schwächere Windjahr 2016, Investitionen in die Stromübergabestellen nach Polen und Tschechien sowie die überraschend hohen Stromexporte nach Frankreich, besonders in der zweiten Jahreshälfte. Die bisherigen Stromflüsse in Richtung Südosteuropa hätten sich zuletzt de facto umgekehrt.

Für bundeseinheitliche Netzentgelte

Für die Zukunft rechnet der 50Hertz-Chef damit, dass sich der Ausbau der Erneuerbaren und der Netze besser in der Waage hält und die Kosten für das Engpassmanagement mal nach oben und mal nach unten schwanken. Dass demnächst die ersten 1.000 Megawatt des Braunkohlekraftwerks Jänschwalde in die sogenannte "Sicherheitsbereitschaft" und damit vom Netz gehen, werde auch helfen, die Netzkosten zu reduzieren.

Schucht bekräftigte am Montag, dass sich 50Hertz nach wie vor für bundeseinheitliche Netzentgelte einsetzt. Das Auseinanderdriften der Netzentgelte führe zu einer "ungerechten Verteilung der Kosten".

Die de facto schon beschlossene Einführung bundeseinheitlicher Netzentgelte ist zwar auf Betreiben einiger Länder in letzter Minute aus dem sogenannten "Netzentgeltmodernisierungsgesetz" herausgenommen worden – Schucht verwies aber darauf, dass der Bundesrat erst Ende letzter Woche gefordert hat, schon ab Anfang 2018 bundesweit einheitliche Netzentgelte in dem Gesetz festzuschreiben.

BildWerden Netzengpässe beseitigt, sinken die Kosten für den Transport des Stroms in der Regel. (Foto: Schulze von Glaßer)

Wie ungerecht sich die Belastungen durch die Strompreise zwischen Ost und West sowie Süd entwickeln, hat eine am Freitag veröffentlichte Studie des Verbraucherportals Verivox ziemlich deutlich unterstrichen. Danach müssen ostdeutsche Haushalte gegenwärtig rund vier Prozent mehr für Strom zahlen als westdeutsche. Weil aber das Einkommen in den neuen Ländern bekanntermaßen deutlich geringer ist, müssen die Haushalte dort laut Verivox 2,8 Prozent ihrer Kaufkraft für Strom aufbringen, in den alten Ländern seien es nur 2,1 Prozent. Anders gerechnet: Der Anteil am Einkommen, den ostdeutsche Haushalte für Strom aufwenden müssen, ist um gut ein Drittel größer als der im Westen.

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