Energiewende bislang leider nur light

Nur im Stromsektor findet die Energiewende bislang statt, zeigt eine Studie des Bundesverbandes Erneuerbare Energie. Bei Wärme, Verkehr und Effizienz sieht es dagegen mau aus. Ohne drastisch höhere Anstrengungen drohen im nächsten Jahrzehnt "umso gravierendere Kursänderungen", um die längerfristigen Klimaziele noch zu erreichen.

Aus Frankfurt am Main Joachim Wille

Deutschland gilt als das Energiewende-Vorzeigeland. Doch tatsächlich droht es seine mittel- und langfristigen Ziele beim Klimaschutz und bei der Umstellung auf erneuerbare Energien deutlich zu verfehlen. Nur im Stromsektor läuft der Umbau des Energiesystems bisher im Plan. Ohne drastische höhere Anstrengungen besonders in den Bereichen Gebäudeheizung und Verkehr sowie bei der Energieeffizienz würden selbst im Jahr 2050 Kohle, Erdöl und Erdgas das Energiesystem noch mit einem Anteil von rund zwei Dritteln dominieren. Das zeigt eine Studie, die der renommierte Experte Joachim Nitsch für den Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) angefertigt hat.

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Energiewende-Baustelle Nummer eins: der Wärmesektor. (Foto: Eva Mahnke)

Hauptziel der deutschen Energiewende ist es, den Treibhausgas-Ausstoß bis zur Mitte des Jahrhunderts im Idealfall fast auf Null herunterzufahren. Er soll dann um 80 bis 95 Prozent niedriger als im Basisjahr 1990 liegen. Das Energiekonzept der Bundesregierung sieht zudem Zwischenziele vor, 2020 sollen minus 40 Prozent, 2030 minus 55 und 2040 minus 70 Prozent erreicht sein. Zudem gibt es eine verbindliche Vorgabe der EU, wonach Deutschland seinen gesamten Energieverbrauch – für Strom, Wärme, Industrie und Verkehr – bis 2020 zu 18 Prozent aus erneuerbaren Quellen wie Wind, Wasser, Sonne und Biomasse gewinnen muss.

Die Nitsch-Analyse weist nach, dass keines dieser Ziele mit den bisher beschlossenen Maßnahmen erreicht werden kann. So sind im Jahr 2020 statt 40 Prozent CO2-Einsparung nur 36 Prozent zu schaffen. Hierbei seien bereits die zusätzlichen Maßnahmen eingerechnet, die die Bundesregierung im Herbst beschlossen hat, um die Klimaschutz-Lücke zu schließen. Dieses "Aktionsprogramm Klimaschutz" umfasst mehrere Dutzend Punkte von der Wärmedämmung bis zu sparsamerer Düngung in der Landwirtschaft, darunter auch striktere Vorgaben für Kohlekraftwerke. Ende 2014 war erst eine CO2-Reduktion um 27 Prozent erreicht, ohne das Aktionsprogramm läge man 2020 sogar nur bei 33 statt bei 40 Prozent.

Problem erkannt – über Ankündigungen kaum hinausgekommen

Nitsch moniert in der Studie: "Die angekündigten energiepolitischen Aktivitäten zeigen, dass die Politik das Problem erkannt hat, aber bisher über Ankündigungen kaum hinausgekommen ist." Nitsch war leitender Energieexperte des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) und hat von 2004 bis 2012 für das Bundesumweltministerium Leitstudien zum Umbau des Energiesystems erarbeitet.

Bei der Ökoenergie-Vorgabe der EU für Deutschland ist die Lücke nicht ganz so groß wie beim CO2-Ziel. Läuft der Zubau bei Windkraft, Solarenergie und Biomasse für den Stromsektor genau in dem von der Bundesregierung geplanten Korridor, werden laut der Analyse 2020 statt der geforderten 18 Prozent Erneuerbaren-Anteil rund 17 Prozent erreicht. Allerdings gibt es hier Unwägbarkeiten. So ist der Zubau von Solaranlagen seit 2013 stark eingebrochen; Grund war die Kürzung der EEG-Einspeisetarife im von der schwarz-roten Koalition novellierten EEG. Der Zubau lag 2014 mit 1,9 Gigawatt sogar unterhalb des von der Regierung vorgesehenen Korridors von 2,4 bis 2,6 Gigawatt. Die Windkraft an Land hingegen entwickelte sich deutlich besser als geplant. Statt ebenfalls rund 2,5 Gigawatt kamen 4,3 Gigawatt hinzu.

