"Die Erneuerbaren müssen zusammenrücken"

Reinhard Schultz war von 1994 bis 2009 Mitglied des Deutschen Bundestages. Für die SPD gehörte er dem Finanzausschuss, dem Ausschuss für Wirtschaft und Technologie sowie dem Umweltausschuss an. Seit 1995 ist er geschäftsführender Gesellschafter der von ihm gegründeten Unternehmensberatung Schultz Projekt Consult. Die Firma übernahm 2009 im Zuge eines Geschäftsbesorgungsvertrages die Führung beim Biogasrat e.V., einem Wirtschaftsverband führender Unternehmen der Biogas-Branche. Der Verband bestellte Schultz zugleich zum Geschäftsführer.

klimaretter.info: Herr Schultz, der Biogasrat hat jetzt den Namenszusatz "+ dezentrale Energien" und wirbt mit dem Slogan "Biogas ist nicht genug" – sind das Ihre Lehren aus der "Teller oder Tank"-Debatte?

Reinhard Schultz: Auch, ja. Wir haben vor einigen Monaten eine kleine Verbandsreform durchgeführt, weil Biogas eben im Erdgasnetz speicherbar ist und damit sicherlich eine wichtige Stütze der Energiewende. Die anderen erneuerbaren Energien haben wegen ihrer Volatilität gewisse Probleme und wir könnten insbesondere mit Biomethan diese Nachteile ausgleichen. Dazu muss eine Strategie entwickelt werden, dass Sonne, Wind und Biogas zusammenarbeiten und gemeinsam sozusagen wie ein virtuelles Kraftwerk versuchen, die notwendige Stabilität im Stromnetz herzustellen. Zugleich beschäftigen uns natürlich die Teller-oder-Tank-Frage und auch andere Akzeptanz-Fragen sehr stark, auch aus eigenem Antrieb, nicht nur, weil die Herausforderungen von außen kommen. Deswegen setzen wir in zunehmendem Maße neben den klassischen Rohstoffen wie Mais auf Alternativen, und zwar sowohl auf alternative Pflanzen, die nichts mit Lebensmitteln zu tun haben, als auch auf Reststoffe. Und da haben wir ein riesiges Potenzial an Reststoffen ermittelt.

Wie riesig ist das Reststoff-Potenzial?

Wenn wir nur auf Strom gehen würden, könnten wir etwa vier bis fünf Prozent der deutschen Stromversorgung nur mit Reststoffen erzeugen. Bei der Wärmeversorgung könnten wir sogar 14 bis 15 Prozent Gas nur aus Reststoffen bereitstellen. Und im Kraftstoffsektor könnten wir zu den heute etwa 600 Millionen Kubikmetern Biogas, die ins Erdgasnetz eingespeist werden, allein aus Reststoffen problemlos noch mal zwei Milliarden Kubikmeter dazu packen.

Woher kriegen wir so viele Reststoffe?

Auf der einen Seite haben wir organische Abfälle. Da hat der Gesetzgeber ja die Weichen so gestellt, dass Bioabfälle aus Haushalten bis 2015 flächendeckend eingesammelt werden müssen und vorzugsweise vergoren werden sollen. Das heißt, die Stoffe sind nach der Sammlung auch EEG-fähig, dafür haben wir sehr stark gekämpft und finden das gut. Darüber hinaus gibt es noch sehr viele Reststoffe in der Landwirtschaft, die dezentral anfallen und nicht zentral eingesammelt werden können.


Die Massentierhaltung erzeugt Massen von Gülle. Für ihre Vergärung gibt es nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) einen Extrabonus. Durch die übermäßige Förderung seien die Ressourcen fehlgeleitet worden, kritisiert der Biogasrat. (Foto: Schulze von Glaßer)

Ist das die umstrittene Gülle aus der Massentierhaltung?

