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Marokko verordnet sich Sonne

Der Gastgeber der jüngsten Weltklimakonferenz will dieselbetriebene Wasserpumpen durch Solarpumpen ersetzen, Moscheen dämmen und mit Photovoltaik ausstatten sowie gigantische Solarkraftwerke im Land errichten. Der Klimaschutz ist dabei nur willkommener Nebeneffekt. Eine Reise durchs Sonnenland.

Aus Marokko Benjamin von Brackel

Die Energiewende kam über einen Fernsehapparat nach Tamesluht. M'Bark Laalious sah auf seinem TV-Apparat im 2.000-Einwohner-Dorf im Südwesten von Marrakesch all die Bilder von Maschinen, die sich mit Solaranlagen betreiben ließen, und hörte im Radio von den Plänen der Regierung, Solarenergie zu fördern. "Alle sprachen davon", erzählt der Dorfvorsteher. Laalious trägt die traditionelle graue Berberkutte mit Kapuze, darunter Anzughose und Lederschuhe – und das sonnengegerbte Gesicht schützt eine "New York"-Schirmmütze.

BildEine solarbetriebene Wasserpumpe. (Foto: von Brackel)

Laalious dachte daran, die gasbetriebene Wasserpumpe im Dorf auszutauschen. Zuvor hatte er das bereits mit der dieselbetriebenen Wasserpumpe gemacht, weil der König die Dieselsubventionen gekappt hatte. Aber die Versorgung mit Gas war schwierig und es hieß: Nach nur zwei Jahren seien die Kosten für eine Solarpumpe wieder eingespielt.

Die Sonne scheint auf die Geröllfläche, auf der nur wenig Gestrüpp gedeiht, ein Traktor fährt vorbei und wirbelt Staub auf. Laalious betritt einen kleinen Betonbau, in dem das Plätschern von Wasser zu hören ist. Er klappt den blauen Stahlkasten auf und blickt ins Wasser. Hier knattert die Pumpe, die aus dem 45 Meter tiefen Brunnen das Wasser hinaufdrückt.

Solarpumpen ersetzen dieselbetriebene Wasserpumpen

Über eine Leiter klettert der Marokkaner nun aufs Dach, wo eine Photovoltaik-Wand schräg zur Sonne steht. Für 8.100 Dirham habe sein Dorf die Solarpumpe installiert, etwa 800 Euro. Seit Februar läuft sie und liefert Wasser für 60 Dörfer. 1.600 Haushalte, 40 davon müssen nicht zahlen, weil sie zu arm sind.

In ganz Marokko werden wie in Tamesluht Tausende Dieselgeneratoren an Wasserpumpen auf Solarbetrieb umgestellt. "Das macht jetzt die Runde", sagt Boris Schinke, der für die Umweltorganisation Germanwatch in Marokko arbeitet. "Das ist eine wirkliche Erfolgsgeschichte."

Das ganze Land ist im Solarrausch. Der geht vor allem von König Mohammed VI. aus: Der Staatschef hat erkannt, dass die Solarenergie inzwischen oft billiger ist als die fossilen Energien, die fast komplett aus dem Ausland importiert werden müssen. Für das sonnenreiche Marokko ist die Energieform zugleich eine Möglichkeit, in seiner Entwicklung aufzuholen – der eigentliche Grund für die gigantischen Solarpläne. Um die an den Marokkaner zu bringen, werden auch die Imame eingespannt. "Die Moscheen, die Imame sind die Multiplikatoren", sagt Schinke.

Grüne Moscheen: Imame sollen die Energiewende vorantreiben

Knapp hundert Kilometer südlich von Tamesluht, tief im Atlasgebirge, schlängelt sich ein Schotterweg ein zerkluftetes Tal hinab. 70 Familien leben in dem Dörfchen Tadmamt. Am Berghang sind die Felder auf Terrassenstufen angelegt. Ein Bauer treibt mit einer Rute einen Esel an, der wiederum einen Pflug zieht. Ausgerechnet dieses entlegene Dörfchen ist auf seine Art Energie-Vorreiter. Das liegt an der Moschee, die sich in der Tonfarbe der Berghänge in die Landschaft einfügt: Es ist die erste Grüne Moschee, die ihre Energie alleine aus erneuerbaren Quellen gewinnt und besonders energieeffizient gebaut ist.

Omar Benaicha führt über blanke Steinstufen ins Gebäude. Im Erdgeschoss liegen Teppiche ausgerollt und Korane im roten Einband stapeln sich. Noch wird gebaut – aber schon gebetet. Im ersten Stock riecht es nach Putz, aus den Wänden hängen Kabel und ein Gerüst steht in der Mitte des Raums. Die Wände wurden mit zwei Reihen Ziegeln gebaut, um das Gebäude besser zu isolieren. Für Licht sorgen LED-Lampen. Und auf dem Dach stehen acht Photovoltaik-Module, die den Strom für das Licht und die Lautsprecher liefern sowie eine Wasserpumpe betreiben. Am Tag speist der Solarstrom außerdem zwölf Gel-Batterien, die auch nachts noch für einige Stunden Strom abgeben.

