Am Anfang war die Einspeisevergütung

BildStrom kommt aus der Steckdose, so viel ist klar. Was sich aber auf dem Weg dorthin im Strommarkt abspielt, ist für viele eine Blackbox. Begriffe wie EEG-Förderung, Ausschreibungsmodell und Kapazitätsreserve sorgen nicht gerade für Erleuchtung. Wir knipsen das Licht an. Teil 2 der Serie "Strommarkt verständlich": Rückblick auf die Einspeisevergütung.

Von Oliver Grob

Jahrelang dümpelte der Anteil der erneuerbaren Energien am Stromverbrauch bei drei bis fünf Prozent, vorrangig gespeist aus alten Wasserkraftwerken. Windanlagen und Solarmodule? In den 1990er Jahren eine Randerscheinung. Dann trat am 1. April 2000 das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) in Kraft. 

BildKonnten sich nach Inkrafttreten des EEG im Jahr 2000 aus ihrem Nischendasein befreien: Windkraftanlagen auf dem Land. (Foto: Schulze von Glaßer)

Vier Bundestagsabgeordnete hatten es entworfen: Michaele Hustedt und Hans-Josef Fell von den Grünen sowie Hermann Scheer und Dietmar Schütz, beide von der SPD. Was in den Jahren danach passiert ist, haben sich die EEG-Macher vermutlich gewünscht, ernsthaft gerechnet hat damit aber vermutlich niemand.

Denn als Zielmarke in den ersten Paragrafen des Gesetzes schrieb die "Viererbande", wie man sie später nannte, eine "Verdopplung des Anteils der erneuerbaren Energien bis 2010". Im Rückblick eine vorsichtige Formulierung. Verdoppelt hatte sich der Anteil bereits 2005 – auf gut zehn Prozent. Heute liegen wir bei 33 Prozent. 

Zwei entscheidende Maßnahmen für die Energiewende

Wie konnte das gelingen?

Erstens wurden die Netzbetreiber – allesamt in der Hand der großen Stromkonzerne – dazu verpflichtet, neue Ökostromanlagen an ihr Netz anzuschließen und den produzierten Strom ausnahmslos abzunehmen. Ökostrom aus Wind-, Solar- und Biogasanlagen hatte Einspeisevorrang, sprich Vorfahrt vor Strom aus fossilen Kraftwerken.

Und zweitens wurde den Betreibern von Ökostromanlagen für 20 Jahre eine feste Einspeisevergütung pro erzeugter Kilowattstunde garantiert. Diese Investitionssicherheit kam einer Revolution gleich. Der einst von wenigen Monopolkonzernen beherrschte Strommarkt war plötzlich für Bürgerinnen und Bürger zugänglich geworden.

Und tatsächlich entwickelte sich ein starkes zivilgesellschaftliches Engagement – knapp die Hälfte der erneuerbaren Energien war 2012 in Bürgerhand. Eine "Demokratisierung der Energieversorgung" nannte Hermann Scheer darum die Energiewende, die durch das EEG in Gang gesetzt wurde. 

Strommarkt wurde einst für fossile Kraftwerke geschaffen 

Doch was bedeutet die Einspeisevergütung für den Strommarkt?

Der heutige Strommarkt war für fossile Kraftwerke geschaffen worden. Ausschlaggebend für die Höhe des Strompreises am Markt sind seit jeher Brennstoffkosten ("Grenzkosten"). Erneuerbare Energien, Bioenergie ausgenommen, haben aber keine Brennstoffkosten – ihre Grenzkosten sind gleich null. Wind- und Solaranlagen sind auf dem Markt daher die billigsten Kraftwerke und drücken die teureren Kraftwerke aus dem Markt, denn – wir erinnern uns an die Merit Order aus Teil 1 – billigere Kraftwerke kommen grundsätzlich vor teureren zum Zuge. 

Folge: Der Börsenstrompreis sinkt. Fachleute nennen das den "Merit-Order-Effekt".

BildSchematische Darstellung der Strompreisbildung am Strommarkt: Billige erneuerbare Energien kommen von links und schieben teure Kraftwerke nach rechts aus dem Markt. (Grafik: ZSW/erneuerbare-energien.de)

Vereinfacht gesagt: Je mehr Ökostrom im Markt ist, desto niedriger ist der Marktpreis. Klingt erstmal gut, doch ergibt sich hieraus ein paradoxer Effekt, der den Kreis zur Einspeisevergütung schließt. Denn je niedriger der Marktpreis ist, desto größer wird die Lücke zu den gesetzlichen Vergütungssätzen, die das EEG garantiert. Damit die Betreiber von Wind-, Solar- oder Biogasanlagen ihr Geld für den eingespeisten Ökostrom trotzdem bekommen, wird der Fehlbetrag über die EEG-Umlage, einen Aufschlag auf alle Stromrechnungen, refinanziert. 

