Zahlenkrimi um Japans Atomreaktoren
Die Internationale Atomenergiebehörde IAEA führt gerade einen bizarren Eiertanz auf. Erst setzte sie die Anzahl der Atomkraftwerke auf ihrer weltweiten Liste von 437 auf 390 herunter – als neue Zahlen aus Japan eingetroffen waren. Weil aber die Atomlobby Angst um ihre Zukunft bekam, wurde die Zahl nach zwei Tagen einfach wieder hochgesetzt. Auch sonst hat die IAEA Schwierigkeiten mit dem Subtrahieren.
Aus Freiburg Bernward Janzing, aus Berlin Nick Reimer
Wie viele Atomkraftwerke sind eigentlich weltweit in Betrieb? Eine einfache Frage, sollte man meinen – denn man kann sie ja durchzählen. Doch mit Zahlen wird bekanntlich Politik gemacht. Und so blamierte sich die Internationale Atomenergiebehörde IAEA gerade durch eine bizarre Aktion. Denn scheinbar erlebte die Welt vergangene Woche die größte Abschaltwelle in der Geschichte der Atomkraft – rein formal betrachtet. So wurde die Zahl der weltweit laufenden Atomreaktoren im Internet-basierten Power Reactor Information System (PRIS) der IAEA, das die Branche als die Bibel der Atomstatistik sieht, mit einem Schlag von 437 auf 390 reduziert.

Der Atomexperte Mycle Schneider hat alle Kraftwerke überprüft: Jetzt befinden sich 46 der 47 japanischen Atomkraftwerke im "Langzeitstillstand". (Foto: Stephan Roehl/Heinrich-Böll-Stiftung)
Auslöser dieser Anpassung war ein formal völlig korrekter Schritt der japanischen Atomsicherheitsagentur JNES. Die nämlich hatte an jenem Tag schlicht die 47 abgeschalteten japanischen Reaktoren aus der Kategorie "in Betrieb" herausgebucht, um sie fortan unter "Langzeitstillstand" zu führen. Die Konsequenz: Die offizielle Zahl der weltweit laufenden Reaktoren rutschte auf den niedrigsten Stand seit Mitte der achtziger Jahre – weit entfernt vom historischen Höchststand im Jahr 2002, als 444 Atomreaktoren in Betrieb waren. Was für eine politische Botschaft!
Als Kritiker der Atomenergie diese Nachricht freudig verbreiteten, sah sich die IAEA gezwungen einzugreifen – und zwei Tage später waren die 47 Reaktoren wieder am Netz. Natürlich nur auf dem Papier, aber nach offizieller Statistik hat die Welt nun wieder 437 Reaktoren. Die Atomenergiebehörde erklärte per Pressemitteilung, ein "Schreibfehler" habe zu Irritationen geführt. Man habe die Unstimmigkeiten im Gespräch mit der japanischen Atomaufsicht ausgeräumt. Zudem werde nun ein "Software-Upgrade" installiert, das sicherstellen werde, dass die Länder in Zukunft nicht mehr eigenmächtig den offiziellen Status ihrer Reaktoren verändern können.
AKW seit Jahren vom Netz – aber offiziell "in Betrieb"
Peinlich für die IAEA ist diese ganze Aktion, weil die betreffenden 47 japanischen Atomanlagen tatsächlich und unzweifelhaft abgeschaltet sind. "Die Eingruppierung der japanischen Reaktoren als Langzeitstillstand war kein Fehler, sie spiegelt vielmehr die operative Realität der Atomkraftwerke im Land wieder", sagt Mycle Schneider, Autor des Welt-Statusreports der Nuklearenergie. Die Angelegenheit erscheine daher als "verzweifelter politischer Versuch", eine offensichtlich unangenehme Situation zu verschleiern.
Schneider, der international als Berater für Energie- und Nuklearpolitik tätig ist, hat sich die Daten genau angeschaut: "Wir haben jedes einzelne der Kraftwerke überprüft", sagt er, "und dabei zeigt sich, dass 46 der 47 japanischen Atomanlagen alle Voraussetzungen erfüllen, um als Langzeitstillstand geführt zu werden." Im Durchschnitt seien die Reaktoren seit zwei Jahren vom Netz. Die Abschaltungen resultieren nämlich nicht allein aus der Fukushima-Katastrophe: Drei Blöcke des Kraftwerks Kashiwazaki Kariwa stehen schon seit dem Erdbeben 2007 still, werden aber offiziell noch immer in der Kategorie "in Betrieb" geführt.
Und ganz nebenbei kommt auch noch heraus, dass solche im Sinne der IAEA aufgehübschten Zahlen nicht auf Japan beschränkt sind. Das älteste spanische Atomkraftwerk Santa Maria de Garoña wurde schon vor sechs Wochen endgültig abgeschaltet – in der offiziellen Statistik der Atomenergiebehörde ist dieser Schritt jedoch bis heute nicht vermerkt. Damit geht es inzwischen nicht mehr allein um die Frage, ob rund um den Globus nun 437 oder nur noch 390 Atomkraftwerke am Netz sind. Sondern darum, mit welcher Menge an Karteileichen die Atomlobby ihre Daten eigentlich frisiert. Womit eines sicher ist: Kritiker der Atomkraft werden die offiziellen Daten in Zukunft mehr denn je im Auge behalten.
Japanischer Atomstreit hinter den Kulissen
Wobei die IAEA für das japanische Zahlendebakel nur teilweise zuständig ist: Die staatliche Atomaufsicht NRA hatte angekündigt, die Sicherheitsvorschriften zu verschärfen. So sollen sekundäre, weit vom Reaktor entfernte Steuerzentralen nachgerüstet werden, die nach einem Notfall die Atomkraftwerke noch beherrschbar machen sollen. Zudem müssen die AKW-Kuppeln gegen Terrorgefahr und Flugzeugabstürze verstärkt und ein Absaugsystem für Wasserstoff installiert werden. In Fukushima hatten Wasserstoffexplosionen die Reaktorhülle schwer beschädigt.

AKWs zählen ist eigentlich einfach, etwa mit einem Abakus – hier die japanische Variante Soroban. Falls man wirklich genau zählen will. (Foto: Society for the Promotion of Yokohama Abacus)
Japans neuer Regierungschef Shinzo Abe will aber die 48 japanischen Reaktoren schnell wieder ans Netz nehmen. "Innerhalb von drei Jahren" wolle man über das Wiederanfahren entscheiden, sagte Abe, der so die schwächelnde Wirtschaft auf der Insel mit kostengünstigerem Strom versorgen will. Derzeit sind nur zwei Reaktoren am Netz – die Blöcke 3 und 4 des AKW Oi.
Hinter den Kulissen tobt in Japan ein Atomstreit. Shunichi Tanaka, Chef der japanischen Atomaufsicht NRA, erklärte, wegen des zeitlichen Aufwands der Nachrüstung könnten keinesfalls binnen der nächsten drei Jahre Reaktoren zurück ans Netz gehen. Was ein Mitarbeiter der japanischen Atombehörde JNES zum Anlass nahm, die 47 japanischen Reaktoren bei der IAEA in den Status "Langzeitstillstand" zu versetzten. Allerdings sind die von der NRA ausgearbeiteten Sicherheitsregeln noch kein Gesetz, sie sollen erst im Sommer beschlossen werden. Und die Atomwirtschaft wird alles daransetzen, die Regeln bis dahin noch deutlich aufzuweichen.
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