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Biogas will mit EEG-Reform auftrumpfen

Sein Trumpf ist die Speicherfähigkeit. Doch ansonsten hat Biogas angesichts der Vermaisung der Landschaften sowie in der Teller-oder-Tank-Debatte schwere Rufschäden hinnehmen müssen. Ein Makel, dem die Berliner Messe BioGasWorld entgegenwirken will. So diskutierten dort Politiker, Branchenvertreter und Wissenschaftler auf einem Fachkongress des Biogasrats über den Beitrag zum Gelingen der Energiewende und die Optionen bei der Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG).

Aus Berlin Karin Deckenbach

Zum Thema "EEG und Investitionssicherheit" gab es zunächst die kräftige Schelte eines Praktikers für die Bundesregierung. "Die Banken spielen verrückt!", empörte sich Alfred Gayer von der Firma EnviTec Energy. Die unausgegorenen Debatten in der Regierung über eine angebliche Strompreisbremse inklusive der rückwirkenden Streichung von Fördermaßnahmen hätten die Banken derart verunsichert, dass fix und fertig geplante und kalkulierte Biomethan-Anlagen keinen Kredit bekommen. "Die Geldgeber wissen ja nicht, was da in Zukunft noch alles kommt oder gestrichen wird – so kann man nicht arbeiten", sagte Gayer.

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Idylle statt Gülle – so wirbt die "Bioenergieregion Südschwarzwald" für sich und gegen das Image der Bioenergie als Partner für Massentierhaltung mit entsprechender Gülle-Produktion. (Foto: bioenergieregion-suedschwarzwald.de)

"Die Politik hat nicht mehr viele Schüsse frei, unser Energiesystem neu zu ordnen", meinte auch der Geschäftsführer des Biogasrats, Reinhard Schultz. Gleichwohl waren sich alle Teilnehmer des Fachkongresses einig, dass es über kurz oder lang gravierende Änderungen am EEG geben muss und wird. Das Schlüsselwort dafür heißt "Markintegration der Erneuerbaren" – und dabei, findet Reinhard Schultz, "ist die Frage nicht mehr so sehr, ob eine Energie grundlastfähig ist, sondern mehr, ob sie bedarfsgerecht einsetzbar ist". Was bislang unter den Erneuerbaren nur für Biomethan gilt, also Bioenergie, die in Methan umgewandelt im normalen Gasnetz gespeichert werden kann und entsprechend bedarfsgerecht abgerufen werden kann.

Biogasrat fordert übergreifendes "Energiewendegesetz"

Engagiert plädierte Schultz für ein "Energiewendegesetz", das künftig alle Regelungen überwölben soll. Als da wären: Das Energiewirtschaftsgesetz (EnWG), in dem laut Schultz die Systemsteuerungshierarchie umgekehrt werden soll. Das EEG, das künftig eine Direktvermarktung für alle Erneuerbaren vorschreiben soll, allerdings verbunden mit einer Förderung der Mehrkosten über eine Marktintegrationsprämie und mit der Festlegung eines hohen Eigenstromanteils. Als dritte Säule, so Schultz, sollten die Erdgas- und Biomethan-Kraft-Wärme-Kopplung gesetzlich geregelt werden. Und schließlich sollte in der Rubrik "sonstige Gesetze" vor allem die Förderung der last- und verbrauchernahen Stromerzeugung geregelt werden.

Eckpunkte für eine dezentrale regenerative Versorgung 

Im Biogasrat sind zwar auch alle großen Energieversorger Mitglied, doch der Schwerpunkt liegt auf mittelständischen Unternehmen, und so hat der Verband "Eckpunkte einer dezentralen erneuerbaren Energieversorgung" ausgearbeitet. Sie beinhalten: 

  • eine last- und verbrauchernahe Stromerzeugung mit Systemverantwortung, also einen hohen Eigenstromanteil,
  • eine angemessene Beteiligung an den Netz- und Systemkosten, was darauf hinausläuft, die CO2-Bilanz bei der Energiesteuer einzubeziehen, etwa in Form einer Flatrate, dann aber ohne EEG-Umlage und KWK-Umlage,
  • die Verpflichtung für die Netzbetreiber, einen steigenden Anteil an Erneuerbaren-Strom für Regel- und Ausgleichsenergie einzukaufen, also etwa Biomethan-Strom, ebenso einen steigenden Anteil von Onshore-Windkraft und Bestandslast-Photovoltaik, die dem steigenden Bedarf an gesicherter Erneuerbaren-Leistung enstprechen.

