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Abschalten alter Kohlemeiler alternativlos

Will die Bundesrepublik ihre Verpflichtung aus dem Paris-Vertrag erfüllen, ist eine rasche Abschaltung zumindest der älteren, schon 30 Jahre laufenden Kohlekraftwerke unumgänglich, sagt die Studie "Stromsystem 2035+". Gegenüber anderen Ausstiegszenarien billigt die von der Umweltorganisation WWF in Auftrag gegebene Arbeit besonders der Braunkohle ein längeres Leben zu.

Aus Berlin Jörg Staude

Ein Limit von zwei Grad bei der Erderwärmung? Soll diese Grenze mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als 50 Prozent eingehalten werden, darf die Welt noch 890 Gigatonnen CO2 ausstoßen. Entsprechend dem globalen Bevölkerungsanteil bleibt für Deutschland – gerechnet ab 2015 – dann noch ein Budget von 9,9 Milliarden Tonnen CO2. Das wiederum heruntergebrochen auf den deutschen Stromsektor kann dieser noch über ein Budget von rund vier Milliarden Tonnen CO2 verfügen. Dann muss auch er klimaneutral sein.

BildIns Freilichtmuseum Ferropolis ist bereits ausgemusterte Großtechnik aus Braunkohletagebauen gewandert. Nach 2035 soll sich nach dem Willen von Öko-Institut und Prognos kein Schaufelrad mehr in Deutschland drehen. (Foto: Ferropolis)

Auch die weiteren Zahlen aus der Studie "Stromsystem 2035+" zum Kohleausstieg, die die Umweltstiftung WWF beim Öko-Institut und beim Wirtschaftsforschungsinstitut Prognos in Auftrag gegeben hatte, sind recht unmissverständlich: Bleibt es bei den jetzigen Klimaschutzplänen der Bundesregierung, ist das Vier-Milliarden-Tonnen-Budget im Jahr 2028 aufgebraucht – und theoretisch müssten dann alle noch laufenden fossilen Kraftwerke auf einmal abgeschaltet werden.

Würde man übrigens die Maßnahmen aus den Klimaplänen für den Stromsektor herausrechnen, wäre das Budget schon 2026 aufgebraucht, ätzt Studienautor Felix Matthes vom Öko-Institut über die derzeitige "ambitionierte" Klimapolitik der Bundesregierung, die im Stromsektor also bisher zwei Emissions-Jahre herausgeholt hat. "Die Uhr der Bugdet-Ausschöpfung tickt."

Kein Crash bei der Kohleverstromung

Weil niemand einen Crash bei der Kohleverstromung wollen kann und auch ökonomisch ein möglichst stetiger Kohleausstieg die geringsten Kosten produziert, schlagen die beiden Institute in ihrem, wie sie es nennen, "Transformationskonzept" vor, den Kohleausstieg unter zwei Vorgaben zu stellen: Ab 2019 werden alle Kohlekraftwerke stillgelegt, die eine Laufzeit von 30 Jahren erreicht haben oder danach erreichen. Bei den anderen Anlagen werden ab dem 21. Betriebsjahr die Emissionen auf jährlich 3,35 Tonnen CO2 je Kilowatt gedeckelt: Das Abschalten allein reicht eben nicht aus, um das Emissions-Budget einzuhalten, auch die dann noch laufenden Kohlemeiler müssen weniger emittieren..

Die Kombination aus Alters- und Emissionsgrenze nimmt zunächst die ältesten, meist noch in den 1970er Jahren gebauten Kohlekraftwerke aus dem Rennen – bis 2020 rund 9.000 Megawatt Braunkohle- und 8.000 Megawatt Steinkohleverstromung. Danach flacht die Auslaufkurve deutlich ab: Von 2020 bis 2025 würden vor allem 2.500 Megawatt ältere Steinkohle sowie dann bis 2030 rund 3.500 Megawatt Braunkohle und 400 Megawatt Steinkohle vom Netz gehen.

Kohlekraftwerke wurden in vier "Kohorten" gebaut

Dass sich die Grenzwerte so auswirken, liegt auch daran, erläutert Felix Matthes, dass die inländischen Kohlekraftwerke de facto in vier "Kohorten" gebaut wurden: die erste stammt aus den 1970er Jahren, eine zweite mit Steinkohle wurde vor allem Mitte der 1980er Jahre gebaut, weitere folgten in den 1990er Jahren – vor allem neue Braunkohleanlagen in den neuen Ländern. Ein letzter Neubauboom ab 2005 resultierte aus der damaligen Debatte um eine drohende "Stromlücke".

