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Einstürzende Wind-Bauten

Statt ein bis zweimal pro Jahr gab es in den letzten vier Wochen vier schwere Schadensfälle an Windkraftanlagen. Diese knickten wie Streichhölzer oder Rotorblätter gingen zu Bruch. Genaue Erklärungen fallen Betreibern wie Branchenverband sichtlich schwer. Das Gefühl, dies könnte sich zu einem Imageproblem auswachsen, hat die Branche offenbar (noch) nicht.

Von Jörg Staude

Im Landkreis Harburg bei Hamburg stürzt ein nahezu 100 Meter hohes Windrad um, im Nordosten, in der Uckermark, bricht ein Rotorflügel ab, in Mittelsachsen bei Leisnig knickt eine nicht ganz so hohe Anlage ein und bei Süderholz im Landkreis Vorpommern-Rügen fällt eine Windkraftanlage – so mir nichts, dir nichts – einfach um.

BildWindräder in der Uckermark, älteres Modell: Ob bei Wartung, Reparatur oder Herstellung havarierter Windräder Fehler gemacht wurden, muss erst untersucht werden. (Foto: Rauenstein/Wikimedia Commons)

Trotz der auffälligen Häufung eingestürzter Windkraft-Bauten spricht der Branchenverband BWE noch von Einzelfällen, wie Sprecher Wolfgang Axthelm gegenüber klimaretter.info betont. Jetzt gelte es, die Untersuchungen der Gutachter zu den Ursachen abzuwarten. Denn die sind bis dato weitgehend unklar.

Auch wenn die Branche auf ihrer Sicht von "Einzelfällen" beharrt – Sorgen sollte sie sich schon machen. Denn ein Muster ist bei den Schadensfällen bislang nicht zu erkennen. Bei dem umgeknickten Windrad bei Leisnig in Sachsen sieht man den Grund beispielsweise eher in zunehmenden Alter von Windkraftanlagen.

Die in letzter Zeit umgefallenen Windräder seien alles ältere Anlagen, betonte das betroffene Unternehmen gegenüber den Medien. Laut den Angaben hatte der Überwachungs-Computer beim Windrad einen Rotorblattfehler festgestellt und die Anlage daraufhin abgeschaltet. Noch während des Abbremsens soll eine Unwucht des Rotors die Anlage aber derart aufgeschaukelt haben, dass der Mast umgerissen wurde – die Frage aber, woher die Unwucht am Rotorblatt kam, ist bislang nicht beantwortet.

40 Prozent der Windräder sind älter als 15 Jahre

Für BWE-Sprecher Axthelm lässt die geringe Anzahl der Schadensfälle es bisher nicht zu, einen Zusammenhang zum Alter der Windkraft-Anlagen oder zu bestimmten Anlagentypen herzustellen. "Theoretisch kann jede Konstruktion bei einer entsprechenden Instandhaltung auf unbestimmte Zeit betrieben werden, da sich insbesondere gealterte, abgenutzte oder geschädigte Bauteile austauschen lassen", erklärt er.

Schon wegen des zunehmenden Repowerings, des recht langsam anlaufenden Austauschs älterer Anlagen, hat die Branche offensichtlich kein Interesse daran, Zweifel gerade an der Zuverlässigkeit gerade der in die Jahre gekommenden Technik zuzulassen. Laut den Zahlen des BWE wurden von den derzeit 26.500 Windkraft-Anlagen rund 11.400 bis Ende 2001 errichtet, etwa 40 Prozent der Windräder sind also älter als 15 Jahre, und das bei einer ausgelegten Lebensdauer von vermutlich 20 bis 25 Jahren.

