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Wärmedämmung statt Atomkraft

Bei der Gebäudesanierung stolperte die Regierung ihren Zielen bis zuletzt hinterher. Auch wegen angeblich hoher Kosten steht die Energiesanierung unter Beschuss. Jetzt will die Branche mit einer Sanierungskampagne gegensteuern. Zum Auftakt präsentieren die führenden Köpfe neue Erkenntnisse über die Gebäudedämmung. Und einen Vergleich: Durch die Dämmung könnten alle Atomkraftwerke kompensiert werden.

Aus Berlin Lukas Wohner

Das Einsparpotenzial ist gigantisch: Laut einer Studie über Wärmedämmstoffe kann der Energieverbrauch im Gebäudebereich halbiert werden. Durch energetische Gebäudesanierung lassen sich demnach bis zu 500.000 Gigawattstunden pro Jahr einsparen. Das entspreche der fünffachen Leistung der neun deutschen Atomreaktoren, die im Jahr 2012 in Betrieb waren, sagte Andreas Holm, Professor an der Hochschule München und Leiter des Forschungsinstituts für Wärmeschutz (FIW), bei einem Expertengespräch des Forums Technikjournalismus am heutigen Dienstag in Berlin.

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Viel Potenzial liegt in Sachen Gebäudesanierung brach. Dabei liegt hier der Schlüssel für wirksamen Klimaschutz. (Foto: BMVBS)

Das Potenzial ist groß und auch die Unterstützung von den Bürgern wäre da: Drei Viertel der Eigenheimbesitzer stehen der energetischen Gebäudesanierung positiv gegenüber – so behauptet es zumindest die Deutsche Energie-Agentur (Dena). Doch getan wird den Experten zufolge zu wenig. Der Grund: Es fehlt an Markttransparenz und guten Informationen über die komplexe Materie. Viele lassen deshalb lieber die Hände davon. Auch weil sie sich unsicher sind, wie sie eine Gebäudesanierung finanzieren sollen.

Deshalb will die Allianz für Gebäude-Energie-Effizienz (Geea) nun "die Hauswende" einläutenDafür hob sie die erste gewerkeübergreifende Sanierungskampagne Deutschlands aus der Taufe. Die Kampagne umfasst drei Teilbereiche: Dach, Anlagentechnik und Gebäudehülle. Während die Dach-Kampagne bereits läuft, folgen ihr die weiteren zwei Anfang 2014.

Hohe Ziele, keine Taten

Wie so oft, hatte die schwarz-gelbe Bundesregierung wenig Konkretes beschlossen, aber hohe Ziele gesteckt. Etwa dieses: Bis zum Jahr 2050 sollen 60 Prozent der heute genutzten Endenergie für Raumheizung und Warmwasser eingespart werden – und damit 80 Prozent des fossilen Primärenergieverbrauchs. "Die energetische Sanierung des Gebäudebestands ist die wichtigste Maßnahme, um den Verbrauch an fossilen Energieträgern nachhaltig zu mindern", sagte FIW-Chef Holm. Den größten Sanierungsbedarf sieht er bei den rund 15 Millionen Ein- und Zweifamilienhäusern, die für etwa 65 Prozent des deutschen Endenergieverbrauchs für Raumwärme und Warmwasser verantwortlich seien.

Bei den unsanierten Gebäuden gehen derzeit fast 130.000 Gigawattstunden im Jahr über die Hauswände verloren. Davon können Holm zufolge fast 100.000 Gigawattstunden durch die Dämmung der Fassaden eingespart werden – die deutschen Atomkraftwerke bräuchte man dann heute schon nicht mehr, denn genau diese Leistung lieferten sie im vergangenen Jahr. Zusammen mit Sanierungen von Dach und Keller ließe sich der jährliche Heizwärmeverbrauch gar um insgesamt 190.000 Gigawattstunden senken. Die rein energetisch bedingten Kosten dafür lägen bei 140 Milliarden Euro. Es ließen sich durch die Komplettsanierung jährlich etwa 25 Milliarden Euro an Heizkosten sparen. "Seit der Sanierung meines eigenen Hauses beschäftige ich mich nicht mehr mit Heizölpreisen", sagte Holm.

Doch Investitionen bleiben noch aus. "Was bremst, ist die Unsicherheit bei der Förderung", sagte Klaus Franz, Vorstandschef beim Gesamtverband Dämmstoffindustrie (GDI). Abschreibungsmöglichkeiten hätten das Potenzial, die jährliche Sanierungsquote von derzeit 0,5 Prozent des deutschen Gebäudebestands auf 2,5 Prozent zu katapultieren. "Die Deutschen sind steuersparverliebt, das ist nun einmal so!", sagte Franz.

Fünf Milliarden gefordert

Fünf Milliarden Euro pro Jahr bis zum Jahr 2020, das fordert die Dena an Zuschüssen und steuerlicher Förderung. Außerdem eine Verschärfung der Energieeinsparverordnung und die Abschaffung des Verbrauchsausweises.

Den Rest soll die Kampagne richten: die Hausbesitzer und Mieter überzeugen. Noch können die oft nichts mit Gebäudesanierung anfangen. "Stell ich mir eine Solaranlage aufs Dach, hab ich Kilowattstunden, die ich verkaufen kann – toll!", sagt Christian Stolte, Dena-Bereichsleiter für energieeffiziente Gebäude. "Bei einer Gebäudesanierung habe ich einen Verbrauch, der nicht mehr da ist. Das ist viel schwerer greifbar für den Eigentümer."

Die Kampagne soll nun einerseits die mögliche Steigerung von Wert und Behaglichkeit der eigenen Immobilie verdeutlichen, andererseits den Weg "durch den Verordnungs-Dschungel" zum Experten, dem qualifizierten Energieberater, weisen. Der müsse zertifiziert sein. "Denn Energieberatung ist leider kein geschützter Begriff", warf FIW-Experte Holm ein.

Aber ob sich die Sanierung angesichts der Kosten lohne? "Würde mir eine Bank zwölf Prozent Rendite über 30 Jahre anbieten", sagte GDI-Chef Franz, "dann würde ich das als höchst unanständig empfinden." Eine Sanierung tue aber genau das. Leider hätten die meisten Gebäudeeigentümer davon keine Ahnung. Eine Studie der Verbraucherzentrale komme zu dem verheerenden Ergebnis, dass nur eine Minderheit der sanierungswilligen Eigentümer die individuell effizienteste Lösung bekomme. "Da wird geklüngelt", sagte Hyewon Seo von der Verbraucherzentrale. Oft sei der Nachbar Handwerker, aber nicht unbedingt ein Fachmann, und der Eigentümer wisse es nicht besser. Auch weise nicht jede Bank auf das CO2-Gebäudesanierungsprogramm der KfW hin, das Saniererungswilligen Fördermittel verspricht.

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GDI-Chef Klaus Franz will die Gebäudesanierung auf Trab bringen: "Was bremst, ist die Unsicherheit bei der Förderung." (Foto: Lukas Wohner)

Viele Eigentümer wollen allerdings abwarten: Sie hoffen, demnächst eine steuerliche Förderung zu bekommen oder effizientere Technologien. Warum heute sanieren, wenn es morgen für weniger Geld ein besseres Ergebnis gibt?

[Erklärung]  
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