Das große Abschalten

Bei der Bundesnetzagentur stapeln sich die Anträge zur Stilllegung von konventionellen Kraftwerken. Für die einen ist das eine Katastrophenmeldung und ein Grund für die Einführung eines Kapazitätsmechanismus, für andere ist das der normale Gang der Energiewende. Doch nicht überall können die unrentabel gewordenen Kraftwerke adäquat ersetzt werden.

Von Benjamin von Brackel

Ein Viertel des deutschen Energiemixes steuern die Erneuerbaren inzwischen bei – nur folgerichtig ist da, dass Atom- und Kohlekraftwerke entsprechend vom Netz genommen werden. Und in der Tat: Die Energiekonzerne reichen immer mehr Anträge zur Stilllegung ihrer konventionellen Kraftwerke ein. Für 47 Kraftwerksblöcke liegen der Bundesnetzagentur nach eigenen Angaben zurzeit solche Anträge vor – das sind 19 mehr als noch im Oktober 2013. Die Stromkonzerne begründen das mit mangelnder Wirtschaftlichkeit. Erst gestern hatte Eon angekündigt, 13 Gigawatt Kraftwerkskapazität bis 2015 stillzulegen.

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Abschalten: Der Umbau des Energiesystems macht die Zukunft jedes Großkraftwerks zum Politikum. (Foto: Stefan-Xp/Wikimedia Commons)

Doch nicht überall können die unrentabel gewordenen Kraftwerke auch adäquat ersetzt werden. Besonders im Süden Deutschlands nicht, wo vergleichsweise wenig Windanlagen stehen und gleichzeitig viele Atomkraftwerke abgeschaltet werden. Darum leitet die Netzagentur die Anträge an die Übertragungsnetzbetreiber weiter, um zu überprüfen, ob die Kraftwerke für einen stabilen Betrieb der Netze notwendig sind. Und zwar nur die, die endgültig stillgelegt werden sollen – das sind 28 der 47 Kraftwerksblöcke. Sieben Kraftwerken hat die Bundesnetzagentur bislang die Stillegung verweigert, etwa im Januar fünf Gas- und Kohlekraftwerksblöcken des Energiekonzerns EnBW in Marbach und Walheim im Neckartal. Der Grund: Das Aus der Atomkraftwerksblöcke in Neckarwestheim und Phillipsburg.

25 Kraftwerksblöcke nicht systemrelevant

Erst am Montag lehnte die Bundesnetzagentur die Abschaltung von zwei Heizöl-Kraftwerksblöcken von Eon in Ingolstadt ab. Der Netzbetreiber Tennet hatte sich um die Stabilität des Netzes gesorgt. Beim unterfränkischen Atomkraftwerk Grafenrheinfeld hingegen, das Eon früher als geplant vom Netz nehmen will, gibt es inzwischen weniger Bedenken. Insgesamt stehe bei 25 von den 47 Kraftwerksblöcken bereits fest, dass sie nicht systemrelevant seien, sagte eine Sprecherin der Bundesnetzagentur.

Stillgelegt werden dürfen Kraftwerke in Deutschland nach Ablauf einer Frist von einem Jahr. Wenn die Bundesnetzagentur aber die Systemrelevanz feststellt, muss das Kraftwerk für weitere zwei Jahre in Betrieb bleiben.

Besonders Eon, RWE und EnBW kommen durch die Energiewende immer stärker unter Druck. Viele ihrer Kraftwerke lohnen sich nicht mehr, vor allem Gas- und Steinkohlekraftwerke. Der Chef der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) Michael Vassiliadis hatte Ende Februar einen radikalen Umbau der Energiebranche vorgeschlagen: Konzerne und Stadtwerke sollen ihre Steinkohlekraftwerke in eine Kohlestrom AG auslagern, ähnlich einer Bad Bank.

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So wie Block 1 des Kohlekraftwerks Staudinger könnte es bald weiteren Kraftwerken gehen – er wurde abgeschaltet. (Foto: Philipp Wedel/Wikimedia Commons)

Seit Monaten drohen Eon und RWE mit Kraftwerksstilllegungen, sollte die Politik den Konzernen nicht mit einem Kapazitätsmechanismus unter die Arme greifen. Auf der RWE-Jahreshauptversammlung war das nach Angaben eines Teilnehmers das Thema Nummer eins. Im Vorfeld hatten Umweltverbände dem Stromkonzern vorgeworfen, "den Klimawandel zu finanzieren" und auf die falschen Wege der Energieerzeugung zu setzen.

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