Auf dieser Grundlage hatte der Biogasrat dann Bundestagsabgeordnete eingeladen, um über die Zukunft des EEG im Allgemeinen und die Rolle der Bioenergie im Besonderen zu diskutieren. Die FDP-Abgeordnete Christel Happach-Kasan zeigte sich "stolz", dass "wir", also die Regierung, mit den Erneuerbaren "so weit gekommen sind". Zugleich sei ihre Partei wegen der Auswirkungen des Booms auf Verbraucher und Industrie "besorgt", und da die Strompreisbremse ja nun "leider tot" sei, würden sich die Liberalen fragen, ob es noch richtig sei, eine Stromsteuer zu haben – "allerdings ist da nicht gut Kirschen essen mit unserem Koalitionspartner", sprich dem CDU-Finanzminister.

Energiezonen mit vereinfachten Genehmigungsverfahren

Das von der FDP gepriesene Quotenmodell mochte Happach-Kasan nicht offensiv verteidigen. Stattdessen konstatierte die Abgeordnete aus Schleswig-Holstein, die sonst für agroindustrielle Produktion bis hin zur Gentechnik streitet, dass man "neue Lösungen für Landstriche mit Monokulturen" brauche. Sie verwies zugleich auf die Potenziale von Biogas zur Wärmegewinnung, etwa zum Beheizen von Schulen, wofür es in ihrem Wahlkreis ein gutes Beispiel gebe. Happach-Kasan sprach sich dafür aus, wärmegeführte Biogasanlagen zu fördern und auch die Wiedereinführung für Nachtspeicherheizungen mit Windstrom zu diskutieren.

Das diente dem SPD-Abgeordneten Dirk Becker als Vorlage. Man müsse sich tatsächlich mit den Absatzmärkten für Biomethan insbesondere im Wärmemarkt befassen, sagte Becker, genau dort herrsche aber unter der jetzigen Regierung seit vier Jahren "Stillstand". Zugleich betonte der Abgeordnete aus Ostwestfalen: "Alle kennen das Biogas-Akzeptanzproblem." Gleichwohl sei klar: "Wir brauchen Biogas stärker im Netz." Zugleich müsse der Wärme-Absatzmarkt für Biomethan geöffnet werden. Angesichts der Akzeptanz- und Standortprobleme lohne sich auch mehr Repowering, also die Aufrüstung bestehender Anlagen. Für die Regionalplanung regte Becker die Ausweisung von Energiezonen mit vereinfachten Genehmigungsverfahren an und erntete dafür abwägendes Kopfnicken seiner Bundestags-Kollegen.

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Mit dieser 250-Kilowatt-Forschungsanlage zur Methanisierung will das Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg (ZSW) eine weitere Hürde auf dem Weg zur Marktfähigkeit der Power-to-Gas-Technologie überwinden. Die Anlage wandelt Ökostrom in Wasserstoff und Methan um. Mit einer möglichen Methanproduktion von 300 Kubikmetern am Tag rücken die Wissenschaftler aus Stuttgart an die industrielle Anwendung der neuen Speichertechnologie heran. (Foto: ZSW)

Der CDU-Vertreter Johannes Röring sprach sich "eindeutig gegen rückwirkende Eingriffe in das EEG und für Planungssicherheit" aus, also gegen die Strompreisbremse seines Parteikollegen und Umweltministers Peter Altmaier. Zugleich betonte er "das Alleinstellungsmerkmal von Biogas", nämlich dass es etwa in der Kombination mit Windkraft auch Regelstrom liefern kann.

