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Indien vor Kohlewende

Indien braucht wahrscheinlich keine weiteren Kohlekraftwerke mehr – abgesehen von denen, die schon im Bau sind. Für die nächsten zehn Jahre sei genügend Kapazität vorhanden, danach dürfte die Kohle gegen Sonne und Wind keine Chance mehr haben, sagt eine Studie.

Von Benjamin von Brackel

Wer in diesen Tagen nach Amerika blickt und verfolgt, wie US-Präsident Donald Trump sich für die Kohleindustrie einsetzt und das Klimakorsett seines Amtsvorgängers Stück für Stück aushöhlt, der könnte schnell den Eindruck bekommen, dass es um den Klimaschutz in der Welt derzeit nicht gut bestellt ist. Bei all dem Aktionismus aus den USA ging eine Nachricht fast unter, die einen großen Wendepunkt im weltweiten Kampf gegen den Klimawandel angekündigt hat.

BildIndien setzt auf den Ausbau der Solarenergie. (Foto: Abbie Trayler-Smith/Panos/DFID/Flickr)

Die Rede ist von Indien, dem in absoluten Zahlen drittgrößten CO2-Emittenten der Welt. Forscher des Energy and Resources Institute (Teri) in Neu-Delhi haben eine neue Studie vorgestellt, die zum Ergebnis kommt: Indien hat genügend Kohlekraftwerke in Betrieb oder im Bau, um seinen Energiebedarf bis zum Jahr 2026 zu decken. Dann dürften die erneuerbaren Energien und auch die Batterien zum Speichern von Strom so billig sein, dass es sich nicht mehr lohnt, neue Kohlekraftwerke zu bauen.

Mit anderen Worten: Abgesehen von den Kohlekraftwerken, die Indien derzeit baut, wird das Land womöglich keine neuen mehr bauen. Nie wieder. Bis 2050 könnte das Land sogar aus der Kohle aussteigen.

Schlüsselland im Kampf gegen Klimawandel

Das ist durchaus bemerkenswert. Denn Indien galt bislang als der große Unsicherheitsfaktor, was eine Wende zu einer klimafreundlichen Welt anbelangt. In der EU und den USA sinkt der CO2-Ausstoß seit Jahren, selbst China hat es geschafft, seine Emissionen zu stabilisieren – wenngleich auf hohem Niveau und dank der Abkühlung der Konjunktur. Indien dagegen plante noch im Jahr 2015 den Bau von Hunderten neuen Kohlekraftwerken und forderte regelmäßig auf den UN-Klimagipfeln sein Recht ein, weiter kräftig Kohle zu verfeuern, um in seiner Entwicklung aufzuholen.

Der BP Energy Outlook geht davon aus, dass der Kohleverbrauch in Indien bis zum Jahr 2035 deutlich ansteigen wird – so stark wie in keinem anderen Land. Der Bericht geht für 2035 von einem Verbrauch von 435 Millionen Tonnen Kohle aus, womit das Land die USA als zweitgrößten Kohlenutzer überholen würde (an der Spitze im Jahr 2035 sieht der Report weiterhin China, auf das dann immer noch die Hälfte des weltweiten Kohlekonsums entfiele).

Etwa eine Viertel Milliarde Inder hat noch keinen Anschluss ans landesweite Stromnetz. Die indische Regierung hat versprochen, bis Ende 2018 jeden Haushalt zu elektrifizieren.

Zehn Jahre Verschnaufpause

Sollte sich also Indiens Abkehr von der Kohle bewahrheiten, wäre das ein gewaltiger Schritt. Der Report des Forschungszentrums aus Neu-Delhi ist zumindest nicht nur eines von vielen Papieren. Er wurde von Piyush Goyal vorgestellt, dem Minister für Energie, Kohle, erneuerbare Energien und Bergbau, der sich auf einer Konferenz noch einmal zur Senkung von Indiens CO2-Emissionen und den Zielen seines Landes im Pariser Klimaabkommen bekannte. "Wir planen verschiedene Initiativen, um den Preis für die Solarenergie wettbewerbsfähig gegenüber der Kohle zu machen."

Dem Teri-Report zufolge befinden sich die Preise für Strom aus erneuerbaren Energien in einem stetigen Abwärtstrend und könnten sich bei etwa sieben Cent pro Kilowattstunde einpendeln. "Das würde Indien erlauben, sich entscheidend Richtung erneuerbare Energien für zukünftige Generationen zu bewegen", sagt Teri-Chef Ajay Mathur. "Das heißt, dass Indien ein Zehn-Jahres-Fenster hat, in dem neue Investitionen in Kohle, Gas oder Atomkraft unwahrscheinlich sind."

Offiziell sind in Indien Kohlekraftwerke mit einer Leistung von etwa 50.000 Megawatt in Bau, die Regierung will laut nationalem Stromplan darüber auch nicht hinausgehen. "Sogar die zentrale Elektrizitätsbehörde Indiens hat empfohlen, bis zum Jahr 2027 keine weiteren Kohlekraftwerke in Indien zu bauen", sagt Sunil Dahiya von Greenpeace Indien gegenüber klimaretter.info. "Aber trotz dieser Tatsache scheint es an einer umfassenden Perspektive und einem Mechanismus zu fehlen, neu gebaute oder geplante Kohlekraftwerke zu stoppen." Kohlekraftwerke mit einer Kapazität von 65.000 Megawatt seien im Bau – das sind 15.000 Gigawatt mehr als die offiziellen Zahlen – und weitere 178.000 Megawatt im Genehmigungsverfahren, erklärt Dahiya.

Schon 2030 nur noch E-Mobile

Viele der bestehenden Kohlekraftwerke befinden sich im Leerlauf wegen Lieferproblemen. Ende 2015 hatte die indische Regierung neue Emissionsstandards für Kohlekraftwerke verkündet. "Seitdem hat es dort aber keinen entscheidenden Forschritt gegeben", gibt Dahiya zu bedenken. Die Regierung habe gerade erst angedeutet, die Durchsetzung dieser Standards aufzuschieben. "Das wäre ein großer Rückschlag für die Versuche, die Luftverschmutzung in den Griff zu bekommen, und auch für die Gesundheit der Menschen in Indien im Allgemeinen."

Das Land, das traditionell stark von der Kohle als Energierohstoff abhängig ist, verpflichtete sich in seinem sogenannten NDC – dem Klimaziel für das Paris-Abkommen –, den Anteil der erneuerbaren Energien bis 2030 auf 40 Prozent zu steigern. Schon 2022 will das Land bei den Erneuerbaren eine Anschlussleistung von 175.000 Megawatt erreichen, darunter 100.000 Megawatt Solarleistung.

BildTausende Dörfer in Indien haben noch keinen Strom. Solaranlagen könnten in Zukunft aushelfen. (Foto: Abbie Trayler-Smith/​Panos/​DFID/​Flickr)

An ehrgeizigen Plänen fehlt es in Indien nicht. Für das Jahr 2030 peilt die Regierung an, den Anteil der Elektrofahrzeuge auf 100 Prozent zu steigern. Das hängt auch mit dem gewaltigen Smogproblem in den indischen Metropolen zusammen. Die Elektrifizierung des gesamten Verkehrs würde allerdings die Stromnachfrage noch stärker hochschnellen lassen. Wie ernst es der Regierung mit der Abkehr von der Kohle wirklich ist, wird sich in den nächsten zehn Jahren zeigen – in denen ja eigentlich keine neuen Kraftwerke nötig sind.

[Erklärung]  
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