Ja, wobei die Gülle ja sowieso im Erneuerbare-Energien-Gesetz drin ist. Das ist eigentlich eine gute Sache, die allerdings ein bisschen übertrieben worden ist, weil bis einschließlich 2011 für die Vergärung von Gülle ein zusätzlicher Bonus gezahlt wurde. Aber nicht nur für Gülle, sondern für alle nachwachsenden Rohstoffe, die mit der Gülle zusammen vergoren wurden. Damit wurde der Mais-Einsatz, der sowieso schon sehr wirtschaftlich war, noch wirtschaftlicher. Und das hat dazu geführt, dass insbesondere in den sogenannten Veredelungsregionen – also da, wo sehr viel Massentierhaltung ist – gleichzeitig sehr viele Biogasanlagen entstanden sind. Das ist eindeutig eine Fehlallokation, die die Politik zu spät erkannt hat und mit deren Folgen wir heute noch zu kämpfen haben. Ohne den Güllebonus hätten wir uns so manche Diskussion um Nutzungskonkurrenzen in den vergangenen Jahren erspart.

Was hat diese Fehlallokation, diese nicht gewollte Verteilung verursacht?

Die Fehlallokation ist durch die Überförderung entstanden. In Regionen, wo sowieso schon sehr viel Mais angebaut wird als Futtermittel, hat sich der Einsatz von Mais als Rohstoff für die Biogasanlagen noch mehr verstärkt, obwohl es eigentlich keine wirtschaftliche Begründung dafür gab.

Und das wiederum trägt zur Vermaisung unserer Landschaften bei?

Ja, das hat mit dazu beigetragen. Die großen Maisregionen produzieren in erster Linie Futtermittel, davon ist nur ein ganz kleiner Teil Bioenergie, aber es kommt eben eins zum anderen. Wer das steuern will, muss sich generell überlegen, wie man mit Massentierhaltung und mit Monokulturen überhaupt umgeht. Das heißt, wie wir eine gute landwirtschaftliche Praxis mit Fruchtfolgen, die ja eigentlich vorgesehen sind, auch tatsächlich durchsetzen und überwachen. Da gibt es sicherlich Defizite. Zum Beispiel haben unsere Mitglieder durch die Bank Substratverträge mit Landwirten, die Fruchtfolgen vorsehen und auch überwachen. Das heißt, in unserem Vertragssystem gibt es keine Monokulturen. Aber wir wissen, dass es so was im Raum Niedersachsen, im Allgäu und anderen Landesteilen gibt, und das führt regional zu völlig angebrachten Akzeptanzfragen, weil Monokulturen natürlich für die Biodiversität und für den Bodenhaushalt immer schlecht sind.


Zuckerrüben satt. Bei der Zuckerproduktion bleiben jede Menge Schalen übrig – und sind ein idealer Reststoff für die Energieerzeugung, findet der Biogasrat. (Foto: BDBe – Bundesverband der deutschen Bioethanolwirtschaft)

Ist da eine Korrektur nötig – weg vom Anbau von Energiepflanzen und hin zur besseren Reststoffverwertung?

Auch in der Lebensmittelindustrie sind noch massive Reststoffpotzenziale zu heben. Einerseits gibt es die ganzen Verfallsdaten-Produkte aus dem Lebensmittelhandel, andererseits fallen schon bei der Konfektionierung von Lebensmitteln Reste an, die nicht mehr lebensmittelfähig sind. Oder ein ganz beliebtes Thema: Bei der Zuckerherstellung wird die Schale der Zuckerrüben abgehackt und diese Zuckerrübenschnitzel wurden zum Teil als Futtermittel eingesetzt, zum Teil für alle möglichen Zwecke exportiert, aber sie waren eben nicht im EEG zugelassen für die Verstromung. Das hat sich jetzt geändert. Das ist ein typischer Reststoff, mit dem man sonst nicht viel anfangen kann, auch für Futtermittelzwecke ist der Bedarf einfach zu gering, und insofern ist das für die Energieerzeugung geradezu ideal.

Aber es muss sich lohnen, sprich attraktiv vergütet werden?

