Öl schmiert Wirtschaft bald nicht mehr

Auf den aktuellen Ölpreisschock, der Nationen wie Russland und bisher unantastbare Ölkonzerne in eine Krise stürzte, könnte bald der nächste folgen – nur in umgekehrter Richtung: Weil Investitionen ausbleiben, könne die Ölförderung bald vom weiter steigenden Bedarf überholt werden, sagt eine Studie voraus.

Aus Berlin Jörg Staude

Gut 53 Euro kostete das Barrel der Ölsorte Brent am Freitagnachmittag an der Rohstoffbörse. Zwischen 2011 und 2014 war der Preis praktisch nie unter 70 Euro gefallen. Nur ab 2008, infolge der Weltwirtschaftskrise, war die Grenze unterschritten worden. Der aktuelle Niedrigpreis ist aber eben nicht Folge einer Wirtschaftskrise, sondern geschieht im Umfeld einer stabilen Konjunktur, betont eine am Freitag bekannt gewordene Studie des Hamburger Forschungsinstituts Energycomment. Die Untersuchung, die klimaretter.info vorliegt, war von der Bundestagsfraktion der Grünen in Auftrag gegeben worden, offenbar zur Vorbereitung eines Fachgesprächs in der kommenden Woche.

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In den USA werden die Raffinerien bald weniger zu tun haben, wenn der Fracking-Boom endet. (Foto: Walter Siegmund/Wikimedia Commons)

Für den "Preiskollaps", heißt es in der Studie, gebe es zwei wesentliche Gründe: die "Überversorgung des Marktes" sowie eine "Lähmung" der Opec, des Kartells der erdölproduzierenden Länder. Dieses habe sich – im Unterschied zu 2008 – nicht zu einer Kürzung der Förderung durchringen können, als vergangenes Jahr der Preis in den Keller ging. Seitdem herrsche am Ölmarkt ein "ungewohnter Verdrängungswettbewerb".

Das bringt die Kalkulation der Investoren durcheinander. Kapitalintensive und langfristige Ölprojekte werden es, so die Analyse, in Zukunft schwer haben. Das gelte für die "Erschließung der Arktis, brasilianisches Tiefwasser, kanadische Ölsande oder auch Projekte im Schwerölsektor", aber auch für Bereiche wie Agrokraftstoffe oder Gas-to-Liquids. Für den Studienautor und Energycomment-Chef Steffen Bukold stellt der aktuelle Konkurrenzkampf die größte strukturelle Veränderung seit den 1980er Jahren dar – mit weitreichenden, schwer abschätzbaren Konsequenzen.

Bisher noch beschert der Ölpreisverfall der deutschen Wirtschaft einen Wachstumsschub, auch weil die Verbraucher weniger für Heizöl und Sprit ausgeben müssen und so zusätzliche Kaufkraft vorhanden ist. In ihrem diese Woche vorgestellten neuen Frühjahrsgutachten hoben die Wirtschaftsinstitute ihre Wachstumsprognose denn auch von 1,2 auf 2,1 Prozent deutlich an.

Das wird hierzulande den Ölverbrauch steigen lassen. Der Trend "weg vom Öl" müsse stark differenziert betrachtet werden, meint auch die Energycomment-Studie. Von 1995 bis 2015 sei zwar der Ölverbrauch Deutschlands von 130 Millionen auf 110 Millionen Tonnen zurückgegangen. Doch das sei "fast ausschließlich auf den geringeren Heizölbedarf zurückzuführen". Der beruhe auf milderen Wintern und der teilweisen Verdrängung durch andere Heizungen. Klammere man Heizöl aus, sei der deutsche Ölverbrauch in den letzten 20 Jahren nur minimal von rund 95 Millionen auf 94 Millionen Tonnen geschrumpft.

Globale Ölkrise nach 2020 wird wahrscheinlicher

Die Internationale Energie-Agentur IEA rechnet zurzeit mit einem Zuwachs der Welt-Ölnachfrage von einem Prozent pro Jahr. Anziehender Konsum, die Investitionskrise und die Einnahmeverluste der Ölexporteure könnten, so Energycomment, für eine Situation sorgen, in der niemand eine schnell steigende Nachfrage befriedigen könnte, auch nicht die US-Schieferölbranche. Dort würden sich im Gegenteil die Zeichen für eine "Vollbremsung" mehren, weil die einzelnen Vorkommen schnell erschöpft sind.

Der niedrige Ölpreis erweist sich immer deutlicher als Fluch für die US-Rohstoffindustrie, berichtete jetzt auch die Süddeutsche Zeitung. Nur noch 760 Ölbohrtürme seien in Betrieb. Ihre Zahl habe sich seit dem Höchststand im vergangenen Oktober mehr als halbiert. Viele Firmen bringe der Verfall der Ölnotierungen schwer in Bedrängnis. Die Kosten liefen den Produzenten davon, gleichzeitig säßen viele auf einem hohen Schuldenberg, weil sie im Zuge des Öl- und Gasbooms viel investiert haben.

Nach Ansicht der Energycomment-Studie könnte die steigende Ölnachfrage nur gedeckt werden, wenn auch außerhalb der USA die Förderkapazitäten permanent ausgebaut werden. Wichtige Förderländer seien jedoch gefährdet: Mit Libyen, Syrien, Irak und Jemen befinden sich vier Staaten in der ölreichsten Region der Welt im Bürgerkrieg. Zwei wichtige Produzenten, Iran und Russland, sind mit Wirtschaftssanktionen belegt. Zwei Opec-Produzenten, Venezuela und Nigeria, durchlaufen schwere fiskalische und innenpolitische Krisen
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Nur fürs Heizen verbrauchen die Deutschen wirklich deutlich weniger Öl. (Foto: Nick Reimer)

Die Niedrigpreisphase im Ölmarkt, bilanziert Energycomment, erzeuge umso größere Preisrisiken, je länger sie andauere. Die Wahrscheinlichkeit einer neuerlichen globalen Ölpreiskrise im kommenden Jahrzehnt steige erheblich. Die aktuellen Ölpreise dürften nicht als energiepolitisches Ruhekissen missverstanden werden.

Für die Vorsitzende des Bundestags-Umweltausschusses Bärbel Höhn (Grüne) stellt der niedrige Ölpreis auch nur die "Ruhe vor dem Sturm" dar. Dass weniger alte Heizungen ausgetauscht und Gebäude gedämmt werden, werde sich in absehbarer Zeit rächen, wenn die Preise wieder nach oben schießen. Diese Preissteigerung dürfte, so Höhn, besonders drastisch ausfallen, weil man mit dem schwächer werdenden Euro immer weniger Öl kaufen kann, das in Dollar abgerechnet wird.

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