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"Solarboom geht weiter – zum Glück"

Eicke Weber ist Leiter des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme (ISE) und einer der führenden Forscher im Bereich der regenerativen Energien. klimaretter.info sprach mit ihm über die Ökostrom-Umlage, die 2013 auf gut fünf Cent pro Kilowattstunde steigt.

klimaretter.info: Herr Weber, die Solarenergie und ihre Verfechter sind in der Defensive. Eine Durchschnittsfamilie zahlt 2013 rund 50 Euro mehr für ihren Strom. Haben Sie nicht die Sorge, dass die Stimmung gegen die Energiewende kippt?

Eicke Weber: Nur, wenn bewusst falsch argumentiert wird. Tatsächlich ist die Solarenergie kein Preistreiber. Die Strompreise sind seit der Strommarkt-Liberalisierung 1998 im Schnitt jährlich um vier Prozent gestiegen. Das war schon so, als die EEG-Umlage Anfang des letzten Jahrzehnts noch gar keine Rolle spielte. Und auch in diesem Jahr steigen die Strompreise spürbar, obwohl die Umlage gegenüber 2011 gar nicht abgehoben wurde.

Trotzdem: Die Umlage klettert Anfang 2013 von 3,6 auf rund 5,3 Cent pro Kilowattstunde. Ein Großteil der Umlage geht aufs Konto der Solarenergie. Daran ist nicht zu rütteln.

Richtig. Allerdings kommen die 5,3 Cent auch zustande, weil die Bundesregierung einen viel zu großen Teil der Industrie von der Umlage befreit hat. Die Folge: Haushaltskunden und die restlichen Unternehmen müssen deutlich mehr zahlen. Außerdem geben die Stromversorger die Vorteile nicht an die Verbraucher weiter, die sie durch den dank Solarenergie gesunkenen Börsen-Strompreis haben. Sie erhöhen lieber ihre Profite. Den Aufschlag von 1,6 Cent halte ich trotzdem für verkraftbar – angesichts der Vorteile, die die CO2-freie Stromerzeugung bringt.

Die FDP warnt vor einer Abwanderung der Industrie. Die Energiewende drohe
"räubererische Kosten" zu verursachen, warnt die "Stiftung neue soziale Marktwirtschaft".  Können Sie das entkräften?

Das ist schlicht Unsinn. Die energieintensive Industrie hat heute in Deutschland dank der Ökostrom-Einspeisung einen niedrigeren Strompreis als vor fünf Jahren. Jüngst kam die Meldung: Ein großer Aluminiumhersteller vergrößert seine Produktion in Deutschland, weil hier die Stromkosten günstiger sind. Deutschland wird dadurch attraktiv für energieintensive Firmen.

Von einer Abwanderung der Industrie kann nicht die Rede sein. Im Gegenteil: Deutschland wird attraktiv für energieintensive Firmen. (Foto: Daniel Bleyenberg/pixelio)

Der Zubau an Solaranlagen lag in den letzten Jahren immer deutlich über dem von der Bundesregierung geplanten Korridor von 3.500 Megawatt  pro Jahr. Wie ist ihre Prognose für die Zukunft?

Der Boom wird weitergehen – zum Glück. Es werden 2012 trotz stark gekappter Einspeisevergütung wohl wieder 7.000 Megawatt hinzukommen. Bis 2016 dürften wir bereits die 52.000 Megawatt erreicht haben, die die Bundesregierung im Rahmen des EEG anpeilt. Danach wird die Solarenergie ohne Förderung weiter wachsen.

Wie soll das gehen?

Der Solarstrom wird dann viel billiger sein als Strom aus dem Netz. Das eröffnet ganz neue Möglichkeiten: Gruppen von Hauseigentümern, ganze Straßenzüge, Stadtteile oder Gemeinden können sich als Solarstrom-Produzenten zusammenschließen und mehr und mehr zu Selbstversorgern werden.

Dazu müssen aber Stromspeicher gebaut werden. Die sind noch zu teuer.


