Analysten geben Kohle keine 15 Jahre

Wollen die Europäer die Vereinbarungen des Pariser Klimaabkommens einhalten und die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad begrenzen, müssen die Emissionen aus der Kohleverstromung bis 2030 praktisch auf null sinken.

Von Sandra Kirchner

Was Donald Trump vor einem halben Jahr im Wahlkampf angekündigt hatte, soll seine Administration nun in die Tat umsetzen. Der neue Präsident will alle "unnötigen" Umweltauflagen bei der Gewinnung von Öl und Kohle abschaffen. Damit die Behörden die Vorgaben zügig abarbeiten, ist der Umbau der Institutionen in vollem Gang. Eine energiepolitische Kehrtwende steht bevor – zurück zur Kohleverstromung und zur Energiegewinnung aus gefracktem Erdgas.

BildDauerbaustelle: Das Kohlekraftwerk Datteln IV im Ruhrgebiet soll Bahnstrom erzeugen und mehrere ältere Eon-Blöcke in der Region ersetzen, doch noch ist es nicht am Netz. (Foto: Eon)

Umweltschützer dies- und jenseits des Atlantiks halten das für einen Irrweg. Auch bei den internationalen Analysten von Climate Analytics stößt Trumps Wiederlebungsversuch auf Unverständnis. Die Erderwärmung, zu deren Stopp sich die Staatengemeinschaften in Paris verpflichtet hat, schließe eine Renaissance der Kohle aus.

Will die EU die Vorgaben des Pariser Klimaabkommens einhalten und die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad begrenzen, dann müssen nach den Erkenntnissen von Climate Analytics spätestens 2031 sämtliche Emissionen von Kohlekraftwerken in der Europäischen Union auf null gebracht sein. Das zeigt der heute veröffentlichte Bericht des privaten Analyse-Instituts mit Büros in Berlin, Lomé und New York.

Nur noch 6,5 Gigatonnen für Europas Kohlekraftwerke

Das noch verbleibende CO2-Budget haben die Analysten mithilfe eines Szenarienmodells errechnet, das auch für Berechnungen des Weltklimarates IPCC zu Rate gezogen wird. Demnach verbleiben höchstens 6,5 Gigatonnen Kohlendioxid, die Europas Kohlekraftwerke noch ausstoßen dürfen. Dann wäre das Budget erschöpft.

Sollten die noch im Betrieb befindlichen Kraftwerke aber entsprechend den gegenwärtigen Planungen später abgeschaltet werden, würde dies das Emissionsbudget für Kohlekraftwerke in der EU erheblich überschreiten. "Bis 2030 muss Schluss mit der Kohleverstromung sein", sagt Niklas Roming von Climate Analytics gegenüber klimaretter.info. Spätestens 2031 müsse die Null stehen.

Wie das erreicht werden kann, dafür haben die Forscher zwei Szenarien entwickelt. Die Kraftwerke könnten entweder entsprechend ihrem CO2-Ausstoß oder aber nach ihrem ökonomischen Marktwert schrittweise geschlossen werden. Während beim ersten Ansatz zunächst die Kraftwerksblöcke mit der höchsten Emissionsintensität als erstes geschlossen werden sollen, werden bei einem marktbasierten Vorgehen die Anlagen mit dem geringsten wirtschaftlichen Wert zuerst stillgelegt. 

Abhängig davon müssten die Kraftwerke in unterschiedlicher Reihenfolge geschlossen werden. Unabhängig vom gewählten Szenario sollten aber bis 2020 ein Viertel aller europäischen Kraftwerke und bis 2025 weitere 47 Prozent abgeschaltet werden. 2030 müssen die Emissionen der Kohleverstromung um 95 Prozent gesunken sein. Nach Ansicht der Forscher ist ein solches Vorgehen auch der kostengünstigste Weg für die EU.

Vor allem Deutschland und Polen müssten ihre umfangreichen Kraftwerkskapazitäten reduzieren. In den beiden Nachbarstaaten ist über die Hälfte der Kohle-Leistung der EU installiert, gemeinsam sind sie für 54 Prozent der Emissionen aus Kohlekraftwerken in der Europäischen Union verantwortlich.

Neue Kraftwerke sind unvereinbar mit den Klimazielen

In Deutschland wurde allerdings eine Reihe von Kraftwerken erst in den vergangenen 15 Jahren gebaut. "Unsere Analyse legt dar, dass diese Kraftwerke lange vor dem Ende ihrer wirtschaftlichen Lebensdauer geschlossen werden müssen, um das Temperaturziel des Paris-Abkommens einzuhalten", sagt Roming.

Besonders kritisch sieht der Klima-Analyst die nahende Inbetriebnahme von Datteln IV. Nach jahrelangem juristischem Tauziehen soll das Kohlekraftwerk im Ruhrgebiet nächstes Jahr ans Netz gehen. Dabei zeigen die Untersuchungen, dass neue Kraftwerke erst recht unvereinbar mit den Klimazielen sind. 

Stattdessen empfehlen die Forscher von Climate Analystics der Politik, den europäischen Emissionshandel zu reformieren und einen stabilen und vorhersagbaren Investitionsrahmen zu schaffen. Auch ein höherer Anteil an erneuerbaren Energien würde das Auslaufen der Kohleverstromung erleichtern. 

BildDas schöne neue Kohlekraftwerk ist nicht mehr viel wert: Boxberg in Sachsen muss 2029 oder 2030 vom Netz, je nachdem, ob es nach dem Marktwert oder den Emissionen geht. (Foto: Matthias Rietschel)

Trotz zahlreicher Untersuchungen und mahnender Worte zögert die Politik hierzulande den Ausstieg aus der Kohle hinaus. Ein Ende der Kohleverstromung in Deutschland innerhalb der nächsten zehn Jahre hat die Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen, Hannelore Kraft (SPD), auf der heute endenden Fachmesse E-World Energy in Essen ausgeschlossen. "Ich halte den Beschluss der Bundes-Grünen, bis 2025 aus der Braunkohle auszusteigen, für unrealistisch", sagte Kraft.

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