Die beiden letzten Kohorten kämen nach dem Konzept denn auch erst so richtig nach 2030 "dran". Bis 2035 sollen dann 5.700 Megawatt Braunkohle und 7.700 Megawatt Steinkohle vom Netz. Der Kohleausstieg wäre vollzogen und das Vier-Milliarden-Emissionsbudget eingehalten.

Die umfassende Abschaltung der älteren Kohlemeiler zu Beginn und der damit verbundene enorme Anfangs-Einspareffekt, das macht Matthes deutlich, soll vor allem dazu dienen, "Zeit zu kaufen". Wenn die moderneren Kohlekraftwerke, darunter auch braunkohlebefeuerte, noch eine Zeitlang liefen, vermeide man die befürchteten Strukturbrüche, zum anderen könne so genügend erneuerbare Stromerzeugung aufgebaut werden.

Erneuerbaren-Ausbau muss Erdgas und Stromimporte verhindern

Um zu verhindern, dass zu viel (fossile) Gaskraftwerke oder gar Importe von fossilem oder gar Atom-Strom an die Stelle der Kohle treten, fordert das Auslaufkonzept einen Zubau beim Ökostrom mindestens auf dem Niveau des EEG 2014 mit 2.500 Megawatt jährlich.

Genau besehen, so der Tenor der Studie, befindet sich Deutschland, beim Kohleausstieg derzeit in einer recht komfortablen Lage: Dank der enormen Stromüberschüsse – 2016 wurde wiederum eine Rekordmenge von 52 Terawattstunden exportiert – hat die Bundesrepublik bei der Kohle einen Handlungsspielraum, ohne gleich mit Problemen bei der Versorgungssicherheit konfrontiert zu sein.

Die Stromüberschüsse, das macht Matthes ebenfalls klar, sind allerdings klimapolitisch absurd und gehören abgebaut: Wenn es die Exporte nicht gäbe, würden die deutschen CO2-Emissionen um sechs Prozentpunkte niedriger liegen als gegenwärtig.

Die Braunkohle hat in der Öko-Institut-Prognos-Studie eine längere Zukunft als in gleichgelagerten Untersuchungen wie zum Beispiel der von Greenpeace, dennoch kann es kein "Weiter so" bei der Braunkohle geben. Würden alle in Deutschland vorhandenen Braunkohlereserven verstromt, würden 4,6 Milliarden Tonnen CO2 frei, rechnet Matthes vor. Selbst wenn nur solche Braunkohle, die durch die derzeit geltenden Rahmenbetriebspläne der Tagebaubetreiber erfasst ist, in die Kraftwerke wanderte, entstünden immer noch 3,1 Milliarden Tonnen CO2. Das Szenario von Öko-Institut und Prognos hat für die Braunkohle aber höchstens noch Emissionen von 1,3 bis 1,4 Milliarden Tonnen "reserviert".

Die Forderung aus der Studie, dass keine neuen Tagebaue und keine Erweiterungen bereits laufender Tagebaue genehmigt werden dürfen, versteht sich da von selbst. Die 1,3 bis 1,4 Milliarden Tonnen bedeuten allerdings auch, so Matthes weiter, dass durch die Förderung nicht mehr alle für die spätere Renaturierung nötigen Rückstellungen erwirtschaftet werden können.

BildDas Steinkohlekraftwerk Staudinger in Hessen ist, ganz ohne politischen Kohleausstieg, weitgehend abgeschaltet. (Foto: Philipp Wedel/​Wikimedia Commons)

Mit einer Haltung, sich – wie die brandenburgische Landesregierung – der Auslaufdebatte zu verweigern, kann der Energieökonom wenig anfangen. Das sei ein Verleugnen der Probleme. "Am Ende des Tages wird sich niemand in Deutschland dem Megatrend Kohleausstieg verschließen können", sagt er.

2035, das Jahr, in dem der Kohleausstieg spätestens vollzogen sein muss, ist für Matthes generell das kommende "Energiewende-Jahr". Dann wird zwar der bisherige Stromsektor klimaneutral sein, sich zugleich aber mit ganz neuen Anforderungen aus der sogenannten Sektorkopplung konfrontiert sehen. Dann geht es um die Dekarbonisierung der ganzen Gesellschaft.

[Erklärung]  
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