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Agrosprit-Branche warnt vor Einschnitt

Der Agrokraftstoff-Industrie droht Ungemach. Während die Branche mit der deutschen Kraftstoffpolitik noch ganz zufrieden ist, fürchtet sie, dass das Winterpaket der EU-Kommission den Markt drastisch beschneiden wird.

Von Sandra Kirchner

"Saubere Energie für alle" – das war das Ziel der EU-Kommission, als sie Ende November ihr "Winterpaket" vorstellte. Die acht Gesetzesinitiativen sowie zahlreiche Berichte und Verordnungen haben das Zeug dazu, die Energiearchitektur der EU erheblich zu verändern. Schnell prasselte Kritik von allen Seiten auf den Vorstoß, nur vereinzelt gab es Lob. Auch die deutsche Agrokraftstoffindustrie bescheinigt dem Gesetzespaket nun, nicht zielführend zu sein – vor allem nicht mit Blick auf die Ziele des Pariser Klimaabkommens, wonach die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad begrenzt werden soll.

BildEtwa ein Drittel der verarbeiteten Rapssaat in Deutschland wird zu "Biodiesel" verarbeitet. (Foto: Schulze von Glaßer)

Die deutsche Biokraftstoffindustrie hofft nun, dass das Europaparlament und die EU-Staaten nochmal Hand ans Winterpaket anlegen. Würde es so, wie es der EU-Kommissar für Klimaschutz und Energie Miguel Arias Cañete vorgestellt hat, beschlossen, drohen der Branche dramatische Einschnitte. Dem Vorstoß der Kommission zufolge sollen die Erneuerbaren bis 2030 auf 10,6 Prozent anwachsen. Allerdings sollen schon laut derzeitigen Vorgaben auf Grundlage der Erneuerbare-Energien-Richtlinie zehn Prozent der Kraftstoffe bis 2020 aus nicht fossilen Quellen stammen. "Innerhalb von zehn Jahren soll der Verkehrssektor nur um 0,6 Prozent steigen", sagt Verbandssprecher Frank Brühning. Das sei "ein Witz".

Dann sollen die Kraftstoffe aber vor allem aus Abfällen und Ernteabfällen raffiniert werden. Das Ganze hat aber einen Haken: Derzeit gibt es kaum Unternehmen, die Kraftstoffe aus Ernteresten oder Abfällen herstellen. Agrodiesel und -ethanol werden häufig aus Pflanzen oder einzelnen Bestandteilen hergestellt. Jahrelang tobte die Diskussion um Teller oder Tank, die erst endete, als die EU sich vor weniger als zwei Jahren darauf einigte, den Anteil der Ökoenergie aus Nahrungsmittelpflanzen im Verkehrssektor auf sieben Prozent zu deckeln.

Umweltverbände warnen dennoch, dass der Anbau von Energiepflanzen Lebensräume für Tiere und Pflanzen zerstören würde - auch in Europa. Oft fielen Schutzgebiete dem Energiepflanzen-Anbau zum Opfer, kritisieren die Autoren des im November 2016 unter anderem vom NABU vorgelegten Schwarzbuch Bioenergie. Was Deutschland anbelangt, konzentriert sich die Kritik allerdings weniger auf den Anbau von Energiepflanzen für Biokraftstoffe als auf den Anbau für die Biogasproduktion, für die es immense Flächen von Maisäckern braucht. Der Intensivkultur würden etwa Moore und Feuchtwiesen weichen.

Die Biokraftstoffindustrie sieht sich hier nicht in der Schusslinie. "Wir wollen die Menge solcher Biokraftstoffe ja gar nicht weiter hochschrauben", erklärte Verbandschef Elmar Baumann im klimaretter.info-Interview. "Wir wollen genau bei der Anbaubiomasse bleiben, die wir nach EU-Verordnung 2020 verarbeiten dürfen."

Mit dem Winterpaket werden nun aber die bisherigen Ziele über Bord geworfen. Neue Investitionen könnten sich in der kurzen Zeit kaum amortisieren, glaubt der Verband. Brühning bezweifelt denn auch, dass sich Investoren finden, die sich in unsicherem Umfeld ansiedeln. Die Quote für Agrokraftstoffe der ersten Generation soll nach dem Willen der Kommission nun bis 2030 auf 3,8 Prozent sinken. Spätestens ab 2026 drohen der hiesigen Agrokraftstoffe-Industrie drastische Einbrüche, warnt Brühning.

Einkommensquelle für deutsche Bauern

Dabei senkt der derzeitige Einsatz von Agrokraftstoffen nicht nur die deutschen Treibhausgasemissionen – im Jahr 2015 um immerhin 6,6 Millionen Tonnen zumindest auf dem Papier –, er ist auch eine Einkommensquelle für die deutschen Bauern. "Die ohnehin schon angespannte Einkommenssituation vieler Landwirte dürfte sich nochmal verschärfen, sollte die Nachfrage aus dem Biokraftstoffsektor aufgrund politischer Maßnahmen wegbrechen", warnt der Agrarwissenschaftler Jürgen Zeddies von der Universität Hohenheim, der im Auftrag der Agrokraftstoff-Industrie die Auswirkungen der Politik auf die Branche untersucht hat.

Etwa ein Drittel der verarbeiteten Rapssaat in Deutschland wird zu sogenanntem Biodiesel verarbeitet. Dabei fällt Futtermittel an, das in Mastbetrieben zugefüttert wird. Sollte der Raps wegfallen, müsse Soja importiert werden. Nach Angaben von Zeddies trägt jede Tonne "Bio"-Kraftstoff mit 386 Euro zur Brutto-Wertschöpfung in Deutschland bei. 2015 leisteten die Agrokraftstoffe insgesamt einen Beitrag von 1,3 Milliarden Euro.

Ein Rückgang bei den Agrokraftstoffen hätte der Hohenheimer Studie zufolge auch Auswirkungen auf die Agrarmärkte: Weniger Rapssaaten, Getreide und Zuckerrüben würden verkauft. Ohnehin ist der Absatz der Pflanzentreibstoffe hierzulande leicht rückläufig: Der Anteil von Biosprit am Gesamtkraftstoffbedarf ist 2015 laut Bundesregierung auf 5,2 Prozent gesunken. Im Vorjahr lag er noch bei 5,4 Prozent.

BildDer Verkehrssektor muss klimafreundlicher werden: Agrokraftstoffe sollen die CO2-Emissionen senken. (Foto: Susan Yin/Unsplash)

Trotzdem ist die Branche – anders als mit den aktuellen Kommissionsvorschlägen – mit der hiesigen Politik zufrieden. 2015 erst wurde die Treibhausgasquote in Deutschland eingeführt als Ersatz für die Beimischungsquote. "Nun zeigt sich, dass die Quote mit 3,5 Prozent viel zu niedrig angesetzt war", sagt Brühning. Mit den jetzigen Kraftstoffsorten seien auch vier Prozent möglich. Doch diese Vorgabe wird erst fürs nächste Jahr gelten. Bis 2020 sollte die Quote auf sechs Prozent steigen. Der Verbandssprecher warnt, dass die Steigerung zu abrupt kommen könnte. Auch Agrarwissenschaftler Zeddies empfiehlt eine stetige Erhöhung der Treibhausgas-Quote. Allerdings wären dann neue Kraftstoffsorten und höhere Beimischungen notwendig.

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