"Wir haben beschlossen, eine Moschee zu bauen, wollten aber auch, dass die Menschen davon profitieren", sagt Benaicha, der hier lebt und am Projekt beteiligt ist. Es sollte den jungen Menschen im Dorf Arbeit bringen. Und nicht nur das. Über die Treppe verlässt Benaicha die Moschee. Er marschiert einen Pfad hinauf ins Dorf, an Hütten aus Lehmziegeln und Ast-Dächern vorbei. Eine Frau in einer rosafarbenen Bergbauerntracht treibt mit einem Rutenbündel sanft ihre kleine Tochter vor sich her, während sie auf dem Kopf einen Sack balanciert und hinter sich an einem Seil eine Kuh zieht. "An diesem Weg an der Moschee bauen wir drei Laternen, die mit dem Strom aus den Solaranlagen betrieben werden", sagt Benaicha. "Bisher mussten die Dorfbewohner abends im Dunkeln zur Moschee gehen."

36 solcher Grünen Moscheen sind gerade am Entstehen, insgesamt 600 hat das Energie- und Relegionsministerium, die marokkanische Agentur für Energieeffizienz und die staatliche Energie-Investitionsgesellschaft im ganzen Land geplant. "Über die Imame und die Lehrkräfte in den Koranschulen sollen die Marokkaner für die Energiewende sensibilisiert werden", sagt Jan-Christoph Kuntze, der für die staatliche deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) das Grüne-Moscheen-Projekt unterstützt.

Der Begriff "Energiewende" führt im Fall von Marokko allerdings etwas in die Irre. Zwar hat die Regierung große Pläne zum Ausbau von Solar- und Windenergie. So sollen die Ökoenergien in Marokko bis zum Jahr 2030 die Hälfte der insgesamt installierten Leistung erreichen. Darunter knapp 5.000 Megawatt Solarenergie. Allerdings nimmt im ganzen Land der Energiebedarf zu, etwa durch das Wachstum der Bevölkerung und der Wirtschaft. Deshalb sehen die Energiepläne des Landes auch den Ausbau der Kohle- und Gaskraftwerke in den nächsten Jahren vor: plus 1.700 Megawatt und plus 3.900 Megawatt.

Das größte Solarthermie-Kraftwerk entsteht

Wie gigantisch die Solarvision des Königs dennoch ist, zeigt sich in der Wüstenstadt Ouarzazate. Die Sonne brennt unerbittlich herunter ins Tal. Dieses ist auf einer Fläche von 300 Hektar mit Spiegeln bedeckt, die jeweils die Höhe eines kleinen Hauses erreichen und sich über 576 Meter Länge erstrecken. 400 solcher "Loops" sind hintereinander aufgestellt. Die Spiegel richten sich tagsüber nach dem Sonnenstand aus, jetzt am späten Nachmittag zeigen sie schon ganz gen Westen.

Es soll einmal das größte Solarthermie-Feld der Erde werden. Ans Netz ging im Februar bereits der 160-Megawatt-Solarpark Noor 1. Die Parabolspiegel sind dabei so gekrümmt, dass sie das Sonnenlicht auf Absorberrohre fokussieren, die in der Mitte der Spiegel entlanglaufen. In ihnen zirkuliert Öl, das sich auf 390 Grad aufheizt. Es fließt über Rohre zu einem Dampfkraftwerk, wo es Wasser erhitzt, das verdampft und eine Turbine antreibt. Der gewonnene Strom wird dann ins landesweite Netz gespeist.

In den nächsten Jahren soll Noor 2 folgen, das auf 200 Megawatt kommt. Dann Noor 3, das anders als seine beiden Vorgänger auf die Technologie der Solarturmkraftwerke aufbaut: Tausende im Kreis angeordnete Spiegel, sogenannte Heliostate, bündeln all die Sonnenstrahlen auf einen Punkt an der Spitze des Solarturms. Dort ist der Absorber angebracht. Mehr als 1.000 Grad kann es dort heiß werden – der Wirkungsgrad ist dadurch besonders hoch. 2,2 Milliarden Euro wird das ganze Solarland kosten – etwa 829 Millionen Euro gibt Deutschland an Krediten.

Wenn alle Solarkraftwerke in Betrieb gegangen sind, sollen sie 1,3 Millionen Marokkaner mit Strom versorgen. Im ganzen Land sind weitere Solarthermie-Projekte geplant. Der Vorteil der Technologie: Auch in den Abendstunden, wenn die Sonne längst untergegangen ist, kann die Anlage mit Hilfe des Salzspeichers weiter Strom produzieren. Denn abends benötigen die Marokkaner besonders viel Energie.

BildReihe um Reihe pflastern die Parabolspiegel eine Fläche von 300 Hektar nahe der Wüstenstadt Ouarzazate. (Foto: von Brackel)

Es geht auf sechs Uhr zu, der Himmel färbt sich rot über dem Atlasgebirge und die Spiegel schlucken kaum noch Sonnenlicht. Nun klappen sie im Zeitlupentempo wieder in die Ausgangsposition zurück, wo sie am nächsten Morgen von Neuem die Sonne empfangen.


Alle Beiträge zur COP 22 in Marokko

finden Sie in unserem Marrakesch-Dossier

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