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"Strom wird vom Konsum- zum Kulturgut"

BildWenn die nächste Stufe der Energiewende zündet und der Strom nicht nur dezentral erzeugt wird, sondern unter den Markenzeichen öko und regional auch direkt zu den Kunden fließt, kommt auch die Bürgerenergie wieder groß ins Spiel. Das meint Energieberater Fabian Zuber, Ex-Geschäftsführer des Bündnisses Bürgerenergie. Getreu dem Motto von Hermann Scheer wird Strom dann von einem Konsum- zum Kulturgut.

 
klimaretter.info: Herr Zuber, seit 2012 bauten Sie das Bündnis Bürgerenergie mit auf, eines der erfolgreichsten demokratischen Projekte der letzten Zeit. Bis vergangenen Herbst waren Sie Geschäftsführer des Vereins – wenn Sie jetzt zurückschauen, was führte zur Gründung des Bündnisses?

Fabian Zuber: Im Jahr 2012 stand die Energiewende wegen der Strompreisbremse in extrem schlechtem Ruf. In der Berliner Branchenszene entstand die Idee, der Energiewende-Kommunikation einen neuen Spin geben. Also starteten wir – ausgehend von einer Initiative der Haleakala-Stiftung und anderer – die Bürgerenergie-Kampagne. Deren Ziel war es zu zeigen, wie wichtig der Beitrag der Bürger für das Gelingen der Energiewende ist. In deren Logik entstand dann das Bedürfnis, die Bewegung und das Thema zu institutionalisieren ...

... als Bündnis Bürgerenergie ...

... das eine enorme Flughöhe erreicht und es geschafft hat, die zentralen Akteure zusammenzubringen und sich als politische Stimme zu platzieren.

Als Schlagwort klingt Bürgerenergie gut. Wo aber ist das gemeinsame Interesse von jemandem, der sich ein Solardach aufs Haus setzt, mit großen Ökostromern wie Naturstrom oder Greenpeace Energy?

Man braucht sich nichts vorzumachen. Die Akteure in so einem Bündnis sind heterogen und sie zusammenzubringen ist eine Herausforderung. Aber das ist in jedem Bündnis so. Im Solarverband steckt der Handwerksbetrieb mit internationalen Konzernen unter einem Dach. Das zu managen gehört zum Einmaleins eines Bündnisses.

Und was ist nun der Kitt, der die Bürgerenergie zusammenhält?

Was verbindet, ist die Idee einer streitbaren Energiewende, die bürgernah und dezentral ist. Alle Beteiligten sind überzeugt, dass die Energiewende nur so erfolgreich sein kann. Das ist der ganz dicke Strang, an dem sowohl die "Kleinen" als auch die "Großen" ziehen können. Dass man diesen gemeinsamen Kern ins Zentrum der Arbeit rückt, halte ich für wichtig für die Zukunft der Bürgerenergie.

Künftig geht es allerdings nicht mehr um das "Ob", sondern nur noch um das "Wie" der Energiewende. Der Übergang zu Ökoenergien ist im Kern nicht mehr aufzuhalten. Welche Rolle wird da die Bürgerenergie haben?

In den letzten zehn Jahren haben wir Energiewende gleichgesetzt mit dem Ausbau von Photovoltaik und Windkraft, mit dem Durchsetzen der Erneuerbaren im Energiemix. Schauen wir auf den Energiewende-Diskurs der nächsten zehn Jahre, wird es um etwas ganz anderes gehen: Speichertechnologien und Digitalisierung schaffen die Möglichkeiten, Strom nicht nur gemeinschaftlich zu erzeugen, Anlagen zu bauen und zu finanzieren, sondern auch gemeinschaftlich zu speichern, die Speicher zu poolen, kurz: Vertrieb und Versorgung vor Ort zu organisieren.

BildDer Strommarkt wird in den kommenden zehn Jahren um neue Geschäftsfelder ergänzt, sagen Experten laut einer Studie voraus. (Grafik: Büro F)

Diese Trends haben wir in einer aktuellen Studie des Büro F untersucht. Die befragten Energieexperten sehen ganz neue Märkte und Geschäftsmodelle entstehen. Und Dezentralität und Bürgerenergie kommen wieder groß ins Spiel. Denn wenn der Kunde das Gravitationszentrum der neuen Energiewelt wird, wie Eon-Chef Teyssen sagt, sind damit letztlich vor allem die Bürger gemeint. Das Gut Strom wird ein Stück weit individualisiert werden.

Das Gegenteil eines Strom-Zentralversorgungssystems?

Ja, der Energiemarkt wird auf den Kopf gestellt werden. Die Logik der kleinteiligen erneuerbaren Energien bringt es mit sich, dass das zentrale System Schritt für Schritt um dezentrale Konzepte ergänzt oder davon abgelöst wird. Dauerhaft wird es eine Mischform geben. Allerdings ist dieser Übergang nicht ohne Interessenkonflikte zu haben. Die dezentralen Akteure müssen also auch dafür sorgen, dass die Rahmenbedingungen so sind, dass sie in einem freien Wettbewerb um die besten Lösungen aktiv sein können.

