Vattenfalls Grün ist braun und strahlend
Vattenfall will – wieder mal – grün und grüner werden. Bis zum Jahr 2020 soll der Kohlendioxidausstoß des schwedischen Staatskonzerns um ein Drittel sinken, neue Investitionen sollen nur noch in Erneuerbare fließen. Doch im Kleingedruckten sieht das ganz anders aus.
Aus Stockholm Reinhard Wolff
Vattenfall verspricht seine Erneuerung. Investitionen sollen künftig nur noch in die regenerative Energieproduktion fließen und der jährliche Kohlendioxidausstoß des Energiekonzerns soll von derzeit jährlich 94 Millionen Tonnen auf 65 Millionen Tonnen im Jahr 2020 sinken. Der alleinige Eigentümer, der schwedische Staat, brachte jetzt sein Teil zur Realisierbarkeit dieser Ziele ein: Die bislang von der Staatskasse geforderte Gewinnmarge wurde von 15 auf neun Prozent gesenkt. Nun könne Vattenfall Ja sagen zu grünen Investitionen, die nicht mehr als zehn Prozent Rendite versprechen und die man deshalb in der Vergangenheit ablehnen musste, meinte Schwedens Finanzstaatssekretär Erik Thedéen.

Da war mal eine Landschaft – auch die Braunkohleverstromung im Kraftwerk Schwarze Pumpe will Vattenfall weiterführen, ebenso neue Tagebaue in der Lausitz. (Foto: GuentherHH/Flickr)
Doch Lob von Umweltschutzorganisationen bekam Vattenfall für diese Ankündigungen nicht. Zum einen wegen des Kleingedruckten: Danach werden nämlich erst einmal alle schon beschlossenen Investitionsprojekte verwirklicht. Und dazu gehören beispielsweise milliardenschwere Investitionen zur sicherheitstechnisch umstrittenen Effektsteigerung bei den schwedischen Atomkraftwerken Forsmark und Ringhals, mit der aus den teilweise über 30 Jahre alten Veteranen-Reaktoren mehr Produktion herausgepresst und die Laufzeit auf 50 bis 60 Jahre verlängert werden soll.
Auch für die Braunkohleverstromung in Deutschland dürften die Auswirkungen der angekündigten neuen Linie minimal sein. Man werde keine neuen Kohlekraftwerke beschließen, doch "laufende Projekte" – und dazu gehören auch neue Tagebaue – sollen verwirklicht werden, erklärte Vattenfall-Konzernchef Øystein Løseth. Der Konzern "bekennt sich", wie Løseth es ausdrückte, zu Deutschland und der Braunkohle.
Darüber hinaus gelten die jetzt verkündeten Investitionsziele nur bis 2020. Wie es danach weitergehen soll, ist offen. Statt der behaupteten Vorreiterrolle bleibe Vattenfall damit einer der größten europäischen Umweltverschmutzer, kritisiert Lise Nordin, energiepolitische Sprecherin der schwedischen grünen Partei "Miljöpartiet".

Der Handel mit Emissionszertifikaten war für Vattenfall ein wahrer Goldesel – aber das hat sich geändert. (Bild: Deutsche Bundespost)
Wobei Ankündigungen von Vattenfall sowieso mit Vorsicht zu genießen sind. 2006 verkündete der damalige Chef Lars G. Josefsson, der Konzern werde binnen zehn Jahren die Produktion erneuerbarer Energie in Schweden um zehn Terawattstunden steigern – eine Terawattstunde sind eine Milliarde Kilowattstunden. Zur Halbzeit ist allerdings nur ein Zwanzigstel des Ziels erreicht.
Diese Zahlen will man bei Vattenfall nicht kommentieren und verweist lediglich darauf, dass man ja nun "eine neue Führung" habe. Die Zeitschrift Ny Teknik rechnete aus, dass sich der Anteil der Investionen von Vattenfall in erneuerbare Stromerzeugung sogar immer mehr reduziert hat: Von 29 Prozent im Jahr 2006 auf 18 Prozent im vergangen Jahr. Während der Anteil der Investitionen in fossile Energien im gleichen Zeitraum von 31 Prozent auf 52 Prozent gestiegen ist.
Grundsätzlich dürfte weniger ein plötzlich erwachtes grünes Gewissen hinter Vattenfalls neuem Investionsschwenk stehen, als vielmehr ökonomische Zwänge. Aufgrund der Mängel des europäischen Handelssystems mit Emissionszertifikaten sind die niederländischen und deutschen Fossilkraftwerke ein Goldesel für den Konzern gewesen. So konnte Vattenfall beispielsweise mit Beginn der ersten Handelsperiode 2005 seinen Gewinn schlagartig um 80 Prozent gegenüber dem Vorjahr steigern. Mit Ablauf der zweiten Handelsperiode Ende dieses Jahres, in der die Zertifikate auch noch größtenteils gratis waren, wird diese Gewinnquelle versiegen. Die nun zu bezahlenden CO2-Zertifikate dürften trotz ihres niedrigen Preises den Ertrag von Vattenfall mit jährlich rund 800 Millionen Euro belasten.
Dabei schrieb das Unternehmen bereits im letzten Quartalsbericht rote Zahlen. Die Ratingagenturen Moody's und Standard & Poor's haben diese Entwicklung vorhergesehen und die Kreditwürdigkeit des Staatskonzerns in den vergangenen Monaten heruntergestuft. Die wirtschaftsfreundliche Stockholmer Zeitung Svenska Dagbladet ernannte Vattenfall aufgrund des langfristig völlig verfehlten Engagements für die fossile Energieerzeugung bereits zum "Weltmeister bei der Kapitalvernichtung".

Vattenfall hat ein Imageproblem: Wegen nicht eingelöster Ankündigungen misstrauen ihm Umweltschützer. "Weltmeister der Kapitalvernichtung" nennt eine schwedische Wirtschaftszeitung den Staatskonzern. (Foto: kohle-nur-noch-zum-grillen.de)
Und wie will Vattenfall mit Braunkohle eine CO2-Reduktion von 94 auf 65 Millionen Tonnen bis 2020 stemmen? Insbesondere nachdem auch der zweifelhafte Ausweg über die CCS-Technologie verbaut sein dürfte.
Dazu gibt sich der Konzern zugeknöpft und verweist auf noch nicht spruchreife Planungen. Ein anderer Weg als der Verkauf von Fossilkraftwerken scheint kaum vorstellbar. Falls nicht wegen einer "neuen Führung" alle Beschlüsse dann plötzlich doch nicht mehr gelten.
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