Unser Verband hat in einer großen Studie zum EEG dafür plädiert, die Vergütung unabhängig vom Einsatzstoff zu gewähren. Wenn das so wäre, dann würden natürlich erst mal die Reststoffe eingesetzt, eben weil sie sowieso übrig sind. Das heißt, es würde eine völlig umgekehrte Wertschätzung im Markt geben. Damit sind wir bei einem grundlegenden Fehler im EEG: Lebensmittelpflanzen werden besser vergütet als Reststoffe, die keine oder lediglich eine Grundvergütung erhalten. Wir versuchen das umzudrehen. Im Bereich der Biokraftstoffe ist es bereits so, dass die europäische Biokraftstoffquote Reststoffe deutlich besser im Markt einpreist als direkte Pflanzenprodukte. Das heißt, reststoffbasierte Biokraftstoffe werden auf die Quote doppelt angerechnet, wegen der besonders hohen CO2-Vermeidung. Deswegen gibt es bei Biokraftstoffen einen deutlich besseren Markt und deswegen wird im Kraftstoffsektor zunehmend nur reststoffstämmiger Biokraftstoff eingesetzt und alles andere zurückgedrängt.

Also sind Sie zufrieden mit der jüngsten moderaten Anpassung der EU-Vorgaben?

Die Zielrichtung ist richtig. Die ist ja auch jetzt schon so angelegt, dass es ab 2015 keine Mengenquote mehr geben wird, sondern nur noch eine Treibhausgas-bezogene Quote. Ab 2015 wird der Treibhausgas-Vermeidungsbeitrag ganz entscheidend dafür sein, wie man die Quotenverpflichtung erfüllt. Und dann würden Biomethan und einige andere sowieso das Rennen machen und den Markt bestimmen. Denn bei der Treibhausgasvermeidung ist Biomethan eindeutig Spitzenreiter, insbesondere wenn das Biogas aus Reststoffen stammt. Wenn die EU-Kommission das jetzt vorziehen will, kann das aus unserer Sicht nur gut sein. Allerdings ist der Biokraftstoff-Markt nach wie vor sehr beunruhigt.

Weil die Landwirte, also auch einige Ihrer Mitglieder, die Lizenz zum Gelddrucken gerne behalten wollen?

Die Landwirte sind ausgesprochen flexibel, die können sich auf jedes Regime einstellen ...

Aber wenn es statt Maisanbau wirklich eine Präferenz für Reststoffverwertung gäbe?

Na ja, es gibt ja auch Reststoffe aus landwirtschaftlicher Produktion, selbst die Rübenschnitzel gehören den Bauern, so sind die Verträge mit der Zuckerindustrie. Wenn es darum geht, sich auf neue Rahmenbedingungen einzustellen, ist wohl niemand so flexibel wie Bauern. Da mache ich mir überhaupt keine Sorgen.


Spätestens 2017 hat die Vermaisung unserer Landschaften ein Ende, denn der Anbau von Ölsaaten wird sich nicht mehr lohnen – davon ist der Biogasrat überzeugt. (Foto: Schulze von Glaßer)

In der Debatte "Tank oder Teller, Tierfutter oder Lebensmittel" empfiehlt das Umweltbundesamt, die Energieversorgung überhaupt nicht in nennenswertem Umfang auf den Anbau von Biomasse auszurichten ...

Ich glaube, da wird auch das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Es ist völlig richtig, sich erst mal um die Reststoffverwertung zu kümmern und dann auch um Alternativen zu pflanzlichen Einsatzstoffen, also Alternativen zu den klassischen Lebensmitteln und Futtermitteln.

Als da wären?

Das fängt mit der Rübe an. Die Züchter in unserem Verband arbeiten an Sorten mit einem besonders hohen Energieinhalt. Und wenn man Fruchtfolgen einhält, ist das, was als Zwischenfrucht angebaut wird, häufig nicht lebensmittelfähig, aber vergärbar. Insofern glaube ich, sind solche Aussagen des Umweltbundesamtes übertrieben. Und das Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung – also ein Mitwirkender im Weltklimarat IPCC – sagt klipp und klar, dass künftig etwa 25 Prozent der Weltenergieversorgung auf Biomasse beruhen werden und das unter Klimagesichtspunkten auch gut sei – Vorraussetzung dafür ist aber sicherlich ein vernünftiger Umgang mit den vorhandenen Flächen und die strikte Einhaltung von Fruchtfolgen.