Doch selbst wenn der Zubau beim Strom auf dem hohen Niveau weitergeht, schafft Deutschland die 18 Prozent des EU-Ziels nicht. Auch dann wären laut Studie nur 17,2 Prozent drin, weil der Zubau der Erneuerbaren auf der Wärmeseite schwächelt. Und dass die Windkraft weiterhin so boomt, ist auch fraglich. Ab 2017 will die Bundesregierung nämlich die Förderung von den EEG-Vergütungen auf Ausschreibungen umstellen. Erfahrungen in anderen Ländern zeigten, dass der Zubau bei diesem Modell weniger dynamisch als im bisherigen EEG-Verfahren verlief.

Nitsch erklärt die Defizite so: "Der Stromsektor ist der einzige Bereich, in dem die Energiewende bisher überhaupt stattgefunden hat." Der Ökowärme-Markt wachse viel zu langsam, und im Verkehrssektor sei die Energiewende sogar "praktisch noch überhaupt nicht angekommen". Laut der BEE-Studie ist der Energieverbrauch im Verkehrssektor, der für 22 Prozent des deutschen CO2-Ausstoßes verantwortlich ist, seit 2003 praktisch nicht mehr gesunken, zuletzt gab es sogar wieder eine leichten Anstieg, vor allem bedingt durch die gesunkenen Spritpreise.

"Keine abgestimmte Strategie zu erkennen"

Hinzu kommt, dass die "zweite Säule" der Energiewende bisher sträflich vernachlässigt wird – die sparsamere, effizientere Nutzung der Energie. Bisher steigt die sogenannte Energieproduktivität pro Jahr um rund 1,5 Prozent, dieses Tempo müsste aber in etwa verdoppelt werden, um die Klimaschutzziele zu erreichen. Die Bundesregierung hat dazu Ende 2014 einen Nationalen Aktionsplan Energieeffizienz (Nape) beschlossen, viel Experten bezweifeln aber, dass er die nötigen Fortschritte bringt. Ein Beispiel für die Schwierigkeiten ist die energetische Sanierung von Altbauten. Sie gilt als zentraler Stellhebel, wurde koalitionsintern aber von der CSU gestoppt.

Das Resümee von Nitsch ist kritisch: "Die derzeitige Energiewende-Politik lässt keine kohärente Strategie erkennen, mit der die großen Herausforderungen eines Komplettumbaus aller Sektoren der Energieversorgung bis 2050 bewältigt werden können." Es müssten schnell Maßnahmen ergriffen werden, darunter unbedingt eine merkliche Erhöhung der Preise für CO2-Emissionen durch einen effektiveren Emissionshandel oder eine CO2-Steuer. "Auch die steuerlichen Erleichterungen für die energetische Altbausanierung müssen endlich kommen", sagt Nitsch. Gelinge diese "Energiewende plus" nicht, würden im nächsten Jahrzehnt "umso gravierendere Kursänderungen nötig, um die längerfristigen Klimaschutzziele doch noch einhalten zu können".

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Energiewende-Baustelle Nummer zwei: der Verkehrssektor. (Foto: C. Pichler/Flickr)

Zu den Maßnahmen, die Nitsch befürwortet, gehört übrigens auch eine "schnelle Anpassung der fossilen Kraftwerkssparks" an die Erfordernisse, die sich durch die steigende Einspeisung des fluktuierenden Stroms aus Wind und Sonne ergeben. Das heißt: Es braucht mehr flexible Gaskraftwerke und ein Herunterfahren der Kohleblöcke. Ob die "nationale Klimaabgabe" kommt, die in diesem Sinne wirken soll, ist inzwischen fraglich. Das dazu für vorige Woche geplante Spitzengespräch von Union und SPD ist wegen Unstimmigkeiten abgesagt worden. Wirtschafts- und Energiepolitiker von CDU und CSU lehnen auch den dazu vom Bundeswirtschaftsministerium vorgelegten Kompromiss ab.

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