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Schwedisches Staubsauger-Jubiläum

Der schwedischer Vattenfall-Reaktor Ringhals steht nun seit einem Jahr still – wegen eines vergessenen Staubsaugers. Immerhin hat die Schlamperei die schwedische Atomaufsicht auf die Spur umfassender Sicherheitsprobleme im Hause Vattenfall gebracht.

Aus Stockholm Reinhard Wolff

Ein Jubiläum der besonderen Art: Seit nunmehr einem Jahr steht Reaktor 2 des schwedischen Vattenfall-AKW’s Ringhals still. Abgestellt hat ihn ein Staubsauger. Das ist kein Aprilscherz, sondern ein Symptom für grundsätzliche Sicherheitsprobleme der schwedischen AKW’s. Die hatte die Aufsichtsbehörde "Strålsäkerhetsmyndigheten" (SSM) nun veranlasst, allen AKW-Betreibern neue Sicherheitstests abzuverlangen. Und die Drohung des Entzugs von Betriebserlaubnissen steht im Raum.


Inmitten von Kuhweiden und unter einem sehr blauen Himmel liegt idyllisch das AKW Ringhals. Tatsächlich aber steht die Anlage aufgrund einer Pannenserie sei 2009 unter "verschärfter Aufsicht" der Strahlenschutzbehörde. (Foto: Tubaist / Wikimedia Commons)

Einige Stunden Stillstand einsparen und damit ein paar Stunden zusätzliche Stromproduktion herausholen, wollte die Ringhals-Betriebsleitung offenbar vor Jahresfrist. Bevor der am 1. April 2011 für eine routinemäßige Revision abgestellte Reaktor 2 wieder ans Netz gehen durfte, musste eine Druckprobe des Reaktorbehälters stattfinden. Die wurde außerplanmäßig vorgezogen und dabei etwas vergessen: ein Staubsauger des Reinigungsteams. Als der Druck beim Wiederanfahren erhöht wurde, schloss der Staubsauger kurz, fing Feuer und fackelte alles brennbare Plastik in der Umgebung ab.

Kleine Ursache, viel klebriger Russ: Die danach notwendige Sanierung des Reaktorbehälters mit Reinigung von mehr als Zehntausend russgeschwätzten Einzelteilen dauerte mehrere Monate. Und dürfte dem Ringhals-Betreiber zusammen mit dem außerplanmäßigen Stillstand bislang rund 300 Millionen Euro gekostet haben. Außerdem entdeckte man bei den Reinigungsarbeiten in den Rohren des Notkühlsystems Dichtungen und anderen Müll, der offenbar bei Schweißarbeiten Anfang der 1980er Jahren dort vergessen worden war. Dieser Müll hätte den Wasserdurchfluss dieses Kühlsystems im Ernstfall um 15 Prozent reduziert. Gemerkt hatte dies bei unzähligen Inspektionen über drei Jahrzehnte lang niemand.

Die Aufsichtsbehörde SSM fand das erstaunlich, bohrte nach und stellte fest, dass die Drucktests der Notkühlrohre nicht mit Wasser, sondern mit Druckluft und ohne visuelle Kontrollen erfolgten. Hindernisse der fraglichen Art konnten damit gar nicht auffallen. Ein in der Reaktortechnik offenbar weit verbreiteter Systemfehler, konstatiert SSM nun: Man habe Erwartungen an Tests, die diese überhaupt nicht erfüllen könnten.

"Pseudo-Tests", die fast zum GAU in Forsmark geführt hatten

Außer für Rohre, Kühlsysteme und die Pumpenkapazität von Sprinkleranlagen ermittelte man in den vergangenen Monaten ähnliche Probleme bei Ventilprüfungen. "Man testet nicht mit adäquaten Mitteln", sagt Björn Karlsson, Professor für Energiesysteme an der Universität Linköping und Ex-Vorsitzender des Reaktorsicherheitsgremiums bei SSM. Und merke irgendwann rein zufällig, wie wenig aussagekräftig die seien.

Auch beim bislang schwersten Zwischenfall in einem schwedischen Atomreaktor, dem Beinahe-Gau im AKW Forsmark 2006, habe ein solcher "Pseudo-Test" eine zentrale Rolle gespielt: Die dortigen dieselgetriebenen Notstromgeneratoren hatte man jahrzehntelang nur manuell in Gang gesetzt. Als man sie dann wirklich brauchte, funktionierte aber eine – nicht routinemässig getestete - Automatikfunktion nicht, so dass der Reaktor fast eine halbe Stunde ohne Stromversorgung blieb.

Die bisherigen Sicherheitstests decken nicht alle denkbaren Fehler und Situationen ab, meint Leif Karlsson, Abteilungschef  bei der SSM: "Darüber sind wir wirklich ernsthaft beunruhigt. Kann man sich auf die Sicherheit nicht verlassen, weiss man ja gar nicht, wo man mit der Technik steht."


Blick ins Ringhals-Innere: Der Turbinenraum des Atomkraftwerks. (Foto: Vattenfall)

Zwar zeigt die Geschichte der Atomtechnik, dass es wohl illusorisch ist, alle denkbaren Situationen und Fehlerkonstellationen durchzuspielen, doch SSM will nun zumindest, dass alle AKW-Betreiber ihre Sicherheitstests gründlicher unter die Lupe nehmen. Und auch die Politik ist aufgewacht. Bis Oktober muss die Aufsichtsbehörde ihrerseits der Regierung einen Rapport über die Sicherheitslage der schwedischen AKW’s präsentieren. "Ich bin irritiert", kommentiert die für die Reaktorsicherheit zuständige Umweltministerin Lena Ek die ständig neuen Fehlermeldungen. Sie verweist auf die Flugzeugindustrie, in der offenbar wesentlich minutiösere Kontrollen stattfänden und eine bessere Sicherheitskultur herrsche, als  bei den Reaktorbetreibern: "Wenn wir nicht zufrieden sind, wird das ultimative Mittel der Entzug der Betriebserlaubnis sein."


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