Auf der ehrenamtlichen oder der aktivistischen Ebene sind viele mit dem Herzen bei der Bürgerenergie dabei – die Probleme beginnen meist dort, wo Bürgerenergie ein, sagen wir, "stinknormales" Geschäft von Kauf und Verkauf wird.

Geschäfte zu machen und die Bürgerenergie widersprechen sich überhaupt nicht. Das durfte ich in den vergangenen drei Jahren vielerorts kennenlernen. Jeder, der sich eine Solaranlage aufs Dach setzt und einen Speicher in die Garage stellt, ist auch ein Unternehmer. Dass es bei größeren Versorgungsstrukturen – Windparks zum Beispiel – auch auf Professionalisierung ankommt, ist ja unbestritten.

Kern der Frage ist, ob für alle eine Teilhabe an der Energiewende möglich ist. Zahlreiche Studien belegen, dass die Bürger am Energiemarkt mitmischen wollen. Die sehen nicht in erster Linie das große Geldverdienen. Sie empfinden Energie, wie das Hermann Scheer gesagt hat, nicht mehr nur als Konsumgut, sondern als Kulturgut, bei dem es auch um ideelle Werte geht.

Es kommt darauf an: Lässt man die Bürger Energie zu einem Teil ihres Lebens machen und sie daran – wie auch immer – teilhaben? Egal, ob sie sich selbst versorgen, als Teil einer Genossenschaft oder in Form eines Internet-Pools, in den man seinen Strom oder Speicher einbringen und zugleich Konsument werden kann. Ich bin überzeugt, das Erfolgsrezept für eine akzeptierte und zügige Energiewende bleibt die Offenheit für alle – besonders auch für die kleinen Akteure.

Ist Dezentralität eine Frage der Größe?

Dezentralität ist ja nicht definiert. Das ist ein wenig das Problem der Debatte. Ich habe noch gut Diskussionen im Ohr, ob ein Solarpark mit zehn Megawatt nun zentral oder dezentral ist. Natürliche Bedingungen wie beim Wind sorgen für eine gewisse Konzentration der Erzeugung, aber nicht so, dass der Windstrom nur im Norden zu Hause sein soll, er bläst eben auch im Süden.

BildDie Bürger in den Regionen und Städten wollen sich am neuen Energiemarkt beteiligen. (Foto: Jörg Farys/​Bündnis Bürgerenergie)

Die Nachfrage nach Strom aber war und ist immer dezentral. Die Frage ist eben, wie bringt man Produktion und Verbrauch zusammen. Wer vor Ort – also dezentral – Lösungen entwickelt und bereitstellt, um die schwankende Ökostromerzeugung zu integrieren, sollte dies tun dürfen. Wie genau am Ende die "Mischung" zentraler und dezentraler Strukturen aussehen wird, ist noch nicht klar. Wichtig ist nur, dass man beiden Strängen erlaubt, sich zu entwickeln.

Da sieht es doch eher schlecht aus. Der kommende "Strommarkt 2.0" benachteiligt kleinere Öko-Anbieter.

Als wir 2012 mit der Bürgerenergie begannen, fanden wir beim Googeln nur wenige Links, wo sich Leute systematisch mit dem Thema befassten. Dieses Blatt hat sich komplett gewendet. Der Energiewende-Diskurs ist um die Idee der Bürgerenergie angereichert und sie ist ein wichtiger Parameter für die Akteursvielfalt geworden. Aber Sie haben Recht: Zugleich errichten die politischen Rahmenbedingungen beispielsweise mit den Ausschreibungen Hürden, die die Kleinen so leicht nicht mehr nehmen können.

Allerdings werden durch die neuen Technologien die Kräfte des Marktes weiter im Sinne der Dezentralität wirken. Politisch lässt sich das kaum verhindern. Die Büro-F-Studie zeigt etwa auch, dass im Windschatten der Direktvermarktung Stromversorger anfangen, neue Geschäftsmodelle jenseits der Börse zu entwickeln.

Wie wird die Stromwelt jenseits der Börse aussehen?

Für manche wird Strom auch in Zukunft einfach aus der Steckdose kommen, als anonymer Graustrom. Andere werden einen höheren Wert darauf legen, Ökostrom vor Ort oder aus ihrer Region zu beziehen. Viele sind selbst Produzenten ihres Stroms geworden oder beteiligen sich an größeren Anlagen oder Speichern. Die Nachfrage nach Regional-, Mieter- und Eigenstrom wird wachsen – das Interesse daran ist schon heute groß. Der Gedanke liegt ja auch nahe, wenn allerorts Wind- oder Solarstrom sichtbar werden. Und das Gute daran ist: Die Identifikation mit dem Stromprodukt garantiert die Akzeptanz für die Energiewende.

Interview: Jörg Staude

[Erklärung]  
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