BildSkaleneffekt: In den letzten 30 Jahren (Grafik vergrößern) haben sich Abmessungen und Ertragsdaten von Windanlagen extrem vergrößert. (Grafik: BWE)

Deutlich wird indes auch, dass Schlagzeilen in den letzten Tagen wie "Sturm knickt Windrad um" wohl kaum berechtigt sind. Ob starke Windböen als Ursache in Frage kommen, müssten noch die Gutachter klären, sagt Axthelm. Windkraftanlagen seien entsprechend der internationalen Norm IEC 61400 zertifiziert und die Windstärken im Dezember hätten "deutlich" unter den darin festgelegten Auslegungswerten gelegen.

Anders gesagt: So stark hat es die letzten Wochen eigentlich nicht gestürmt, dass derartige Schäden die Folge sein können. Die jetzt havarierten Anlagen hätten, so Axthelm, in den letzten 15 Jahren sicherlich schon ähnliche, wenn nicht stärkere Wind-Lasten erlebt – und diesen offenbar standgehalten.

Die Bundesebene kann sich bei dem Problem übrigens erst einmal zurückhalten. Zuständig für die Genehmigung von Windenergieanlagen sind die jeweiligen Immissionsschutzbehörden in den Ländern. Das sind in Sachsen beispielsweise die Landratsämter und die Behörden der kreisfreien Städte oder in Mecklenburg-Vorpommern die Staatlichen Ämter für Landwirtschaft und Umwelt, teilte das Bundeswirtschaftsministerium klimaretter.info mit.

Ministerium: Zahl der Havarien für diese Bauwerke normal

Für ausgewählte Anlagenteile wie zum Beispiel Rotorblätter, ergänzt das Ministerium noch, verkürzt sich mit steigendem Anlagenalter in der Regel der Turnus der wiederkehrenden Prüfungen. Ansonsten steht man dem Problem relativ entspannt gegenüber. "In Relation zum Anlagenbestand dürften die Havarien bei diesen Anlagen im Bereich unter einem Promille liegen, ein für Bauwerke völlig normaler Wert", erklärt das Wirtschaftsministerium wörtlich.

Alle jetzt beschädigten Anlagen sind auch, betonen die betroffenen Betreiber unisono, wie vorgeschrieben gewartet und geprüft worden. Das soll die besorgte Öffentlichkeit beruhigen, könnte aber auch ins Gegenteil umschlagen: Denn wenn alles ordnungsgemäß geprüft und gewartet worden ist, könnten angesichts der Schäden Zweifel an der Qualität dieser Arbeiten oder an den Vorschriften aufkommen – oder man müsste davon ausgehen, dass die Unfälle quasi aus heiterem Himmel geschahen. Das wäre ein ebenfalls nicht gerade beruhigender Gedanke.

Zu fragen ist auch, ob in diesem Zusammenhang eine Rolle spielen könnte, dass viele Betreiber die Wartung und Reparatur ihrer Windkraftanlagen extern vergeben. Konkrete Bilanzen lägen ihm dazu nicht vor, betont der Branchenverband, verweist aber auf die jährliche BWE-Serviceumfrage, aus der sich durchaus, so Axthelm, "unterschiedliche Erfahrungen" ergäben.

BildNeben umstürzenden Windanlagen gab es 2016 auch brennende wie diese im Landkreis Kaiserslautern. Hier hat die Branche zuletzt dazugelernt: Sie setzt besser auf die Installation automatischer Löschsysteme als auf "kontrolliertes" Abbrennen. (Foto: Azador/Wikimedia Commons)

Zwar wurden bei der jüngsten Umfrage zur "Servicezufriedenheit von Windenergieanlagenbetreibern" im Herbst 2014 knapp 2.200 Windanlagen-Betreiber angeschrieben – und diese verteilten auch fleißig Noten. Doch leider sagen die Ergebnisse nicht viel darüber aus, warum manche Betreiber mit ihren externen Dienstleistern sichtlich unzufrieden waren, und lassen so wenig Rückschlüsse darauf zu, inwieweit möglicherweise nicht so perfekte Wartungen und Reparaturen Schadensfälle begünstigen können.

Der Beitrag wurde um 20:30 Uhr ergänzt (Position des Bundeswirtschaftsministeriums)

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