Es gibt heute bereits zahlreiche Solarfirmen, die integrierte Systeme samt Batteriespeicher anbieten. In diesem Bereich werden wir in den kommenden Jahren eine rasante Marktentwicklung sehen.

Sie plädieren sogar dafür, den Solarstrom-Kapazität in Deutschland von jetzt rund 30.000 Megawatt auf 200.000 Megawatt ansteigen zu lassen. Das ist doch utopisch...

Im Gegenteil. Das ist sehr realistisch. Sinnvoll ist es, langfristig einen Strommix aus einem Drittel Solarenergie, einem Drittel Windkraft und einem Drittel sonstiger erneuerbarer Energien wie Wasser-, Biomasse- und Geothermie-Kraftwerken anzustreben. Dafür braucht man 200.000 Megawatt Solarstrom-Kapazität.

Irgendwo scheint immer die Sonne. Auf lange Sicht wird es ein weltweites Super-Netz für Solarstrom geben, ist sich der renommierte Forscher sicher. (Foto: Zhong Jing Solar)

Wenn die Sonne bundesweit scheint, liefern die Module dann mehr als doppelt so viel Strom, wie selbst bei maximalem Verbrauch benötigt wird. Das ist alles andere als effizient.

Es geht nicht um morgen. Es geht um die Zeit nach 2020. Bis dahin muss das Energiesystem so umgebaut werden, dass der Überschussstrom gespeichert werden kann – zum Beispiel mit Hilfe der vorhandenen Talsperren in Norwegen, in Batterien von Elektroautos oder durch Erzeugung von Wasserstoff oder Methan, das ins Erdgasnetz eingeleitet werden kann. Ich bin sicher: Langfristig wird es sogar ein weltweites Super-Netz geben, in dem Strommengen von Kontinent zu Kontinent geschoben werden können, dorthin, wo er gerade gebraucht wird. Dann braucht man gar keine Speicher mehr. Irgendwo auf der Erde scheint immer die Sonne.

Zurück zum Erneuerbare-Energien-Gesetz. Es war zur Einführung des Ökostroms gedacht. Nun, bei 25 Prozent Marktanteil, muss es verändert werden. Was schlagen Sie vor?

Es muss eine Veränderung geben, aber die darf nicht übers Knie gebrochen werden. Vorerst sollte es bei dem Mechanismus bleiben, wie er jetzt gilt: Die EEG-Umlage wird monatlich entsprechend dem Volumen des Anlagen-Zubaus gekürzt. Das funktioniert. Anfangs kostete die Kilowattstunde Solarstom 50 Cent, jetzt noch 15 bis 16, und wir bewegen uns auf zehn Cent zu. In der nächsten Legislaturperiode sollte dann das Großprojekt EEG-Umbau angepackt werden.

Die deutsche Photovoltaik-Industrie ist fast am Boden – sie ist gegenüber den Anbietern aus China nicht mehr konkurrenzfähig. Finanzieren wir mit der Öko-Umlage die chinesische Industrie?


Nein, nicht wirklich. Auch die Chinesen haben sich verkalkuliert. Weltweit gibt es riesige Überkapazitäten; es können doppelt so viele Solarmodule hergestellt werden wie abzusetzen sind. Dieser überzählige Maschinenpark besteht zu einem großen Teil aus deutschen Anlagen, die aber heute bereits nicht mehr kosteneffizient produzieren können. Die Chinesen verkaufen nun ihre Module unter Produktionskosten, um ihre Liquiditätsprobleme zu lösen. Für unseren Photovoltaik-Anlagenbau kommt es darauf an, in den nächsten Jahren für den Weltmarkt modernste, große Solarfabriken mit großen Kapazitäten anzubieten, die die jetzigen Preise noch unterbieten können. Dann ist er gut im Geschäft. Diese Anlagen können es Solarherstellern dann auch wieder erlauben, in Deutschland zu produzieren.

Interview: Joachim Wille

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