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Eon auf Verkaufstour

Großbritannien ist offensichtlich weiterhin an neuen Atomkraftwerken interessiert: Energieminister Charles Hendry sei "egal", wenn Russland oder China sich die Horizon Nuclear Power kauft. Dieses Atom-Joint-Venture hatten RWE und Eon einst im Vereinigten Königreich gegründet, die Neubaupläne aber im März begraben. Für das Gasnetz von Eon gibt es außerdem ein neues Gebot von einer australischen Bank: 3,2 Milliarden Euro.

Von Nick Reimer

Europas größter Energiekonzern will sich weiter verschlanken - allerdings aus unterschiedlichen Beweggründen. Einerseits muss Eon eine Auflage der Europäischen Kommission erfüllen. 2008 hatte die damalige EU-Wettbewerbs-Kommissarin Neelie Kroes ein Kartellrechtsverfahren gegen den Branchenprimus eröffnet:  Die Vorwürfe sind gravierend, Eon habe eine marktbeherrschende Stellung, "Zurückhaltung von Kapazität, die Abschreckung Dritter, in die Stromerzeugung auf dem deutschen Stromgroßhandelsmarkt zu investieren, die Begünstigung verbundener Unternehmen auf dem deutschen Regelenergiemarkt und die Behinderung anderer Mitgliedsstaaten", hieß es in der Urteilsbegründung der EU. Kurz: Weil Eon seine Marktmacht missbraucht hat, sei der Konzern zu zerschlagen.


Mehr als 50 Prozent des in Deutschland genutzen Erdgases geht durch Röhren, die Eon gehören - zumindest noch. Das Netz muss wegen des Kartellrechtsurteils der EU verkauft werden. (Foto: GASAG)

Es folgten monatelange Verhandlungen mit dem Ergebnis, dass Eon seine Zerschlagung doch noch abwenden konnte: Als Ergebnis des Kartell-Verfahrens muss Eon auf seinem Heimatmarkt schrumpfen. Milliardenschwere Anteile an Kohle-, Atom- und Wasserkraftwerken gingen über die Ladentheke. Rund 5.000 Megawatt seiner Kraftwerkskapazitäten in Deutschland musste Eon abstoßen, ein Fünftel aller Eon-Kraftwerke, was Eon geschickt durch Anteilstausch bewerkstelligte: Der viertgrößte deutsche Stromkonzern EnBW übernahm beispielsweise Laufwasserkraftwerke von Eon, im Gegenzug überließ EnBW Eon Kraftwerksanteile in Frankreich.

Zudem verkaufte Eon sein Stromnetz, nun folgt auch noch das Gasnetz. Mit etwa 12.000 Kilometern ist es das größte in Deutschland, mehr als 50 Prozent des in Deutschland genutzten Erdgases geht durch Röhren der Eon-Tochter Open Grid Europe, die bis 2010 Eon Gastransport hieß. Medienberichten zufolge habe die die australische Bank Macquarie 3,2 Milliarden Euro für das Netz geboten - zusammen mit dem Pensionsfonds der Versicherungen Münchener Rück und Ergo sowie ein Fonds aus Abu Dhabi. Außerdem liegt ein zweites Angebot vor - Eon-Konkurrent GDF Suez aus Frankreich hat drei Milliarden Euro geboten. Hauptaktionär ist bei GDF Suez mit 35 Prozent der französische Staat, weil er die Gasversorgung als staatsstrategisches Ziel betrachtet.

Nach Jahren mit gigantischen Gewinnen erstmals wieder ein Milliardenverlust

Eon äußerte sich offiziell zwar nicht zum Vorgang, allerdings ist bekannt, dass die Deutschen lieber an einen Investor, statt an einen Konkurrenten verkaufen. Noch im Mai soll eine Entscheidung im Vorstand fallen. Eon war durch das Missmanagement auf dem Heimatmarkt schwer ins Trudeln geraten. Im vergangenen Jahr hatte Eon erstmals mit einem deutlich rückläufigen Konzernergebnis abgeschlossen, 2,2 Milliarden Euro Verlust. Die sofortige Stilllegung von Atomkraftwerken, die von der Bundesregierung beschlossene Brennelementesteuer und milliardenschwere Abschreibungen in Italien und Spanien führten zu dem Rekordverlust. Im Jahr zuvor fuhr das Unternehmen noch einen Gewinn von 5,8 Milliarden Euro ein. Weltweit will der Konzern 11.000 Jobs streichen, in Deutschland sollen 6.000 Menschen ihren Job verlieren.

Hoffnung auf frisches Geld kann sich Eon auch in Großbritannien machen. Gemeinsam mit RWE hatte Eon hier das Joint-Venture Horizon Nuclear Power gegründet, um neue Atomkraftwerke zu bauen. Dass es die Deutschen ernst auf der Insel meinten, verdeutlichen 230 Millionen Euro, für die das Tochterunternehmen ein Grundstück auf der walisischen Insel Anglesey kaufte, um dort ein neues Atomkraftwerkes zu bauen. Bis 2025 sollte das Kraftwerk mit einer Leistung von 3.300 Megawatt ans Netz gehen. Dann aber kam das Umdenken im Management - und RWE sowie Eon zogen die Reißleine. Weil der britische Staat keine Subventionen zahlen wolle, fehle den Atomprojekten die Wirtschaftlichkeit, so die Begründung.

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Die britischen Atomstandorte - derzeit. Bis 2025 sollen mindestens doppelt so viele hinzu kommen. (Grafik: KRA)

Vielleicht sind die Millionen aber nicht umsonst ausgegeben worden. Der britische Energieminister Charles Hendry will weiterhin neue Atomkraftwerke auf der Insel. "Wir sollten keinen Zweifel daran lassen, dass der Verkauf dringend ist", sagte Hendry vor einem Ausschuss des britischen Parlamentes am Dienstag. Denn die britischen Atompläne - 10 neue AKW sollen bis 2025 ans Netz - sind mit der Zukunft Horizon Nuclear Power verknüpft. Woher die Käufer kämen, sei ihm deshalb egal, so lange sie Erfahrung mit Atomenergie hätten, sagte der Minister.

Laut jüngsten Medienberichten soll Russlands staatlicher Energiekonzern Rosatom genauso interessiert sein, wie chinesische und japanische Energieriesen. Sogar Investoren aus dem arabischen Raum sollen vorstellig geworden sein. Volker Beckers, Chef der RWE-Tochter npower, wollte das vor dem Parlamentsausschuss zwar nicht bestätigen. Er nährte aber die Verkaufshoffnung für Horizon Nuclear Power. Beckers: "Wir sind in konkreten Gesprächen mit potentiellen Investoren."

175 Windräder vor der Themse-Mündung

Derzeit liegt der Anteil der Atomenergie in Großbritannien bei knapp 15 Prozent, bis 2025 soll er nach Regierungsplänen auf 25 Prozent wachsen.

Im März vergangenen Jahres hatte Eon sein Stromnetz in Großbritannien wegen des EU-Kartellrechtsureils ebenfalls verkaufen müssen, der Kaufpreis betrug damals 4,7 Milliarden Euro. Auf einem anderen Gebiet darf Eon allerdings ausdrücklich wachsen: bei den erneuerbaren Energien. So hat Eon im Mai damit begonnen, den  vorerst größte Windpark in der Nordsee aufzubauen. Das Projekt London Array soll 20 Kilometer vor der Temsemündung mit 175 Windrädern der 3,6 Megawatt-Klasse entstehen, in dieser Woche begann die Verschiffung der Siemens-Türme nach Großbritannien.


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