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Strompreis legt ab 2020 Windkraft still

Zufall oder Absicht? Am Aschermittwoch wird in Berlin eine Studie vorgestellt, laut der nach 2020 bis zu einem Drittel der Windkraft-Kapazität die Abschaltung droht, falls der Strompreis an der Börse so bleibt und es keine politischen Gegenmaßnahmen gibt.

Aus Berlin Jörg Staude

In 46 Monaten beginnt das Jahr 2021 und damit auch eine Zeitenwende für die Erneuerbaren-Branche. Die ersten Solar- und Windkraftanlagen fallen dann aus der EEG-Förderung und besonders für die Windenergie könnte sich das zu einem Desaster entwickeln, warnt eine in dieser Woche präsentierte Studie der Deutschen Windguard im Auftrag der Naturstrom AG und der Deutschen Umwelthilfe (DUH).

BildLinks die Kosten, rechts der Erlös: Selbst ältere Windanlagen, die ab 2020 den Strom billigst im "unteren Kostenbereich" erzeugen, werfen angesichts des heutigen Börsenpreises dann kaum noch Gewinne ab. Die meisten älteren Anlagen bewegen sich aber bei den Kosten, wie die hellblaue Hintergrund-Kurve deutlich macht, um den "Basisfall". (Grafik: Deutsche Windguard)

Schlag Jahresanfang 2021 werden ungefähr 6.000 Windanlagen mit einer Nennleistung von insgesamt 4.350 bis 4.500 Megawatt die EEG-Vergütung verlieren. Dass es so viele sind, liegt an einer Besonderheit des ersten Erneuerbare-Energien-Gesetzes. Dieses sicherte auch allen vor dem Jahr 2000 gebauten Erneuerbaren-Anlagen eine Förderzeit von 20 Jahren zu. Da hatte sich schon einiges angesammelt.

Für ein nahendes Problem dieser Größe ist die Datenlage allerdings bescheiden. Wie viele Anlagen und wie viel Kapazität es genau sind und was ein Weiterbetrieb alter Windkraft nach 2020 kostet, könne man nicht exakt beziffern, räumte Anna-Kathrin Wallasch von der Beratungsfirma Deutsche Windguard ein. Zum einen lassen sich die Unternehmen offenbar so genau nicht in ihre Bücher schauen, zum anderen gibt es noch wenig Erfahrungen beim Weiterbetrieb von älteren Windanlagen, die beim Bau ja erstmal für eine Lebensdauer von 20 Jahren ausgelegt und genehmigt worden sind. Aus der Branche selbst ist offiziell dazu auch nichts bekannt, die jetzt veröffentlichte Studie soll die erste zu dem Problem überhaupt sein.

Ab vier Cent lohnt sich Weiterbetrieb alter Anlagen

Unter Annahme der absehbaren Kosten für die künftige Wartung und Instandhaltung der Alt-Anlagen, für die dann nötige Direktvermarktung des Stroms sowie den Erlös für den Betreiber kommt die Studie zu einem Preis von drei bis vier Cent je Kilowattstunde, der zum Weiterbetrieb notwendig sei. Wirklich wirtschaftlich werde der Betrieb für den größten Teil der Anlagen aber erst ab vier Cent je Kilowattstunde, schätzt Naturstrom-Vorstand Oliver Hummel.

Es gehe ihm nicht darum, "jede alte Anlage zu retten". Angesichts des derzeitigen Überangebots an Strom und eines vermutlich über 2020 hinaus niedrigen Börsenstrompreises von unter drei Cent zeichne sich aber ab, dass ein Weiterbetrieb nur für "sehr wenige Anlagen" Sinn habe, sagt Hummel.

Und beim ersten Stilllegungs-Schub bleibt es nicht. Laut der Studie verlieren bis 2025 jedes Jahr weitere rund 1.600 Windräder ihre EEG-Förderung, das sind etwa 2.500 Megawatt, die möglicherweise jährlich abgeschaltet werden.

Im schlechtesten Fall könnte in Deutschland bis 2025 bis zu einem Drittel der derzeit installierten Windkraft vom Netz gehen – und als Zubau kommen bei Wind an Land bekanntlich in den nächsten Jahren nur maximal 2.900 Megawatt hinzu, die über schwierige Ausschreibungen vergeben werden. Bei Wind an Land könnte sich damit der Ab- und Zubau demnächst die Waage halten. Es drohen windkraftneutrale Jahre.

