Atombranche verklagt sich gegenseitig

Das Risikospiel der europäischen Atombranche, die ihre neuen Reaktoren nur noch in den Markt bekommt, wenn sie vom Staat hoch subventioniert werden, nimmt immer absurdere Formen an. Beim geplanten finnischen AKW Olkiluoto werden sich die Kosten verdreifachen. Auch die Schadenersatzsummen, die die beteiligten Firmen Areva, Siemens und TVO voneinander verlangen, werden immer höher.

Aus Frankfurt am Main Joachim Wille

So hatten sich Finnland und die Kraftwerksbauer Areva und Siemens die "nukleare Renaissance" nicht vorgestellt: Das Neubau-Projekt des Atomreaktors in Olkiluoto wird zu einem immer größeren Fiasko. Am Ende dürfte das Kraftwerk an der finnischen Westküste statt drei Milliarden Euro neun Milliarden Euro kosten – dreimal so viel.

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Olkiluoto 1 bis 4. Hier in der computergenerierten Darstellung des finnischen Stromkonzerns TVO – wie Finnlands schöne neue Atomanlage irgendwann einmal, in ziemlich ferner Zukunft aussehen soll. (Foto: Screenshot/TVO)

Das Konsortium der beiden Hersteller aus Frankreich und Deutschland sowie der Auftraggeber, der finnische Stromkonzern Teollisuuden Voima (TVO), haben nun den Streit darum verschärft, wer eigentlich die Verantwortung für die teure Bauverzögerung trägt. Der neu entwickelte AKW-Typ European Pressurized Reactor (EPR) in Olkiluoto wird nämlich nach jüngsten Prognosen erst 2018 erstmals Strom produzieren, fast ein Jahrzehnt später als geplant.

Von 1,9 auf 3,5 oder von 1,8 auf 2,3?

Es ist der jüngste Schachzug in der seit sechs Jahren laufenden Auseinandersetzung, die vor einem Schiedsgericht der Internationalen Handelskammer ICC ausgetragen wird: Beide Parteien erhöhten ihre finanziellen Forderungen an die Gegenseite – in der Hoffnung, bei einem günstigen Urteil halbwegs unbeschadet aus der Sache herauszukommen. Das Konsortium von Areva und Siemens verlangt statt 1,9 rund 3,5 Milliarden Euro von dem Stromkonzern TVO. Der wiederum hatte seine Ansprüche gegen die Hersteller vorher von 1,8 auf 2,3 Milliarden Euro hochgeschraubt.

Die Konfliktparteien geben sich gegenseitig die Schuld daran, dass der Reaktor nicht wie geplant seit 2009 am Netz ist. Die Hersteller werfen TVO vor, die Bauzeit durch wiederholte Änderungen der Vorschriften und Baupläne so extrem verlängert zu haben. Die Finnen dagegen machen Areva und Siemens für Mängel in der Bauausführung verantwortlich.

Die französische Staatsfirma Areva ist für den nuklearen Teil des AKW zuständig, der Münchener Konzern für den konventionellen, darunter die Dampfturbinen und Stromgeneratoren. Siemens hält gut ein Viertel der Anteile an dem Konsortium mit Areva. Für die Münchener, die nach Fukushima aus dem Atomgeschäft ausgestiegen sind, ist die Olkiluoto-Abwicklung ein Ende mit Schrecken, aber immerhin ein Ende.

Rechnung auf Englisch: 9,5 Milliarden Euro – pro Anlage

Ansonsten geht das Risikospiel der europäischen Nuklearbranche weiter, die ihre neuen Reaktoren nur noch in den Markt bekommt, wenn sie vom Staat hoch subventioniert werden. In Frankreich, wo Areva einen weiteren EPR baut, explodieren die Baukosten. Inbetriebnahme sollte 2012 sein, nun wird sie für 2016 erwartet. Auch hier rechnet man inzwischen mit Baukosten von neun statt 3,3 Milliarden Euro.

Die britische Regierung, die zwei neue Reaktoren bauen lassen will, plant mit 9,5 Milliarden Euro – pro Anlage. Um dem künftigen Betreiber, dem französischen Stromkonzern EDF, ein solches Mega-Investment überhaupt schmackhaft zu machen, musste sie ihm eine Strompreis-Garantie geben. EDF soll das Doppelte des aktuellen Marktpreises kassieren dürfen – und das 35 Jahre lang. Vom "billigen Atomstrom" redet keiner mehr.

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Die schnöde Realität einer ziemlich ewigen Baustelle: Eine Olkiluoto-Aufnahme von 2009. Seit sechs Jahren, streiten sich die beteiligten Firmen Areva, Siemens und TVO, wer denn nun für die Kostenexplosion die Verantwortung trägt. (Foto: Kallerna/Wikimedia Commons)

Selbst im atomfreundlichen Finnland scheint die Atombegeisterung etwas zu schwinden. Von zwei weiteren AKW-Projekten wackelt zumindest eines. Die Regierung äußerte Zweifel, ob TVO wirklich auch noch den bereits grundsätzlich genehmigten EPR 2 in Olkiluoto bauen will. Sie versagte dem Konzern die von ihm beantragte Fristverlängerung für den Bauantrag um fünf Jahre. Wenn er den Antrag im nächsten Jahr nicht stellt, verfällt die Genehmigung. TVO stehe offenbar "nicht eindeutig hinter dem Projekt", sagte Wirtschaftsminister Jan Vapaavuori.

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