Donnerstag, 10. Januar 2013, 18:19 Uhr

Deutschland bleibt Braunkohleland

Das vergangene Jahr war ein Boomjahr für die Erneuerbaren. Ihr Anteil am deutschen Strommix stieg auf knapp 22 Prozent, während Atomkraft auf 16 Prozent fiel. Der mit Abstand wichtigste Energieträger blieb aber die Kohle. Nach den am Donnerstag vorgelegten Zahlen des Bundesverbandes der Energiewirtschaft ist der Anteil der klimaschädlichen Stein- und Braunkohle von 43 auf knapp 45 Prozent angewachsen.

Von Verena Kern

Von einem "positiven Trend" spricht der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Gemeint ist der Ausbau der Erneuerbaren Energien im Jahr 2012. Ihr Anteil an der Brutto-Stromerzeugung stieg im abgelaufenen Jahr auf 21,9 Prozent. Im Vorjahr waren es erst 20,3 Prozent. Am stärksten trug die Windkraft mit 7,3 Prozentpunkten dazu bei, gefolgt von Biomasse (5,8), Photovoltaik (4,6), Wasser (3,3) und schließlich Siedlungsabfälle (0,8 Prozentpunkte). Der Anteil der Atomenergie ging hingegen von 17,7 auf 16 Prozent zurück. Das geht aus den ersten Schätzungen des Verbandes für 2012 hervor, die der BDEW am Donnerstag vorlegte. Und damit hat es sich eigentlich auch schon mit den positiven Trends. 


Vattenfall-Braunkohlekraftwerk Jänschwalde in der Lausitz. Emissionen (2009): 23,6 Millionen Tonnen CO2. (Foto: Reimer)

Die große Gewinnerin 2012 ist nämlich die klimaschädliche Kohle. Der Anteil von Stein- und Braunkohle am deutschen Strommix legte von 43,1 Prozent im Jahr 2011 auf nunmehr 44,7 Prozent zu. Davon entfielen 19,1 Prozent auf Steinkohlekraftwerke und stolze 25,6 Prozent auf Braunkohlekraftwerke. Im Jahr 2011 waren es erst 18,5 beziehungsweise 24,6 Prozent gewesen.

Deutlich gesunken ist gegenüber dem Vorjahr der Anteil von – relativ klimafreundlichem – Erdgas an der Stromerzeugung: von 13,6 auf nur noch 11,3 Prozent. Allein in den ersten zehn Monaten des Jahres 2012, so der BDEW, sei der Einsatz von Erdgas in Kraftwerken, in Anlagen mit Kraft-Wärme-Kopplung und in Heizwerken um 14 Prozent zurückgegangen. Betrachte man nur die Stromerzeugung in Kraftwerken, sei der Erdgas-Einsatz gar um 27 Prozent "regelrecht eingebrochen". Diese Entwicklung "verdeutlicht die kritische wirtschaftliche Situation, in der sich gegenwärtig Betreiber von Gaskraftwerken befinden", sagte Hildegard Müller, die Hauptgeschäftsführerin des Verbandes, am Donnerstag in Berlin. 

Als Gründe für diese "Energiewende paradox" nennt der BDEW einerseits die zunehmende Einspeisung von Ökostrom, andererseits die "auch weiterhin bestehende Differenz zwischen Kohle- und Gaspreisen". Sprich: Kohle wird im Vergleich zu Erdgas immer billiger. Erst am Vortag hatte das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut HWWI Zahlen vorgelegt, wonach die Einkaufspreise für Kohle im Euro-Raum 2012 im Jahresdurchschnitt um fast 18 Prozent gesunken sind. In ihrem aktuellen Kohle-Report hatte die Internationale Energieagentur IEA zum Jahresende ein weiteres Anwachsen des Kohleverbrauchs prognostiziert. Im Jahr 2017 könnte die weltweite Nachfrage nach Kohle demnach die Ölnachfrage überholen. Seit 2011 sei die Kohle-Nachfrage um 4,3 Prozent gestiegen.

Was Frau Müller nicht erwähnt, ist der Preisverfall beim Emissionshandel. Da die Verschmutzungsrechte pro Tonne Kohlendioxid seit Monaten für deutlich unter zehn Euro gehandelt werden, besteht für Kraftwerksbetreiber wenig Anreiz, das klimafreundlichere Erdgas der Kohle vorzuziehen. Ändern würde sich das erst, wenn der Preis für CO2 auf  mindestens 25 Euro steigen würde.

Das EEG muss "weiterentwickelt" werden, fordert der BDEW

Allerdings nahm Hildegard Müller die vorgelegten Zahlen zum Anlass, eine "Weiterentwicklung" des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) noch in diesem Jahr zu fordern: "Wir sollten alle Spielräume innerhalb des EEG nutzen, um die Ausbauziele nach den Kriterien Effizienz und Versorgungssicherheit auszurichten." Gleichzeitig gehe es darum, den konventionellen Erzeugungsmarkt weiterzuentwickeln. Spätestens 2015 müsse politisch eine grundsätzliche Entscheidung zum Marktdesign der Zukunft getroffen werden. Außerdem müsse die Koordination und Steuerung der Energiewende "weiter" verbessert werden.

Zudem brachte Müller die Idee eines "Nationalen Forums Energiewende" erneut ins Spiel, die der BDEW gemeinsam mit der Naturschutzstiftung WWF bereits im vergangenen Jahr lanciert hatte. Ein solches Gremium könne "auch kurzfristig für Impulse und Stabilisierung sorgen". Ein "unaufgeregter Interventionsmechanismus für die Umsetzung der Energiewende" sei erforderlich. Dieses Forum solle dann "den Austausch mit allen gesellschaftlich relevanten Gruppen verstetigen", am besten ausgestattet mit einem "starken nationalen Mandat, zum Beispiel mit einem Beschluss des Deutschen Bundestags". So, sagte Müller, könnten auch die Bürger "besser in die Energiewende einbezogen werden und die damit verbundenen Maßnahmen verstehen".

Mit Schaufelrädern wie diesem wird der billige, schmutzige Energieträger Kohle aus dem Boden geholt. Menschen, Dörfer, Landschaften müssen weichen. Stattdessen gibt es viele, viele Treibhausgas-Emissionen. (Foto: Museum Ferropolis)

Positiv, aber wohl kein Trend ist der leichte Rückgang des Stromverbrauchs in Deutschland um 1,4 Prozent. Die Brutto-Stromerzeugung stieg dagegen um 1,3 Prozent.

 
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