Der Kampf um die "Monstertrassen"

BildDie Energiewende muss wieder stärker dezentral werden, damit die Bürger auch künftig hinter dem Projekt stehen. Forscher haben untersucht, was das bedeutet: für die Stromnetze, für den Windkraftausbau, für die Eigentümerstruktur. Teil 2 der Serie "Energiewende 2.0".

Aus Frankfurt am Main Joachim Wille

User "Nobert W." ist sauer. Er ärgert sich über den von den vier Netzbetreibern Tennet, Amprion, 50Hertz und Transnet BW geplanten Ausbau der "Strom-Autobahnen" für die Energiewende. Ob der denn wirklich notwendig sei, fragt der Leser in der Kommentarspalte des bayerischen Nachrichtenkanals BR24 – nämlich "bei dezentraler Stromerzeugung".

BildViele Bürger glauben der Politik nicht, dass für die Energiewende neue Stromtrassen nötig sind. (Karikatur: Gerhard Mester; Copyright: SFV/​Mester)

Für Kommentator "Jeffrey Michel" wiederum ist sowieso klar, warum eine dieser Trassen von Sachsen-Anhalt nach Bayern gebaut werden soll – nicht für die grüne Elektrizität, sondern um mehr "Lausitzer Braukohlestrom über diese Route nach Süddeutschland" zu schicken. Und "Lexikon Hartman" sieht bei den Netzplänen "Monopolisten am Werk". Die Netzbetreiber hätten die Politiker "mit Windstrom-Märchen vom Norden in den Süden über den Tisch gezogen", und nun werde ein überdimensionierter Leitungsbau durchgezogen, mit "getrumpten" Kosten.

Stromtrassen werden gebraucht, das ist klar. Nur: Keiner hat sie gerne vor der eigenen Haustür. Der Atomausstieg und der Umstieg auf die erneuerbaren Energien erfordern einen Umbau des Elektrizitätsnetzes, auch das ist klar. Die bisherige Ausrichtung der Netze auf die großen, zentralen Kraftwerke – Atom und Kohle – wird obsolet, dafür müssen mehrere Dutzend Offshore-Windparks, zigtausende Windräder an Land sowie hunderttausende Solarstrom-Anlagen angeschlossen werden. Und vor allem: Der produzierte Ökostrom muss auch zu den Verbrauchsschwerpunkten gebracht werden.

Obwohl bereits ein Drittel des in Deutschland verbrauchten Stroms aus erneuerbaren Energien stammt, funktioniert das noch mit einem bisher nur wenig ergänzten Fernleitungsnetz, wenngleich mit hohem Regelaufwand. Von den 2009 geplanten 1.876 Kilometern neuer Leitungen waren Ende 2016 nicht einmal 700 geschafft.

Weniger Stromautobahnen heißt mehr Windausbau

Bei der "Energiewende 2.0", die den Grünstromanteil bis 2050 auf 100 Prozent anheben muss, sieht das anders aus. Laut ihrem jüngst vorgelegten Netzplan-Entwurf für 2030/2035 wollen die Netzbetreiber in drei Korridoren neue Nord-Süd-Höchstspannungsleitungen in Gleichstromtechnik bauen, die die Hauptschlagadern der Energiewende bilden sollen.

"Suedlink", "Süd-Ost-Trasse" und "A-Nord" heißen die umstrittenen Projekte, die zusammen rund 2.500 Kilometer Neubau-Trassen bedeuten. Wegen des Bürgerprotests werden sie zumeist als Erdkabel geplant, die im Schnitt fünfmal so teuer sind wie Freileitungen. Rund 17 Milliarden Euro an Kosten veranschlagen die Netzbetreiber dafür.

Beschlossen ist noch nichts. Zu dem Ende Januar veröffentlichen neuen Vorschlag für den Netzplan beginnt nun die "öffentliche Konsultation". Bürger können Einwände erheben und Alternativen vorschlagen. Und tatsächlich zeigt eine aktuelle Studie des Öko-Instituts Freiburg ("Transparenz Stromnetze"), dass es möglich wäre, zumindest einen Teil des geplanten Netzausbaus durch andere Maßnahmen zu ersetzen. "Man könnte zum Beispiel auf eine der drei Stromautobahnen verzichten", sagt Studienautor Dierk Bauknecht, die in Bayern besonders umstrittene Süd-Ost-Trasse.

Die Frage ist aber, ob die Alternativen besser und mehr akzeptiert wären. So müssten dann zusätzliche Kraftwerke in Süddeutschland gebaut werden, damit dort genug Strom verfügbar ist – entweder Wind- und Solaranlagen mit den zugehörigen Speichern oder Erdgas-Kraftwerke. Und auch in den Nachbarländern wären Anpassungen notwendig. "Das könnte vor Ort auch wieder Proteste auslösen", meint Bauknecht, "und im Fall der Windkraft kollidiert das auch mit der Plänen der bayerischen Landesregierung, die den Zubau stark gebremst hat."

Energiewende der Bürger, der Stadtwerke oder der Konzerne?

Der Streit über die Netze ist nur einer von vielen Konflikten. Generell zeigte sich in dem groß angelegten Forschungsprojekt des Bundesforschungsministeriums "Umwelt- und gesellschaftliche Transformation des Energiesystems", zu dem "Transparenz Stromnetze" gehört, ein großes Manko: Bürger, Politiker und Wirtschaft sind sich zwar einig, dass die Energiewende fortgeführt werden soll. Eine repräsentative Umfrage aus dem vorigen Jahr von TNS Emnid ergab sogar einen erstaunlichen Zustimmungswert von 93 Prozent. Doch wie genau sie aussehen soll, ist ungeklärt. Es fehlt ein klares Leitbild.