Schwarz-roter Coup bis heute nicht verstanden

Je mehr Ökostrom also auf den Markt kommt, desto mehr EEG-Umlage wird fällig. Und zwar nicht nur wegen der zusätzlichen Anlagen, die vergütet werden müssen, sondern eben vor allem wegen des größer werdenden Abstandes zwischen Börsenpreis und gesetzlichem Garantiepreis. Ein Konstruktionsfehler, könnte man sagen. Ob der Fehler nun der Einspeisevergütung oder der Architektur des Strommarktes selbst zuzuschreiben ist, liegt dabei im Auge des Betrachters.

Fest steht, dass dieser Effekt durch die sogenannte Ausgleichsmechanismusverordnung noch verstärkt wurde. Sie trat unter der schwarz-roten Koalition im Juli 2009 in Kraft und wurde in der Öffentlichkeit bis heute weder wahrgenommen noch diskutiert. Für Energie war damals Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) zuständig.

Neben weiteren Auswirkungen setzte die Ausgleichsmechanismusverordnung den Einspeisevorrang der erneuerbaren Energien faktisch außer Kraft. Bis dahin galt die Regel, dass konventionelle Kraftwerke gedrosselt werden mussten, wenn genügend Ökostrom im Netz vorhanden war. Nun konnten Kohlekraftwerke aber ohne Drosselung stetig weiterproduzieren. Die Folge: Steigende Stromexporte, sinkende Börsenstrompreise und ein starker Anstieg der EEG-Umlage ab 2009.

Einspeisevergütung: Marktanreiz mit Makel

Letztlich ist die Einspeisevergütung also ein Marktinstrument, das dem Strommarkt vorerst nur ergänzend zur Seite gestellt wurde – mit Vor- und Nachteilen und freilich großen Auswirkungen.

In Bezug auf die ursprünglichen Zielsetzungen des EEG aus dem Jahr 2000 – nämlich Technologieentwicklung, Steigerung des Ökostromanteils an der Stromversorgung und Schaffung von Arbeitsplätzen – hat sich die Einspeisevergütung jedenfalls als effektiv erwiesen.

Zuvor sündhaft teure und ineffiziente Solarmodule wurden durch die EEG-Förderung zum konkurrenzfähigen Massenprodukt und die Ausbauziele wurden, wie erwähnt, bei Weitem übertroffen. Die Beschäftigung im Bereich der erneuerbaren Energien stieg bis 2012 auf etwa 400.000 Jobs an, 2004 waren es erst rund 160.000 Stellen gewesen. Nicht zu vergessen die sogenannte Bürgerenergie-Bewegung, die durch die Einspeisevergütung ermöglicht wurde – nach eigener Aussage Schlüssel zu einer "sozial verantwortlichen Energiewende".

So überzeugend die Vorteile auch sind, die Nachteile sind nicht von der Hand zu weisen. So war die Vergütung zwar von vornherein degressiv konzipiert, doch wurde die Dynamik der Kostensenkungen bei den Herstellern unterschätzt. Zeitweise kam es zur Überförderung, besonders bei der Photovoltaik. Ein entsprechender "Run" auf die vom Staat zu verteilenden Gelder begann und schwindelerregend schnell wachsende Unternehmen schossen wie Pilze aus dem Boden, allein abhängig von staatlich justierten Fördersätzen – ein wenig selbstbestimmtes Geschäftsmodell, das nach Absenken der gesetzlichen Vergütungssätze vielfach implodierte.

Kein Anreiz zu Flexibilisierung und Marktbereinigung

Auch regt die Einspeisevergütung in keiner Weise die unbedingt notwendige Flexibilisierung des Energiesystems an. Im Gegenteil: Die Branche der Erneuerbaren hatte es sich in der Sicherheit der Einspeisevergütung sozusagen gemütlich gemacht, wie Windverbands-Chef Hermann Albers zuletzt gegenüber klimaretter.info offen zugab. 

Für ein 100-Prozent Szenario ist die Einspeisevergütung folglich nicht geeignet – zu komplex ist das regenerative Energiesystem. Für die punktgenaue Mobilisierung von Lastmanagement, Energiespeicherung oder flexiblen Kraftwerken ist das Instrument schlicht zu eindimensional. Letztlich wird durch die Vergütung zwar ein Marktanreiz für wünschenswerte Stromerzeugung geschaffen, jedoch keine Marktbereinigung von unerwünschter Stromerzeugung wie etwa Kohlekraft angeregt.

BildFür Bürgerenergie ein Segen: Einspeisevergütungen ermöglichten der Bevölkerung den Zugang zum Strommarkt. (Foto: Jörg Farys/BBEn)

Als Instrument zur Ingangsetzung der Energiewende und als Akzeptanzfaktor durch Bürgerengagement hat sich die garantierte Einspeisevergütung jedoch hervorragend bewährt, wurde deshalb auch in Dutzende Länder übernommen und gilt als "wesentlicher Treiber für den weltweiten Ausbau der erneuerbaren Energien"

BildDie Serie: Strommarkt verständlich

Teil 1: Einführung
Teil 2: Rückblick auf die Einspeisevergütung
Teil 3: Marktprämienmodell
Teil 4: Ausschreibungsmodell

[Erklärung]  
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