Aber warum wollen Sie sich nicht auf Reststoffverwertung konzentrieren, wenn es davon ja so viel gibt, das bislang nicht genutzt wird?

Also, zum einen sind die Reststoffe ja noch nicht alle für die Verwertung erschlossen. Und zum zweiten werden sie allein auch nicht reichen. Wenn man auf 80 oder 90 Prozent erneuerbare Energien insgesamt kommen will, dann wird man mit Wind und Sonne allein nicht weit kommen. Dann wird man Biomasse in stärkerem Maße einsetzen müssen. Und aus meiner Sicht gibt es keine ethischen Gründe, weshalb man grundsätzlich zum Beispiel keinen Mais einsetzen sollte, oder andere Pflanzen. Die Biogasproduktion in Europa hat mit dem Hunger in der Welt überhaupt nichts zu tun. Damit haben Agrarmarkt-Spekulationen zu tun und Konzerne wie Nestlé und das Welthandelsregime, auch die Genmanipulateure, die in Entwicklungsländern angestammte Sorten durch genmanipulierte Sorten ersetzen, die dort nicht funktionieren – die haben damit etwas zu tun, aber nicht die derzeit weltweit vielleicht sieben Prozent Energieversorgung auf Biomasse-Basis. Trotzdem, viele Einzelgesichtspunkte sind wichtig. Die Biodiversität ist sehr wichtig und das verträgt sich nicht mit Monokulturen, deswegen brauchen wir Alternativen. Es ist auch richtig, dass man die Alternativen zu Lebensmitteln zuerst nutzen sollte, völlig klar. Aber die sind auch irgendwann verbraucht.


Echte Kuh vor falscher: Biomethan ist Biogas, das in einer künstlichen Kuh, also einem Fermenter, aus vergärbaren Rohstoffen entsteht – das können Gras, Stroh, Mais, oder auch Restoffe sein, also Bioabfälle. (Foto: Paul Langrock)

Gerade sagten Sie, allein mit dem Einsatz von Reststoffen könne man im Kraftstoffsektor mühelos zwei Milliarden Kubikmeter mehr erzeugen?

Ja. Aber gleichzeitig will die Bundesregierung, und zwar zu recht, eigentlich sechs bis zehn Milliarden Kubikmeter mehr eingespeist haben. Es stimmt, jetzt sind wir von den zwei Milliarden Kubikmetern noch weit entfernt, aber irgendwann werden wir dieses Reststoffpotenzial ausgeschöpft haben – und dann ist die Frage: Auf welcher Basis füllen wir den Rest auf? Und da, denke ich, werden klassische Lebensmittelpflanzen deutlich zurückgehen und andere Anbaukulturen mehr nach vorn kommen. Daran wird ja geforscht und entwickelt. Auch was die Flächen angeht haben wir in Deutschland noch genügend Luft nach oben. Es werden Flächen frei durch das EU-Landwirtschaftsregime und durch die Biokraftstoffrichtlinie. Das heißt, die Pflanzen, die keinen hohen CO2-Vermeidungs-Beitrag leisten – also die gesamten Ölsaaten –, werden komplett verschwinden. Meines Erachtens werden 2017 keine Ölsaaten für diese Zwecke mehr angebaut werden, aber die Flächen sind dann immer noch da. Darauf wird dann etwas anderes angebaut werden, wodurch die Flächen effizienter genutzt werden – zum Beispiel Rohstoffe für die Biomethanerzeugung. So wachsen uns bei gleicher landwirtschaftlicher Produktion auch momentan landwirtschaftlich genutzte Flächen zu. Es wird keinen Wiesenumbruch geben, wir werden nicht in schützenswerte Gebiete gehen, sondern nur die Flächen nutzen, die traditionell für Ackerbau genutzt werden. Ich glaube, das muss doch zulässig sein.

Im zweiten und letzten Teil des Interviews geht es um die künftige Finanzierung des Erneuerbaren-Ausbaus, harsche Kritik am Quotenmodell der Großindustrie sowie um die Frage, warum Windstrom genauso besteuert wird wie Braunkohlestrom:

Teil 2: "Die Stromsteuer muss hinterfragt werden"

Interview: Karin Deckenbach

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