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Erdgas: Fracking trübt die Klimabilanz

Fracking ist nicht nur eine Gefahr für das Trinkwasser, sondern auch für das Klima. Beim "Fracken" von Schiefergas entweicht noch mehr Methan in die Atmosphäre als bei der herkömmlichen Erdgasförderung, zeigen jetzt Studien in den USA. Die in Deutschland populäre Idee vom Erdgas als Brücke zum Erneuerbaren-Zeitalter könnte ein Irrtum sein.

Von Michael Bittner

Groß sind die Verheißungen der Erdgas-Lobby: Die neue Fördertechnologie "Fracking" erschließe saubere Energie für viele Jahrzehnte. Bei Klimaschutz und Energiewende werde sie helfen, weil zusätzliches Erdgas die flexiblen Gaskraftwerke rentabler mache, die bekanntlich als Ergänzung zu erneuerbaren Energien gebraucht werden. Mit Fracking, versprach die Industrie schon vor zwei Jahren, könne die EU hunderte Milliarden Euro sparen und trotzdem ihre langfristigen Klimaziele erreichen.


Die USA sind ein Land im Fracking-Fieber. Beim Fracking wird das Gas mit Unmengen von Chemikalien freigesprengt. Hier bringt ein Chemie-Truck den Nachschub. Die Anwohner haben also auch noch ein Verkehrsproblem. (Foto: Les Stone/Greenpeace)

Die Bundesregierung hat sich gerade entschlossen, Fracking unter Auflagen in Deutschland zu ermöglichen. Kritiker der sogenannten "unkonventionellen" Fördermethode verweisen vor allem auf die Risiken der Technologie für das Grundwasser und auf mögliche Erdbebengefahren. Unter den Tisch fällt dabei häufig, dass es mit den Klimavorteilen von Fracking-Erdgas nicht so weit her ist: Bei der umstrittenen Technologie wird offenbar deutlich mehr Methan freigesetzt als bei der konventionellen Förderung. Was bisher erst einzelne, heiß umstrittene Studien vermuten ließen, verdichtet sich durch neue, genauere Untersuchungen immer mehr: Aus den Öl- und Gasfeldern in den USA – dem Land des Fracking-Booms – treten unerwartet hohe Mengen des klimaschädlichen Gases aus.

Methan ist bekanntlich der Hauptbestandteil von Erdgas – und gleichzeitig ein hochwirksames Treibhausgas. Der Weltklimarat IPCC nimmt für einen 20-Jahres-Zeitraum eine 72-mal höhere Klimagefährlichkeit von Methan gegenüber Kohlendioxid an, während Drew Shindell vom Goddard Institute der NASA sogar von einer mehr als 100-fachen Wirkung ausgeht. Wenn man schon fossiles Gas aus der Erde holt, könnte man salopp sagen, dann sollte man es im Interesse des Klimas unbedingt verbrennen.

Hohe Methan-Leckagen beim Fracking überraschen Forscher

Leider klappt das mit dem Verbrennen nicht so richtig: Bei der Erdgasförderung entweicht stets ein gewisser Anteil des Erdgases ungewollt in die Atmosphäre. Das sind zwar nur einige Prozent – je nach Technologie und Bedingungen etwas mehr oder etwas weniger – aber angesichts einer auf Hochtouren laufenden Weltförderung und gelegentlicher Unfälle kommen so trotzdem riesige Mengen zusammen.

Besonders hoch ist der Anteil entweichenden Gases beim Fracking. Wie Forscher der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) und der University of Colorado in Boulder anhand von umfangreichen Messungen herausfanden, treten aus einem Fördergebiet bei Denver rund vier Prozent des Methans in die Atmosphäre aus. Das ist deutlich mehr als die zwei Prozent, die die US-Umweltbehörde EPA bisher stets angesetzt hatte. Eine andere Feldstudie in Utah kam auf noch höhere Leckage-Raten von neun Prozent. Die Forscher berichten, sie hätten beim Fracking mit hohen Methanwerten gerechnet, ihre Erwartungen seien aber noch übertroffen worden. Vor zwei Jahren war eine erste Abschätzung der Cornell University in Ithaca auf Leckageraten von rund vier bis acht Prozent für das Erdgas-Fracking gekommen.

Immer weniger Experten glauben, dass Erdgas umweltfreundlich ist

Auch wenn Klimaforscher und Umweltorganisationen noch vor Verallgemeinerungen warnen und zunächst systematische Untersuchungen durchführen wollen, hat sich ihre Vermutung doch erhärtet: Der Vorteil der geringeren CO2-Emissionen von Erdgaskraftwerken wird durch die erheblichen Methan-Leckagen beim Fracking mindestens teilweise wieder zunichte gemacht. Würden diese Zusammenhänge in die Klimabilanz von Gaskraftwerken eingehen, stünde das Erdgas im Vergleich zu Kohlekraftwerken gar nicht mehr so gut da.

Berücksichtigt man außerdem den Kühleffekt von Schwefel-Emissionen aus Kohlekraftwerken, wie es der Klimaforscher Tom Wigley vom National Center for Atmospheric Research getan hat, könnte die Theorie vom Erdgas als "Brücke" zur regenerativen Vollversorgung schnell in sich zusammenbrechen. In den Environmental Research Letters erschien sogar eine Studie, die die Umstellung auf Erdgas als Weg in die Klimakatastrophe sieht und einen schnellen, direkten Umstieg auf Kohlendioxid-freie Technologien und Einsparung fordert.


Der Fracking-Boom in den USA bedroht nicht nur das Grundwasser, sondern auch das Weltklima. Das sagen jedenfalls neuere Studien zu den Methan-Verlusten bei der Erdgasförderung. (Foto: Jacques del Conte/Greenpeace)

Nicht nur Wissenschaftler und die Umweltbewegung in den USA argumentieren so. Auch energiepolitische Vorreiterstaaten wie Dänemark denken bereits um. Das Nachbarland will bis 2050 nicht nur aus dem Öl, sondern auch aus dem Erdgas aussteigen. Anfang des Jahres trat deshalb ein Gesetz in Kraft, das die Installation von Öl- und Gasheizungen in dänischen Neubauten verbietet. Ab 2016 gilt das auch für den gesamten Altbestand. Ein Förderprogramm beschleunigt die Umstellung – auch in der Industrie. 

Hierzulande aber wird von Wirtschaft und Politik weiter das Hohelied des Erdgases gesungen.


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