Schwerpunkte

E-Auto | Trump | 1,5 Grad

Die wirklichen Stromfresser

Schaffen sich Haushalte effizientere Energiegeräte an, muss der Energieverbrauch insgesamt nicht unbedingt zurückgehen. Grund ist der Rebound-Effekt. Experten wollen deshalb Verbraucher dazu anleiten, richtig Energie zu sparen.

Von Sandra Kirchner und Jörg Staude

Energiesparlampen, effiziente Kühlschränke oder Heizungen: All das soll helfen, in unseren Haushalten den Energieverbrauch zu senken und klimaschädliche Treibhausgase zu vermeiden. Allerdings geht trotz smarter Geräte und deren Kontrolle durch noch smartere Stromzähler der Energiehunger der Haushalte stetig nach oben: Nach Zahlen des Umweltbundesamtes verbrauchten sie 2013 rund neun Prozent mehr Energie als 1990. Im selben Zeitraum stieg ihr Stromverbrauch um mehr als 18 Prozent.

BildEin neuer Kühlschrank ist meist viel effizienter. Das heißt nicht unbedingt, dass weniger Energie verbraucht wird. (Foto: dena)

Dabei können sich die Einspar-Raten neuer Geräte durchaus sehen lassen. So benötigen LED-Lampen bis zu 80 Prozent weniger Strom als traditionelle Glühlampen. In der Praxis liegen die Einsparungen jedoch weit unter den berechneten und technisch möglichen. Laut Umweltbundesamt werden zehn bis 30 Prozent der Absenkung durch sogenannte Rebound-Effekte wieder "aufgefressen". Es könnte aber auch mehr sein, je nachdem welche Effekte man einbezieht.

Bekannt ist vor allem der direkte Rebound-Effekt. Wer etwa eine LED-Lampe nutzt und um den Spareffekt weiß, nimmt vielleicht eine stärkere Leuchte, lässt diese vielleicht länger brennen und schraubt auch ein paar mehr davon an. Dazu kommen indirekte Wirkungen: Weil man mit Sparlampen bei der Stromrechnung langfristig Geld einspart, kann man anderswo zusätzlich konsumieren. Das summiert sich und heizt den Ressourcenverbrauch an. Weitere Effekte wirken auf der gesamtwirtschaftlichen Ebene.

Wer aber nun schlussfolgert, dass sich die ganze Einsparpolitik deshalb gar nicht lohne, argumentiert zu kurz, sagt das Umweltbundesamt. Die Zahlen zeigen, dass Energieeffizienzmaßnahmen – trotz aller Rebound-Effekte – grundsätzlich zu "signifikanten Energieeinsparungen führen", heißt es in einem jetzt veröffentlichten Papier der Behörde.

Dennoch machen sich die UBA-Leute Gedanken, wie man diese Effekte begrenzen kann. Etwa durch eine zusätzliche Abgabe auf den Energie- oder CO2-Verbrauch. Die sollte "so hoch angesetzt sein, dass sie die Kosteneinsparung, die durch Effizienzsteigerung entsteht, weitestgehend abschöpft", heißt es. Das schaffe auch einen Anreiz für effiziente Produkte. Mit anderen Worten: Wer seine Energiefresser behält, hat dann höhere Kosten.

Verhaltenstraining zum Energiesparen

Die UBA-Experten plädieren außerdem für ein "Kundentraining" zum Energiesparen und zum Umgang mit effizienten Technologien.

So eine "Rückkopplung" kann in die (Un-)Tiefen der Verbraucherpsychologie führen, wie eine kürzlich veröffentlichte Studie des Öko-Instituts zeigt. Um die Gruppe der sogenannten "Vielverbraucher" und "wenig Informierten" zum Energiesparen anzuregen, hatten die Forscher gemeinsam mit dem Institut für sozial-ökologische Forschung ein Projekt namens "Stromeffizienzklassen für Haushalte" aufgelegt.

Dabei wurden Familien nach sieben Haushaltstypen sortiert, um sich dann in jedem dieser Typen auf das Viertel derjenigen Verbraucher zu konzentrieren, die jeweils den höchsten Strombedarf hatten. Diese gelten in den Augen der Forscher nicht nur als "Stromverschwender", sondern sind meist auch schwerer für ein sparsames Verhalten zu begeistern.

"Typisch für diese Verbraucher sind eine besonders hohe und meist auch ineffiziente Geräteausstattung gleich in mehreren Bereichen, auf jeden Fall aber zum Kühlen und Gefrieren sowie zur Unterhaltung", sagt Corinna Fischer vom Öko-Institut in Freiburg. Dazu kämen oft noch mehrere, meist große Fernseher, große beleuchtete Flächen, ein Hobby oder sogenannte Sondergeräte wie ein Aquarium, eine Sauna oder ein Wasserbett.

Eine gewisse Atomisierung der Haushalte ist in der Studie nicht zu übersehen. Im einem, dem Haushaltstyp 7, landeten am Ende gerade mal 22 Haushalte. Das sei zwar nicht repräsentativ, räumt Fischer ein, dennoch habe sich das Einordnen in die Verbrauchsklassen als eine Art "Sensibilisierungsinstrument" bewährt. Für die Expertin ist das nur der Anfang eines längeren Prozesses. "Darauf aufbauend muss es dann Beratungsangebote geben."

Auch wenn die Verbraucher von vielen Tipps schon vorher gehört hätten, ist Fischer von dem Vorgehen überzeugt. "Erst der Vergleich mit anderen Effizienzklassen, die individuellen Stromspar-Empfehlungen für den eigenen Haushalt und die regelmäßige Auseinandersetzung mit dem tatsächlichen Verbrauch haben längerfristig zum Stromsparen motiviert."

Auch Politik in der Bringschuld

Die Haushalts-Klassen sind ganz praktisch in den "Stromspiegel Deutschland" eingegangen. Man könnte sich auch vorstellen, dass ein Stromversorger den Kunden ihre Klasse zurückmeldet und mit einem Angebot verknüpft, schlägt Corinna Fischer vor.

Für ein neues Energie-Bewusstsein plädiert auch Michael Golde vom Umweltbundesamt. "Der Verbraucher sollte den absoluten Energieverbrauch zum Maßstab seines Handelns machen", rät der Ökonom. Wer wisse, wie viel Energie für das Heizen von Räumen, die Beleuchtung oder die Benutzung des Computers anfalle, könne "unbewusste Verhaltensroutinen" ändern.

Golde empfiehlt, sich ein Energiekosten-Messgerät auszuleihen, um den Verbrauch einzelner Geräte richtig einschätzen zu können. "Sinnvoll ist es auch, den Energieverbrauch langfristig im Blick zu haben und von Jahr zu Jahr zu vergleichen", sagt er.

Aber auch die Politik sehen die Experten in der Bringschuld. Weil die Effizienz-Politik bisher viel zu mutlos war, fallen die Rebound-Effekte eben besonders ins Gewicht, argumentieren Peter Hennicke und Stefan Thomas vom Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie. Eine anspruchsvolle Energie-Einsparpolitik, verbunden mit Suffizienz zur Begrenzung von Rebound-Effekten, werde "wichtiger denn je".

BildVerbrauchern fehlt es oft noch an Energiebewusstsein. Wissenschaftler tüfteln an neuen Konzepten. (Foto: Initiative Energieeffizienz/dena)

Anders ausgedrückt: Das Einsparen muss ein solches Tempo aufnehmen, dass die Rebound-Effekte dahinter zurückbleiben und nicht mehr so stark ins Gewicht fallen. Der Effekt wird gewissermaßen "weggespart".

[Erklärung]  
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen