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Bitte setzt den Strompreis rauf!

Etscheits Alltagsstress

Wenn man mich vor ein paar Jahren gefragt hätte, wie hoch meine Stromrechnung ist, hätte ich ahnungslos mit den Schultern gezuckt. 100 Kilowattstunden? 1.000, 10.000 im Jahr? Was ist überhaupt eine Kilowattstunde? Und wie setzt sich der Preis zusammen? Habe mal was gehört von Grund- und Arbeitspreis. Kapiert habe ich das nicht. Und mit wie viel Euro schlägt eigentlich der Öko-Aufschlag zu Buche? Und was macht das dann alles pro Jahr? Puh, aber so viel kann es nicht sein, denn es würde einem ja irgendwie auffallen, wenn das Konto nach der monatlichen Abbuchung der Stadtwerke dauernd überzogen wäre.

Ich glaube, den meisten geht es so, wie es mir gegangen ist, bevor ich die Stromrechnung doch einmal etwas genauer studiert habe: Strom kommt aus der Steckdose und das Geld dafür vom Girokonto, per monatlicher Abschlagszahlung. Am Ende der Abrechnungsperiode nimmt man nur wahr, ob man etwas herauskriegt oder draufzahlen muss. Dann freut man sich kurz oder ärgert sich ein bisschen. Aber wer nicht gerade Hartz IV bezieht oder in die Privatinsolvenz gerutscht ist, dem geht das schlicht am Arsch vorbei.

Eine schwachsinnige Strompreisdiskussion

Deswegen halte ich die ganze Strompreisdiskussion, die jetzt im Vorwahlkampf von CDU und FDP losgetreten wurde, für schwachsinnig. Oder, besser gesagt, für ein gut durchschaubares Manöver, um uns die Energiewende madig zu machen und den Stromkonzernen die schönen Profite zu sichern. Hat auch schon ganz gut geklappt. EON, RWE und Vattenfall verdienen wieder richtig Kohle, selbst ohne Atom, und die Reputation der Erneuerbaren, allen voran die Solarenergie, hat signifikant nachgelassen.

Dabei gibt es jede Menge Studien, in denen minutiös vorgerechnet wird, dass es mitnichten die Ökostromförderung ist, die die Strompreise in die Höhe treibt, sondern vor allem die Profitgier der Energie-Oligopolisten. Von der Umwelt und vom Klima redet sowieso keiner mehr in dieser völlig überflüssigen Debatte, in der die sogenannten Verbraucherschützer übrigens eine ziemlich peinliche Rolle als Wasserträger der Konzerne spielen.

Überflüssig, wie gesagt, deshalb, weil wohl die wenigsten spontan Auskunft darüber geben können, was sie für ihren Strom berappen müssen. Ein eindeutiger Hinweis darauf, dass Elektrizität nicht zu teuer, sondern, im Gegenteil, viel zu billig ist. Deswegen gibt es auch keine wirklichen Anreize, Strom zu sparen. Wenn Strom einen Preis hätte, der in der Haushaltsbilanz wirklich zu Buche schlägt, würden es sich die Leute dreimal überlegen, ob es wirklich das Strom schluckende Heimkino mit einem Meter Bildschirmdiagonale sein muss oder der Monster-Kühlschrank mit Eiswürfelbereiter.

Ich hätte da einen Vorschlag:

Könnte man nicht den Strompreis kräftig anheben, vielleicht verdoppeln oder verdreifachen, damit die Leute endlich ein Gefühl dafür bekommen, dass Energie nicht aus der Steckdose kommt, sondern unter gewaltigen Kollateralschäden an Mensch und Umwelt mühsam erzeugt und transportiert werden muss? Damit die Konzerne nicht noch reicher werden, könnte man sie im Gegenzug dazu verpflichten, ihre Kunden zum Energiesparen anzuhalten. Sie müssten ihnen einen Energieberater ins Haus schicken und Boni gewähren für jede nicht verbrauchte Kilowattstunde.

Und zwar nicht nur dem Prekariat, wie das unser wohlgenährter neuer Bundesumweltminister, Peter Altmaier, in einem Anfall heuchlerischer sozialer Fürsorge angekündigt hat. Denn es sind sicher nicht die "Hartzis", die, wie es das Vorurteil will, von morgens bis abends an der Playstation sitzen und angeblich den meisten Strom verbrauchen, sondern die gut und besser Betuchten in ihren voll elektrifizierten, vollautomatisierten Einfamilienburgen. Muss auch mal gesagt sein.

Die Sparoffensive der Stromkonzerne könnte staatlicherseits von vielen kreativen Maßnahmen begleitet sein, etwa einer Dauer-Werbekampagne analog der Anti-Aids-Werbung. Oder einer Abwrackprämie für alte Stromschlucker und einem Top-Runner-Programm, das die jeweils energieeffizientesten Haushaltsgeräte europaweit zum Standard macht. Oder einer gesetzlichen Regelung, wonach Fernseher, CD-Spieler und anderes Unterhaltungsgerät wieder über einen simplen An/Ausknopf verfügen müssen. Oder einem Gebot, Schaufensterbeleuchtungen und die eine oder andere Straßenlaterne nach Mitternacht auszuschalten. Oderoderoder.

Konsequente Sparpolitik

Es gibt zahllose Möglichkeiten, wie man Privathaushalte, Gewerbe und Industrie relativ umstandslos dazu bringen könnte, weniger kostbaren Strom zu verbrauchen. Viel weniger. Der Bund Naturschutz in Bayern hat jüngst berechnen lassen, dass der Stromverbrauch in Bayern mit einer konsequenten Spar- und Effizienzpolitik bis 2050 mehr als halbiert werden könnte. Das wären dann auch weniger Windräder, die die Landschaft verschandeln und weniger Stromleitungen.

Ach ja, mein privater Stromverbrauch... Auf der letzten Rechnung der Münchner Stadtwerke waren es 1.100 Kilowattstunden, wohlgemerkt für einen Zwei-Personen-Haushalt. Das ist nicht sehr viel mehr als die Hälfte des derzeitigen durchschnittlichen Pro-Kopf-Verbrauchs von 1.910 Kilowattstunden jährlich. Und dieses Jahr dürfte unsere Rechnung noch günstiger ausfallen, weil der alte Kühlschrank seinen Geist aufgegeben hatte und der neue ein echtes Sparwunder sein soll. Außerdem habe ich den stromintensiven PC durch ein Laptop ersetzt; und das W-LAN wird jetzt immer nur dann eingeschaltet, wenn wir es tatsächlich brauchen. Das alles kostet, summa summarum, 317 Euro, Ökostromabgabe von 17 Euro Euro inklusive. Bei "normalem" Verbrauch wäre die Rechnung doppelt so hoch. Der nächsten Strompreiserhöhung sehe ich außerordentlich gelassen entgegen.

Der Autor und Journalist aus München engagiert sich seit vielen Jahren im Umwelt- und Klimaschutz.

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