Die offenen Fragen: Wie zentral oder dezentral soll die Energiewende ausgestaltet werden? Will man mehr Windkraft oder mehr Photovoltaik? Soll es eine Energiewende der Bürger, der Stadtwerke oder der vier großen Stromkonzerne sein – oder alles das, aber in welcher Mischung?

BildBürgerenergiegenossenschaften waren Kennzeichen und Aushängeschild der ersten Phase der Energiewende. Werden sie in Phase zwei abserviert? (Foto: Jörg Farys/​BBEn)

Umfragen und mehrere Untersuchungen, die im Rahmen des Großprojekts gemacht wurden, zeigten: Vielen Bürgern ist Partizipation und Regionalität beim Bau von Ökoenergie-Projekten sehr wichtig – also eine stärker dezentrale Ausrichtung der Energiewende. Das heißt: Ihre Zustimmung zu dem Umbau im Energiesystem wächst, je stärker sie selber vor Ort mitbestimmen können und möglicherweise auch an den Erträgen von Wind- oder Solarkraftwerken beteiligt werden.

"Insbesondere Kommunen und Stadtwerke können für die Beteiligung der Bürgerschaft an der Energiewende eine Vorreiterrolle übernehmen", urteilt ein Team des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesystem (ISE) in Freiburg, das im Projekt "Komma-P" zur Energiewende-Akzeptanz geforscht hat.

Politisches Rollback zu mehr Zentralisierung

Auch Energiegenossenschaften, die seit Einführung der EEG-Förderung im Jahr 2000 in großer Zahl entstanden sind, passen in dieses dezentrale Muster. Das Projekt "EnGeno" hat allerdings gezeigt, dass die 2014 erfolgte Novellierung des EEG die Bürgerenergie-Gesellschaften deutlich gebremst hat.

Derzeit läuft, von der schwarz-roten Bundesregierung gepusht, ein Rollback zu mehr Zentralisierung. Die Energiewende wird wieder stärker auf die vier großen Stromkonzerne Eon/Uniper, RWE/Innogy, Vattenfall und EnBW sowie andere große Player zugeschnitten, die in den letzten 15 Jahren Marktanteile an die dezentralen neuen Stromanbieter – vom Häusbesitzer mit Solaranlage bis zum Bürgerwindpark – verloren haben.

Ein riskanter Rollback. "Die Politik ist gut beraten, wenn sie dem Wunsch der Bürger nach mehr Dezentralität berücksichtigt", warnt Professor Matthias Bergmann vom Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE) in Frankfurt am Main, einer der beiden Koordinatoren des Transformations-Forschungsprojekts. Nur so könne auch die Zustimmung für die "Energiewende 2.0" gesichert werden.

Dezentral heißt nicht konfliktfrei

Ein Allheilmittel für gesellschaftliche Konflikte ist die dezentrale Variante der Energiewende freilich nicht. Die Widerstände gegen neue Stromtrassen oder Windparks sind ja mitunter so massiv, weil die Bundesrepublik schon vorher ein ziemlich zugebautes Land war. Protest gegen neue Straßen und Siedlungen oder gegen Flughafenausbau gibt es schon lange, doch nun kommen vor allem mit der Windkraft und dem Netzumbau flächenintensive Infrastrukturen hinzu.

Hier setzt das Forschungsprojekt "VerNetzen" des Berliner Instituts für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT) an. Das hier entwickelte Instrument kann die regionale Konzeption der "Energiewende 2.0" deutlich erleichtern.

Eine IZT-Arbeitsgruppe ermittelte, in welchen Regionen die heutige und künftige Belastung durch Infrastruktur bereits eine Grenze erreicht hat, die man nicht überschreiten sollte. Diese Gebiete wären für die Planer der Energiewende tabu. In dem Projekt entstand ein Computermodell, mit dem eine Art "Akzeptanz-Landkarte" für Ökoenergieanlagen erstellt werden kann. Ergebnis: Es ist möglich, zum Beispiel Windräder bundesweit so zu verteilen, dass die Belastung der Bürger erträglich bleibt und zudem Naturparke freigehalten werden.

BildKeine Variante der Energiewende kommt ohne Netzausbau aus: Montage eines Hochtemperatur-Leiterseils "für mehr Windstrom", wie der hier tätige Stromkonzern RWE betont. (Foto: RWE)

Das Öko-Institut zeigte in seiner "Transparenz"-Studie, dass in einem dezentralen Szenario für das Jahr 2025 im Schnitt immerhin zwei Drittel der Strom-Nachfrage durch regionale Kraftwerke abgedeckt werden können. Daraus folgt allerdings nicht, dass automatisch auch entsprechend weniger Netzausbau notwendig ist. Experte Bauknecht: "Trotz des dezentralen Ansatzes werden in unseren bisherigen Szenarien alle Neubauleitungen des Netzentwicklungsplans so weit ausgelastet, dass sie nach den Kriterien dieses Plans erforderlich sind." Welches Netz für ein dezentrales Szenario optimal geeignet wäre, untersuchen Bauknecht und Co derzeit.
 

BildDie Serie "Energiewende 2.0" beleuchtet in sechs Teilen den Weg zu der bis 2050 angestrebten Dekarbonisierung aller Bereiche. Sie beruht auf den 33 Projekten des Forschungsprogramms "Umwelt- und sozialverträgliche Transformation des Energiesystems" des Bundesforschungsministeriums, die von den Professoren Rainer Grießhammer (Öko-Institut, Freiburg) und Matthias Bergmann (Institut für sozial-ökologische Forschung, Frankfurt am Main) koordiniert wurden.

[Erklärung]  
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