Windkraft – unschlagbar günstig, aber nicht umsonst

Das passt natürlich nicht zu den deutschen Klimazielen und zum wachsenden Bedarf an Ökostrom für Mobilität und Wärme. Konkrete Vorschläge, wie dem abzuhelfen wäre, macht die Studie aber nicht. "Es geht darum, die Diskussion überhaupt erst mal in die Politik zu tragen", erklärt Naturstrom-Vorstand Hummel. Viele Leute gingen davon aus, dass Wind und Sonne keine Rechnung schicken. "Im Vergleich zu den konventionellen Energien ist Windkraft unschlagbar günstig, aber eben auch nicht umsonst."

Selbst wenn aber politischer Wille da wäre – ein schnelle Abhilfe gegen den ökostromfeindlich niedrigen Börsenpreis scheint nicht in Sicht. Peter Ahmels von der DUH fordert zwar, um das Überangebot an Strom zu reduzieren, den Kohleausstieg – auf eine konkrete Jahreszahl will er sich aber nicht festlegen. Das hat einen Grund: Auch ein Kohleausstieg 2030 oder gar 2025 würde den Windanlagen im Jahr 2021 nur wenig helfen.

Helfen würden Grünstromprivileg und CO2-Steuer

Was ist mit dem Repowering, also dem Ersatz alter Anlagen durch neue und leistungsstärkere am selben Standort? Auch dieses "Zauberwort" werde vielen alten Anlagen nicht helfen, meint Hummel. Denn durch neue Vorschriften bei der Regionalplanung und neue Abstandsregelungen sei es vielfach nicht möglich, am selben Standort überhaupt noch eine Windkraftanlage zu bauen, geschweige denn eine größere. In Niedersachsen gehe so bis zu einem Drittel bisheriger Windeignungsgebiete verloren – und gerade in den Küstenländern stünden eben, historisch gewachsen, die meisten der Alt-Anlagen.

Auch die Variante, den Bedarf an Ökostrom durch die Sektorkopplung, also zum Beispiel für Power-to-Gas, zu erhöhen und so einen besseren Preis zu erzielen, geht für Hummel nicht auf. Aus vier Cent Stromerlös könne man keine Investitionen in die Sektorkopplung stemmen; ohne eine massive öffentliche Förderung werde sich hier kaum etwas entwickeln.

Von dem schon gelegentlich diskutierten Vorschlag, für ältere Windanlagen eine EEG-Anschlussregelung zu fordern, halten Hummel wie Ahmels gar nichts. "Die politischen Chancen dafür sind nahe Null", stellt der Naturstrom-Vorstand klar.

BildMit romantischen Bildern hat Windkraft künftig immer weniger zu tun, eher mit knallharter Preiskalkulation. (Foto: Oimheide/​Pixabay)

Hilfreich wäre für Hummel eher die Wiedereinführung des des Grünstromprivilegs. Dann könnte auch der Strom aus älteren Anlagen direkt an Unternehmen geliefert werden, die sich aus wachsenden Imagegründen zu hundert Prozent mit realem Ökostrom versorgen wollen und nicht mit Graustrom, der über eingekaufte Zertifikate "ergrünt" ist. Als Preisaufschlag für die Kilowattstunde hält Hummel dann aber die üblichen 0,5 Cent für zu wenig. Über die nötigen 1,5 Cent Plus für solchen direkt gelieferten Grünstrom wolle aber bisher niemand reden.

Am ehesten scheint noch eine CO2-Steuer geeignet, das Problem eines zu niedrigen Strompreises kurzfristig in den Griff zu bekommen. Eine solche Steuer würde voraussichtlich auch von den fossilen Kraftwerksbetreibern auf den Preis umgelegt werden. Dann könnten Betreiber alter Windanlagen entsprechende Zusatzerlöse generieren, ist sich Hummel sicher. In den Bierzelten am Aschermittwoch war indes, soweit man gehört hat, von einer CO2-Steuer keine Rede.

[Erklärung]  
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