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Milliarden in den See gepumpt

In der Schweiz werden gerade Milliarden in den Bau neuer Pumpspeicherwerke investiert – aber es gibt ein hohes Risiko. Die Rentabilität der Projekte hat auch in Deutschland beim Energiekonzern Vattenfall "dramatisch" gelitten. So ist bei den Eidgenossen nun eine Debatte über Sinn und Zweck dieser Technik entbrannt.

Aus Freiburg Bernward Janzing

Schweizer Energieexperten diskutieren, ob Pumpspeicherwerke heute "Millionentreffer oder Niete" sind, wahlweise auch "Cash cow oder Hochrisikoinvestition" – so lauten jedenfalls aktuelle Vortragstitel auf Kongressen. Denn das Geschäftsmodell der Anlagen funktioniert immer weniger: Sie pumpen nachts mit überschüssigem, also billigem Strom der Grundlastkraftwerke – vor allem der Atomkraftwerke – große Mengen Wasser den Berg hinauf und lassen es mittags wieder ab, um daraus teuren Spitzenlaststrom zu erzeugen.


Nachts pumpen, tagsüber Geld verdienen – aber nun steht das Geschäftsmodell von Pumpspeicherwerken auf der Kippe. (Grafik: Wikipedia)

Urs Meister von der Denkwerkstatt Avenir Suisse in Zürich hatte die Pumpspeicher bereits im vergangenen Herbst als "Investitionen mit hohen Risiken" gebrandmarkt. Auch die Schweizerische Energie-Stiftung (SES) nennt etwa das geplante Pumpspeicherwerk Grimsel 3 "unnötig und ökonomisch riskant". Gründe für die mangelnde Wirtschaftlichkeit seien einerseits flexible Gaskraftwerke und andererseits die Photovoltaik, erklärt Volkswirt Meister. Denn Gaskraftwerke, die an die Stelle von Atomkraftwerken treten, werden bedarfsgerecht gefahren – es bleibt viel weniger billiger Stromüberschuss zum Pumpen übrig. Zugleich sorgt die massiv ausgebaute deutsche Photovoltaik auch auf dem Schweizer Strommarkt dafür, dass die hohen mittäglichen Preisspitzen Vergangenheit sind. Eben die waren für die Pumpspeicher sehr lukrativ.

Subventionen für Energiespeicher

Die Energieunternehmen in der Schweiz betrachten die neue Situation mit Sorge. Der Stromkonzern Alpiq ruft bereits nach öffentlichen Geldern: "Wenn die Politik Pumpspeicherkraftwerke will, diese sich aber langfristig nicht rentabel betreiben lassen, dann ist es an der Politik, sich über Unterstützungsmechanismen Gedanken zu machen." Ähnlich formuliert es der Präsident des Verbandes Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen, Kurt Rohrbach: Sobald die Bereitstellung des Stroms aus Pumpspeicherwerken am Markt nicht mehr angemessen vergütet werde, müssten "andere Finanzierungs- und Unterstützungsmodelle ins Auge gefasst werden". Sprich: Subventionen.

Für das Alpenland, das die nationale Netzgesellschaft Swissgrid als "Stromdrehscheibe und Batterie Europas" sieht, ist die Wirtschaftlichkeit der Pumpspeicher ein wichtiges Thema. Zurzeit verfügt die Schweiz über 40 Anlagen dieser Art mit insgesamt 1.750 Megawatt Leistung. In Planung oder im Bau sind nach einer Übersicht der SES nun aber weitere Anlagen mit zusammen 6.160 Megawatt, die auch die Nachbarländer bedienen sollen. Geplante Investitionskosten: mindestens sieben Milliarden Schweizer Franken, rund sechs Milliarden Euro.


"Unnötig und ökonomisch riskant" finden Kritiker ein drittes Pumpspeicherwerk am Grimsel. (Foto: KWO Grimselstrom)

Unterdessen nimmt auch in Deutschland die Debatte Fahrt auf. Vattenfall-Deutschland-Chef Tuomo Hatakka erklärte kürzlich in einem Zeitungsinterview, er sei sich nicht sicher, ob Vattenfall alle seine Pumpspeicher noch weiter betreiben könne, da sich deren Wirtschaftlichkeit "dramatisch negativ entwickelt" habe. Die Anlagen lohnten sich "immer weniger, denn Solarstrom kommt zur Mittagszeit ins Netz und drückt die Preise". Er sehe "derzeit nicht, wie wir vor dem Hintergrund dieser Entwicklung längerfristig die Wirtschaftlichkeit aus eigener Kraft wiederherstellen können." Auch das klingt verdächtig wie ein Ruf nach Subventionen.

Direkt traut sich die Stromwirtschaft bislang allerdings weder in der Schweiz noch in Deutschland, Subventionen für Pumpspeicher zu fordern. Einstweilen setzt man in der Schweiz auf das Prinzip Hoffnung: "Die Rentabilität der Pumpspeicher hat kurzfristig zwar sehr gelitten", heißt es beim Energieversorger Alpiq, der als Mehrheitseigner gerade im Wallis für 1,8 Milliarden Franken ein neues Werk baut. Doch man habe für den Neubau immerhin eine Konzession für 80 Jahre in der Tasche – "und in dieser Zeit kann sich in der Energiewirtschaft noch vieles ändern."

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