Es blieb Oliver Krischer von den Grünen überlassen, einen grundlegenden Pflock einzuschlagen: Die Erneuerbaren spielten bei den steigenden Strompreisen nur eine untergeordnete Rolle, so der Energieexperte. Die "Hauptbaustelle" seien die an den Börsen sinkenden Strompreise, die nicht an die Kunden weitergegeben werden – "da muss man nun vernünftige Marktmechanismen einbauen". Das jetzige System führe zu der "Absurdität negativer Preise" an den Börsen, weil die konventionellen Kraftwerke nicht abgeregelt werden. "Mit Grenzkosten Null wie bei Wind und Photovoltaik kommen wir bei diesem Strommarkt nicht weiter", erklärte der Grünen-Politiker. Die EEG-Novelle nach der Bundestagswahl müsse "unbedingt auf eine bedarfsorientierte Förderung umstellen", sagte Krischer, der in der klimaretter.info-Debatte zur EEG-Reform für einen "Wandel in kleinen Schritten" plädiert.

"Ohne Nachfrage keine Einspeisung"

Biogasrats-Geschäftsführer Schultz kritisierte auch, dass die Systemstabilität im derzeitigen EEG keine Rolle spielt: "Das ist Sache der alten Player, aber je mehr Anteil der Erneuerbaren wir erreichen, umso weniger kann das so bleiben." Dabei sei klar: "Die Verteilenergie wird zurückgehen und die nahe, dezentrale Versorgung wird zunehmen." Also erwarte der Biogasrat, dass die Parteien "die Systemfrage auch im Wahlkampf beantworten".

Der Wissenschaftler Georg Erdmann von der TU Berlin, Mitglied im Expertenrat der Bundesregierung, sprach sich dabei für einen "Paradigmenwechsel" aus. Das heutige, angebotsorientierte EEG führe bisweilen zu negativen Preisen und sei auf Dauer kein vernünftiges Konzept. Das künftige Design des EEG müsse die Deckung der Nachfrage ins Zentrum stellen, und "wenn es keine Nachfrage gibt, dann gibt es auch keine Einspeisung". Auch die Erneuerbaren müssten sich künftig an der Nachfrage orientieren, "das muss die Leitschnur sein für die EEG-Reform". Im Verein mit Schultz schlägt Erdmann dafür eine "Marktintegrationsprämie" für die erneuerbaren Energien vor. Allerdings gelten die Ansichten des Professors als industrienah, der BUND Brandenburg kritisiert ihn beispielsweise wegen eines Braunkohle-freundlichen Gutachtens für das Wirtschaftsministerium in Potsdam.

Gern sprang ihm FDP-Vertreterin Happach-Kasan bei und betonte, man müsse sich "auch über den Einspeisevorrang unterhalten". SPD-Mann Becker bremste den Furor: "Ja, wir müssen unser Strommarktdesign an einen hohen Erneuerbaren-Anteil anpassen und ja, da hinken Politik und Akteure hinterher in der Umgestaltung auf eine Nachfrageorientierung" – doch zumindest in der nächsten Legislaturperiode "brauchen wir noch den Einsspeisevorrang und eine Vergütungsstruktur". Allerdings solle man diskutieren, die Direktverstromung aus neuen Anlagen komplett aus dem EEG herauszunehmen. Der potenzielle grüne Regierungspartner sekundierte. "Wir brauchen Kapazitätsmärkte im Energiesektor, das eröffnet auch gute Chance für die Bioenergie", betonte Krischer. Dem wiederum sekundierte der Biogasrat: "Wir brauchen eine Preisfindung überwiegend am Markt – aber mit Regeln, nämlich dem Vorrang für Erneuerbare", so Schultz.

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Echte Kuh vor falscher: Biomethan ist Biogas, das in einer künstlichen Kuh, also einem Fermenter, aus vergärbaren Rohstoffen entsteht – das können Gras, Stroh, Mais oder auch Restoffe sein, also Bioabfälle. (Foto: Paul Langrock)

Insgesamt herrschte – bis auf einen Disput über die industrielle Landwirtschaft und den Anbau von Energiepflanzen mit den hinlänglich bekannten Argumenten – auffallend viel Übereinstimmung zwischen den Parteienvertretern. Allerdings mit deutlichen Nuancen: "Die Politik kann Preise nicht diktieren, aber sie kann Steuern aufstellen oder zurücknehmen", sagte SPD-Mann Becker in seinem Schlusswort. Während FDP-Frau Happach-Kasan betonte: "Die Politik braucht ehrliche Lobbyisten, die ihre Erfahrungen einbringen – dann werden die Gesetze besser." Das Wort "CO2-Steuer" nahm niemand in den Mund.

[Erklärung]  
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